Josiane,verwaiste Muttererzählt
Die Geschichte von Ronja & Jasmin
Josiane erzählt von einem langen Weg zum Mutterwerden, der von Hoffnung, Schmerz und tiefer Sehnsucht geprägt ist. Wegen einer Endometriose und der Krankheitsgeschichte ihres Mannes scheint eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg kaum möglich. Es folgen medizinische Behandlungen, Operation, Hormone, Insemination und schliesslich eine künstliche Befruchtung. Der positive Test löst grosse Freude aus – und doch begleitet Josiane eine beharrliche Angst, dass das Glück zerbrechlich ist. Als es zur Fehlgeburt kommt, bricht ihre Welt zusammen. Trotz der Erschöpfung und den inneren Konflikten bleibt ihr Kinderwunsch übermächtig. Josiane sucht neue Wege, lässt sich alternativ begleiten und lernt, ihrer Intuition mehr Raum zu geben. Als sie später spontan schwanger wird, fühlt sich vieles anders an – und doch ist ihre Geschichte noch nicht zu Ende erzählt.
Diagnose und Behandlungen
Mathias: Wir sind heute zusammengekommen, um über dein Erlebtes zu sprechen. Beginnen wir mit Phase eins, Schwangerschaft und erste Anzeichen von Komplikationen.
Josiane: Unsere Herausforderungen begannen bereits vor der Schwangerschaft, da ich nicht schwanger wurde. Wir liessen das abklären, und es wurde die Diagnose Endometriose gestellt. Weisst du, was das ist?
Mathias: Ich habe es schon gehört, aber …
Josiane: Bei Endometriose ist es so, dass sich Gebärmutterschleimhaut nicht einfach mit der Menstruation ablöst, sondern sich im ersten Teil des Zyklus an verschiedensten Orten im Körper ansiedelt. Das kann im Darm sein, am Eileiter oder an der Gebärmutter, wo Entzündungsherde entstehen, und dadurch starke Schmerzen auslösen. Seit dem ersten Tag meiner Menstruation hatte ich starke bis stärkste Menstruationsbeschwerden. Auch mein Mann hatte eine medizinische Vorgeschichte mit Hodenkrebs. Es gab also auf beiden Seiten Belastungen, und es stellte sich mit der Zeit heraus, dass eine Schwangerschaft sehr wahrscheinlich nicht auf natürlichem Weg eintreten würde. Die Therapie bei Endometriose besteht darin, diese Herde durch einen operativen Eingriff weglasern zu lassen oder Hormone einzunehmen, um den Zyklus zu unterdrücken. Dadurch reduzieren sich die Entzündungen und die Chance auf eine Schwangerschaft ist grösser. Natürlich war für mich wegen dem grossen Wunsch klar, mich einer Operation zu unterziehen. Die Behandlung mit Hormonen konnte ich mir zu dem Zeitpunkt nicht vorstellen. Wir machten viele alternative Therapien wie Akupressur, chinesische Medizin, Bioresonanz und so weiter. Schlussendlich gingen wir schulmedizinisch weiter. Zuerst eine Insemination. Dabei werden die Spermien aufbereitet und anschliessend eingespritzt. Der Rest wird der Natur überlassen, entweder findet eine Befruchtung statt oder nicht. Das erfolgt zum Zeitpunkt des Eisprungs. Vorher spritzt man Hormone. Diese Schritte haben wir gemacht, aber es gab keinen positiven Schwangerschaftstest. Dann machten wir weiter und entschieden uns für eine künstliche Befruchtung. Das war eine ICSI. Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Bei der ICSI werden ein Spermium und eine Eizelle ausserhalb des Körpers zusammengeführt und im Labor befruchtet. Zur Vorbereitung gehört die Hormontherapie, das Auslösen des Eisprungs, und danach wird das befruchtete Ei wieder in den Körper eingesetzt. Der Körper muss hormonell so vorbereitet sein, dass es bleiben kann. Das war emotional und körperlich sehr happig. Ein Wechselbad der Gefühle, bergauf und bergab. Es macht sehr viel mit einem. Man ist nicht mehr sich selbst. Wir hatten einen positiven Schwangerschaftstest! Was für eine Freude! Trotzdem hatte ich wahnsinnige Angst, dass es nicht gut kommen könnte. Heute weiss ich, dass diese Angst ein sehr schlechter Begleiter war. Ich glaube, sonst wäre vielleicht alles anders gegangen. In der sechsten Woche, also sehr früh, etwa zwei Wochen nach dem Test, spürte ich, dass etwas nicht in Ordnung war. Dieses Ziehen und dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Ich fühlte mich auch nicht schwanger. Ich war vorher noch nie schwanger gewesen, vielleicht hatte ich einfach kein Gefühl dafür. Mit diesem unguten Gefühl ging ich zur ärztlichen Kontrolle. Es zeigte sich nicht klar, dass etwas nicht in Ordnung war, sondern nur, dass die Situation noch unklar war. Es war noch viel zu früh. Ich glaube, zwei Tage später bekam ich starke Bauchschmerzen, und dann kam der Abort. Die Welt ist zusammengebrochen. Ja, wirklich, die Welt ist zusammengebrochen. Ich kann es nicht anders sagen. Ich war damals bereits neununddreissig Jahre alt. Nach dieser erneuten schmerzhaften Erfahrung war für mich klar, dass die Schulmedizin nicht mehr der Weg sein konnte. Ich bin Pflegefachfrau und kenne einfach zu viele Dinge, auch diese Hormone und was sie mit einem machen können, die Risiken und alles. Heute weiss ich, ich war sehr stark im Fachlichen verhaftet. Und eben auch diese Angst, von der ich gesprochen habe. In diesem Lebensabschnitt war die Angst ein sehr grosser Begleiter von mir. Ein Lebensbegleiter, leider. Für meinen Mann war bereits nach dem ersten Mal klar, dass er den Weg nicht mehr auf diese Weise weitergehen möchte. Aber bei mir war der Kinderwunsch so riesig. Wir haben es dann noch ein weiteres Mal versucht. Die erste Insemination hatte nichts ergeben, danach kam der positive Schwangerschaftstest und dann die Fehlgeburt. Nach all dem ging ich jede Woche zu einem betagten, weisen und sehr erfahrenen Mann im Berner Seeland. Weit über die Region hinaus hat er Paare mit seinen Techniken und seiner Akupressur begleitet. Er hat u.a. auch gependelt. Vorwiegend wendete er eine spezielle Form der Fussakupressur an. Mehr als 1 Jahr war ich fast wöchentlich bei ihm in Behandlung. Er äusserte immer wieder auf mein hartnäckiges Nachfragen, dass es mit einer Schwangerschaft klappen werde. Das war ein grosser Hoffnungsschimmer, die Zeit dafür aufzuwenden.
Mathias: Hattest du die Angst immer noch dabei?
Josiane: Ja. Mein Mann begleitete mich sehr regelmässig. Ihn interessierte die spezielle Technik der Fussakupressur sehr. Die beiden führten intensive Gespräche über Gott und die Welt miteinander. Das war immer herrlich. Es war auch jedes Mal ein schöner Ausflug. Rund zwei Jahre nach der Fehlgeburt, mit einundvierzig, wurde ich spontan schwanger. Für uns war klar, dass wir dies ihm zu verdanken hatten. Das war ein wahnsinniges Gefühl. Es war schon auch Angst da, doch gefühlt weniger.
Mathias: Vielleicht hast du gedacht, vielleicht hätte es jetzt so sein müssen, und jetzt ist es gut?
Josiane: Genau, richtig. Es hatte jetzt diese Zeit gebraucht. Und das Gefühl war ganz anders, da es eine spontane Schwangerschaft war und ich nicht mit Hormonen vollgepumpt war. Leider währte das Glück auch dieses Mal nicht lange. Die Schwangerschaft dauerte etwas länger, 8 Wochen. Ich fühlte mich auch schwanger. Auch dieses Mal bahnte es sich wieder an. Ich merkte, dass sich mein Gefühl verändert hatte. Plötzlich hatte ich ein anderes Gefühl. Ich weiss noch genau, an diesem Abend auf der Toilette.
Mathias: Warst du dann daheim?
Unmittelbar nach dem Tod
Josiane: Es ist eine Welt zusammengebrochen. Es macht mich auch jetzt emotional, wenn ich das erzähle. Ich war bereits in einem Alter, in dem es schwierig werden würde, dass es nochmals klappen könnte. Es war brutal, hart und so traurig.
Mathias: War dein Mann dann bei dir?
Josiane: Er war dann daheim, ja.
Mathias: Habt ihr das zusammen betrauert?
Josiane: Ja, aber das ist dann etwas, was noch viel später kommt. Er war der Starke. Und bei mir ist die Welt zusammengebrochen. Bei ihm auch, aber bei mir war es wirklich ein Riesenloch. Gott sei Dank habe ich gearbeitet, so war ich wenigstens ein Grossteil des Tages beschäftigt.
Mathias: Hat dir das dann geholfen?
Mathias: Konntest du körperlich gut weiterarbeiten? Oder hat es keine Rolle gespielt und du hast es einfach gemacht?
Josiane: Ich habe einfach weitergearbeitet. Das war eine Phase, in welcher 2 meiner Bürokolleginnen ebenfalls schwanger waren. Diese beiden Kinder haben mich immer sehr stark daran erinnert, dass unsere Kinder nun auch so alt wären. Ja, die Arbeit hat sehr geholfen.
Mathias: Wie war das denn, dass viele nicht wussten, was passiert war, und du nicht als Trauernde wahrgenommen wurdest?
Josiane: Ich war eine Meisterin im Überspielen. Nach aussen hin. Nur wenige Arbeitskolleginnen und Mitarbeitende wussten über die Aborte Bescheid. Und die Menschen, die mir näherstanden. Doch ich wollte es nicht zu einem grossen Thema machen. Ich wollte diese enorme Trauer und meine Opferhaltung nicht nach draussen tragen, vor allem nicht bei der Arbeit. Ich hatte in all diesen Jahren eine Führungsrolle. Vielleicht habe ich mich deshalb etwas mehr zusammengenommen, damit ich nicht vor meinem Team tränenüberströmt und völlig aufgelöst meine Geschichte erzähle. Zu Hause liess ich mich jeweils sehr fallen, da dieses «sich zusammennehmen» tagsüber sehr anstrengend war. Ich war in der Opferrolle gefangen. Für mich war es das Schlimmste auf der Welt, das mir widerfahren ist. Ich sah alles nur mit den Augen, was nicht hatte. Dabei war doch so viel anderes in meinem Leben gut. Mit der Zeit habe ich niederschwelliger darüber erzählt. z.B. wenn ich Geschichten von Mitarbeitenden hörte, die schwanger werden wollten oder schwanger waren und mich auch darauf angesprochen haben. In diesem Alter wirst du angesprochen. Dazu habe ich noch etwas Eindrückliches zu erzählen: Am Abend des 2. Aborts hatte ich abends eine Teamsitzung. Und ich habe diese Teamsitzung vor zwanzig Mitarbeitenden abgehalten. Für mich war klar, dass ich das mache. Heute denke ich, was hast du da gemacht? Ich habe keine Ahnung, wie ich das geschafft habe. Ich habe es einfach gemacht. Ich habe mich zusammengerissen. Meiner Chefin habe ich es nachher schon gesagt. Sie sagte zu mir, nein, das machst du nicht. Doch ich wollte das einfach durchziehen. Ich wusste einfach, dass es mit viel Aufwand verbunden ist, wieder ein neues Datum zu finden. Ich habe einfach funktioniert.
Mathias: Wie hat es sich nachher gezeigt, nach der Sitzung? Ist es dann umso heftiger gekommen, oder hast du gedacht, dass es vielleicht gut war und du so einen Moment Abstand hattest?
Josiane: Ich war völlig ausgelaugt, erschöpft, völlig am Boden. Es hat so viel Kraft gebraucht, das durchzuziehen. Und ich meine, das sind nicht immer Teamsitzungen, die einfach schnell, zügig und locker ablaufen. Da kommen Fragen. Da braucht es Argumente. Es war so heftig, und ich weiss gar nicht mehr, ob mein Mann mich abgeholt hat. Das weiss ich alles nicht mehr. Es ist, wie gesagt, lange her, fünfzehn Jahre. Aber ich war einfach nudelfertig. Ich weiss auch nicht mehr, ob ich in den nächsten Tagen krankgeschrieben war oder wie das war. Ich war sehr selten krank. Wenn ich einmal nicht zur Arbeit ging, hatte das mit diesen künstlichen Befruchtungen zu tun, mit den Hormonen, mit Ultraschall, mit dem Spritzen und all dem. Sonst fehlte ich deswegen sehr wenig. Aber ja, es hat irgendwie geholfen, zu überleben. Und du musst ja stark sein. Das war damals eine Überlebensstrategie von mir.
Mathias: Würdest du wieder … Also, es ist immer eine schwierige Frage mit diesem «Würdest du wieder, wenn …», denn wenn wir zurückgehen könnten, würden wir es ja genau gleich machen. Aber wenn du jetzt zurückdenkst, welchen Tipp würdest du dir selbst geben, oder welchen Richtungsgeber?
Josiane: Mich selbst an erste Stelle setzen. Alles andere hat keine Bedeutung. Den Körper nicht unterdrücken, die Seele nicht unterdrücken, und dem Gedankenkarrussel in diesem Moment weniger Gewicht geben. Für mich einstehen. Das hat oberste Priorität. Nicht, was der andere denken könnte, und nicht, dass man hinstehen und sagen muss, ich habe das und das gehabt. Ja, es hätte einen Rattenschwanz gehabt. Aber auf jeden Fall für sich selbst einstehen. Es war klar, dass künstliche Befruchtung nicht mehr infrage kam. Ob es spontan noch einmal klappen würde … Ich ging dann weiter weniger regelmässig zu diesem hoch betagten Mann in die Akupressur, da meine Hoffnung mit 41 Jahren nach wie vor da war. Mein Mann hat mir viel, viel später gesagt, dass er damals bereits gewusst habe, dass es nicht klappen würde. Aber weil mein Wunsch so gross war, konnte er mir das natürlich nicht sagen.
Mit der Trauer Leben
Mathias: Wie ist es gewesen: kinderlose Eltern und die Hoffnung?
Josiane: Ich habe mir manchmal gewünscht, fast schon widersprüchlich, dass mich Menschen nach unserem Kinderwunsch fragen. Gleichzeitig wollte ich es nicht, weil ich wusste, dass es einen Wasserfall auslösen kann. Da bin ich immer ein bisschen hin- und hergeschwankt. Ich war als Kinderkrankenpflegefachfrau seit jeher eine riesige Kinderfreundin. Und ich bin es immer noch. Mit fünf habe ich geäussert, dass ich Mama werde. Mit fünf habe ich auch gesagt, dass ich Säuglingsschwester werde. Das bin ich geworden. Mama bin ich nicht irdisch geworden, sondern geistig. Es gibt diesen Spruch, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Sie war einfach da. Lange, lange. Ich glaube, bis fünfundvierzig war. Sie ist immer wieder etwas abgeflacht, aber die Hoffnung auf ein Wunder gab ich nicht auf. Dass es doch nicht sein kann. Und dass wir doch wunderbare Eltern wären. Diese Hoffnung war einfach irgendwo immer da. Es hat mir sehr, sehr geholfen, dass ich Gotti sein durfte. Ich bin Gotti von sehr vielen Kindern, und eine meiner Freundinnen hat in dieser Phase Zwillinge bekommen. Das war für mich heilsam. Dafür bin ich unendlich dankbar. Diese Zwillinge habe ich sehr oft und sehr regelmässig ganze Tage bei mir zu Hause gehütet. Das waren wundervolle nährende und heilsame Tage.
Mathias: Also hast du auch ein bisschen die Mami-Rolle übernommen, oder?
Josiane: Ja, genau. Darum sage ich, es war heilsam. Für mich war das Leben pur. Ich hatte die Kinder, sie haben mich geliebt, ich habe sie so geliebt, und das hat mir unglaublich viel gegeben. Ich habe mich immer sehr auf sie gefreut, und es war jedes Mal ein schöner Tag. Das ging so, bis sie in die Spielgruppe kamen. IEs war etwas so Schönes. ich freute mich auch auch, dass ich meine damalige Freundin unterstützen und entlasten konnte. Das war das eine. Aber es hat mir selbst, uns, auch sehr viel gegeben. Es war einfach ein unglaubliches Geschenk. Diese 2 Mädchen sind in der Zwischenzeit erwachsen. Es war einfach wunderbar. Es war anstrengend, natürlich, aber es war ja nicht mein Alltag. Das ist ja klar. Ich hatte in diesem Sinn keine klassische Erziehungs- oder Begleitungsfunktion. Beim Gotti ist immer alles etwas anders, das ist klar. Es ist ein bisschen einfacher, man kann auch ein bisschen verhandeln.
Mathias: Es ist geballt.
Josiane: Es ist immer sehr geballt. Ich habe natürlich immer etwas mit ihnen unternommen. Und das war für mich sehr, sehr heilsam. Und was dabei spannend ist, darüber muss ich immer schmunzeln, wenn ich es erzähle. Wenn sie am Abend abgeholt wurden oder ich sie wieder nach Hause gebracht habe, war es plötzlich wieder so still zu Hause. Ich sass auf dem Sofa und war mir meiner Freiheit bewusst, dass ich nun wieder nur für mich da sein kann und tun kann, wozu ich Lust habe. Das habe ich jeweils sehr bewusst genossen. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch. Das habe ich in solchen Momenten bewusst gemerkt. Ich habe mir auch immer wieder die Frage gestellt, wie ich als Mama gewesen wäre. Hätte ich das überhaupt gekonnt? Wäre ich überhaupt eine gute Mama gewesen? Wäre ich geduldig gewesen? Was hätte ich mit meinem Freiheitsgen gemacht? Das wurde mir richtig bewusst, dass ich nicht immer nur im Mangel denken muss, weil ich nicht Mama bin. Ich habe die Zeit mit ihnen immer so sehr geliebt. Und jetzt darf ich wieder mein Leben leben. Das habe ich durch sie schätzen gelernt. Erst dadurch ist mir das wirklich bewusst geworden. Es verlor etwas von seiner Dramatik. Natürlich war die Trauer um den Verlust und die Nichterfüllung dieses grossen Wunsches immer noch ein riesiges Thema. Doch die die intensive Zeit mit den Patenkindern hat mir sehr geholfen. Manchmal haben wir auch andere Patenkinder gehütet, das war jeweils Seelenbalsam. Und klar waren es sind nicht vierundzwanzig Stunden, nicht sieben Tage, nicht dreihundertfünfundsechzig Tage. Ich konnte mit diesen Kindern die schönen und angenehmen Momente geniessen, Für uns war es einfach so heilsam. Gleichzeitig haben mein Mann und ich immer wieder gemerkt, dass wir ganz spontan etwas unternehmen konnten, am Wochenende wegfahren. Irgendwann konnten wir die positiven Aspekte sehen und waren nicht mehr so im Leid gefangen.
Mathias: Das war dann, wie du gesagt hast, so um fünfundvierzig herum, oder? Dass du ein bisschen Frieden mit deinem Schicksal gefunden hast.
Josiane: Ja. Ich glaube, mit fünfundvierzig ist die Hoffnung natürlich noch einmal stark geschwunden. So um siebenundvierzig herum war es wirklich klar. Und dieses Gefühl, Mama zu sein, ist ein Urbedürfnis, ein Urgefühl. Bei mir war das sehr stark. In dem Dorf im Wallis, in dem ich aufgewachsen bin, bin ich schon mit sieben Jahren mit Babys und kleinen Kindern im Kinderwagen von A nach B spazieren gegangen und wieder nach Hause. Man sagte mir, ich dürfe das Kind nicht herausnehmen, ich sei noch zu klein. Dann setzte ich mich auf eine Bank, nahm es trotzdem heraus und schaukelte es ein wenig. Ich war im Dorf fürs Kinderhüten bekannt. Ich habe immer Kinder gehütet. Ich habe das immer schon geliebt. Für mich ist das einfach etwas ganz Tiefes. Es ist ein tiefes Urbedürfnis. Es ist alles andere als verwunderlich, dass ich Kinderkranken-Pflegefachfrau geworden bin. In diesem Beruf durfte ich für kranke Kinder da sein. Zeit mit den Kindern verbringen zu dürfen, war für mich immer etwas so Tiefes, Befriedigendes, Erfüllendes, Nährendes und Beseelendes.
Mathias: Was möchtest du dir von damals sagen? Vorhin hast du gesagt, du würdest diese Frage an die erste Stelle setzen. Wie war es mit der Angst? Gibt es etwas, das du dir aus heutiger Sicht sagen könntest, das dir mit deiner Angst helfen würde?
Josiane: Ja. Ich würde mir sagen: vertraue, alles hat seinen Grund, alles hat seinen Sinn, alles hat seine Richtigkeit. Alles wird sich fügen. Wenn man vertraut, ist man bei sich. Dann sucht man nicht im Aussen, dann ist man nicht in der Kontrolle, nicht in der Angst. Dann fliesst alles. Und wenn es fliesst, vom Körper, vom Kopf und von der Seele her, dann ist man im Einklang mit dem Leben und vertraut. Dann vertraut man dem, was ist.
Mathias: Hast du das vielleicht auch dort gemerkt, wo du später gesagt hast, dass du Frieden mit dem Schicksal gefunden hast? Dass du gemerkt hast, dass nicht einfach alles schwarz ist? Sondern dass du, wenn du die Augen öffnest, siehst du, dass auch das Negative immer eine positive Kehrseite hat?
Josiane: Ja. Ich habe mit der Zeit gemerkt und gelernt, dass das Leben auch ohne Kinder lebenswert ist. Für mich war es das lange nicht. Ich hatte das Gefühl, ein Leben ohne Kind sei nicht lebenswert. Wenn ich mich das heute sagen höre, denke ich, das klingt seltsam. Aber damals war es so. Ich hatte das Gefühl, gerade ich, mit meinem riesigen Herz für Kinder und diesem riesigen Kinderwunsch, erlebe nun das Schlimmste. Ich habe mich betrogen gefühlt. So würde ich es heute sagen. Es klingt seltsam, wenn ich das sage, aber ich habe mich betrogen gefühlt, weil ich diese Erfahrung nicht machen durfte. Das kann ich wirklich so sagen. Das Schwierige ist, dass man, wenn man mittendrin steckt, überall schwangere Frauen sieht., Babys, kleine Kinder und Familien. Oder wenn du in die Ferien gehst. Darüber könnte ich zehn Minuten erzählen, wie die Ferien manchmal waren. Ich habe geweint, im Speisesaal. Für meinen Mann war es manchmal wirklich schwierig. Ich habe wirklich getrauert, und ich merke im Nachhinein, dass es immer noch etwas macht. Auch wenn ich weiss, dass alles seine Richtigkeit hat. Ich bin heute wirklich im Frieden damit, doch natürlich wirbelt dieses Gespräch gerade Emotionen auf. Die Trauer war unglaublich. Es war ein Lebenstraum. Es war der Urwunsch oder das Urgefühl, das nicht erfüllt wurde. Es war wie eine Leere. Da fehlt einfach etwas.
Mathias: Wie lange hast du diese intensive Trauerphase wahrgenommen? Oder wie lange würdest du sagen, dauerte diese intensive Trauerphase? Ich stelle mir das schon lange vor, aber …
Josiane: Ich würde sagen ca. 5 – 6 Jahre. Danach hat es abgenommen. Und es gab ganz viele Situationen, in welchen die Trauer wieder aufgeploppt ist. Manchmal war es ein Blick, manchmal ein Wort, manchmal ein Kinderwagen, manchmal eine Familie, manchmal weiss ich auch nicht was. Während meinen langen Berufsjahren in der Kinderklinik und in der Kinderspitex war ich tagtäglich konfrontiert mit Kindern und deren Familien. Ich bin immer mit vielen Schicksalen konfrontiert. Es war kein Trost, wenn du Familien siehst, die ein krankes Kind haben, während du dir selbst so sehr ein Kind wünschst. Du bist trotzdem immer mit dem Elternsein konfrontiert. Mit den Gefühlen, die eine Mama oder ein Papa hat, wenn ein Kind krank ist. Natürlich kann ich das ein Stück weit trennen. Aber manchmal hat es so wehgetan. Und manchmal hatte ich ganz absurde Gedanken. Ich würde in diesem Moment sagen, ja, ich würde euch auch ein krankes Kind abnehmen, nur weil ich dieses Gefühl haben will. Ich will dieses Gefühl haben. Weisst du? Jetzt kommt mir noch etwas Wichtiges in den Sinn. Auch Adoption stand im Raum. Ich war zu der Zeit um die 42/43. Wir haben dies geprüft. Beim ersten Gespräch sagte mir die Frau etwas sehr Wesentliches und Hilfreiches. Ich bekam folgenden Auftrag, uns folgende Frage zu überlegen: Möchte ich ein Kind damit ich Mama sein kann? Oder möchte ich Mama sein für ein Kind? Und die Antwort kam aus meinem Bauch in Windeseile: Ich will ein Kind, um Mama zu sein. Ganz egoistisch. Das ist mir sehr eingefahren. Der Wunsch war damals noch so stark. Ich wollte es einfach. Diese Frage war so wesentlich, ich hatte mir das vorher noch nie überlegt. Ich dachte, ja, natürlich, man will ja auch ein Kind, um Mama zu sein. Aber es geht um etwas anderes. Und dann war es klar.
Mathias: Hast du dich dort dagegen entschieden?
Josiane: Ja. Mein Mann war mir sehr nah und sagte immer, dass der Wunsch für mich so gross sei. Für ihn war es aber nie so, dass er gesagt hätte, wow, ja, sofort. Er hatte da seine Bedenken. Doch er ist den Weg mit mir gegangen, weil er gesehen hat, wie ich gelitten habe, und weil ich mir das um alles in der Welt gewünscht habe. Das Angebot der Tagesmutter haben wir auch geprüft. Doch hat sich dies für uns beide nicht richtig angefühlt.
Mathias: Und mit dreiundvierzig war das mit der Adoption?
Josiane: Ja,
Mathias: Und die tiefe Trauerphase kam deutlich später danach, oder?
Josiane: Ja, die Adoption hat wieder Hoffnung gemacht.
Mathias: Wann hast du nach der Trauerphase gemerkt, dass etwas anders ist? Gab es einen Moment, in dem du das gespürt hast?
Josiane: Ich glaube, ich habe den Fokus verändert. Die Hoffnung ist zerplatzt. Irgendwann haben wir uns entschieden, unser Leben ohne Kinder bewusst zu leben, dass wir reisen wollen. Das ist natürlich kein Ersatz. Doch ist es etwas, worauf man sich freuen kann. Es gibt diesen Satz, die Zeit heile Wunden. Ich finde ihn doof, aber irgendwie hat er schon etwas. Es geht weiter, die Emotionen werden etwas ruhiger. Die Wellen schlagen einen weniger um. Der Schmerz tut ein bisschen weniger weh. Die Wunde geht wieder auf, aber sie blutet vielleicht ein bisschen weniger stark. Es geht einfach weiter. Ich kann dir nicht sagen…
Mathias: Ja, ja, das ist gut.
Josiane: Es gibt keinen Moment, also …
Mathias: Du hast es aus dir heraus beschrieben.
Josiane: Ja. Es ist stetig. Manchmal wurde es ein bisschen besser, und manchmal kam wieder eine riesige Welle. Danach wurde es wieder ruhiger. Ich glaube, es hatte sicher auch mit dem zu tun, was im aussen sichtbar war. Das hat manchmal sehr viel ausgelöst. Manchmal führte es wieder dazu, dass ich stundenlang geweint habe. Das war eine lange Zeit so. Wirklich lange. Ich bin manchmal am Morgen mit verweinten Augen zur Arbeit gegangen. Oftmals dachte ich, was die Leute wohl denken. Und irgendwann nahm auch dies ab. Ich glaube, irgendwann konnte ich mich dem auch anders stellen, wenn ich mit einer Frage konfrontiert wurde. Und klar, es kommt immer darauf an, wer diese Person ist. Entweder habe ich mich fallen gelassen und den Emotionen Raum gegeben oder ich habe mich zusammengenommen und die Emotionen unterdrückt. Besonders dann, wenn der Moment nicht stimmig war. Manchmal waren es auch Momente, in denen ich das Gefühl hatte, dass die Fragen oder die Konfrontation nicht von Herzen kamen. Man fragt einfach so. Oder man fragt eben gar nicht. Und gerade dieses Nichtfragen ist so schlimm. Das hat weh getan. Auch bei nahestehenden Menschen, bei Freundinnen, natürlich nicht bei allen gleich, oder auch bei den Eltern. Puh, das ist ein anderes Kapitel.
Mathias: Hat sich dort einiges aufgetan oder abgeschlossen?
Josiane: Nein, zuerst war viel Unverständnis, irgendwann auch Wut. Heute weiss ich auch, dass die Menschen damit überfordert sind. Vielleicht ist es heute ein bisschen anders, oder ich bewege mich heute in einem anderen Feld, in dem mir das anders bewusst ist. Ich weiss, dass es für die Leute nicht einfach ist, das anzusprechen. Sie wissen nicht, wie, und sie haben Angst davor, wie das Gegenüber reagiert. Dann ist es einfacher, nicht zu fragen. Aber es liegt in der Luft, man spürt es, und es gibt auch keinen Platz dafür. Das war etwas, das sehr, sehr lange da war. Als Frau gehst du mit Freundinnen irgendwohin, gehst essen, triffst dich. Aber worüber redet man? Über Kinder. Das war happig. Lange. Das gibt es heute noch, aber es ist anders. Zu dieser Zeit war ich voll im Opfer und hatte das Gefühl, ich könne ja nichts erzählen. Was kann ich eigentlich erzählen? Es ist ja nicht interessant. Ich habe nichts zu erzählen, oder? Auch das hat lange gedauert, bis ich diesen Shift machen konnte. Ich war ja nie das Opfer. Was konnte ich aus all dem lernen? ich ohne das heute da, wo ich heute bin? Mit allem, was da gewesen ist. Und das waren noch andere Geschichten. Ich hatte noch eine Vorstufe von Brustkrebs. Das war auch noch in diesen Jahren, ein bisschen später. Es hat mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin, mit all diesen Erlebnissen. Ich musste durch so viele tiefe Täler gehen. Heute kann ich sagen, dass ich sehr dankbar für mein Leben bin, auch wenn es manchmal nach wie vor noch Momente gibt, die wehtun. Doch wer hat das nicht? Wir sind hier, um zu wachsen. Und es ist nun mal so, dass wir das vor allem in schmerzhaften Momenten tun. Heute bin ich in einem Alter, in dem ich zum Teil Kolleginnen und Freundinnen habe, deren Kinder bereits in einer Partnerschaft leben. oder sogar Enkelkinder haben. kürzlich habe ich von einer Kollegin erfahren, dass sie Grossmutter geworden ist. Das sind die Momente, in denen dieses Gefühl wieder aufkommt und mir wieder so voll bewusstwird, dass ich das nicht erlebe. Erst
Mathias: Es ist auch viel im Umfeld. Wenn es näher ist, berührt es mehr, oder?
Josiane: Ja, das ist schon so. Ich solchen Momenten sagen mein Mann und ich uns oft, dass es nicht vorgesehen war für uns in diesem Leben. Und wir haben zwei Kinder. Da stehe ich heute an einem ganz anderen Ort. Heute habe ich das Bewusstsein der materiellen und geistigen Welt auf eine ganz andere Weise als dannzumal. Wir sind verbunden, unsere Kinder sind da und unterstützen uns aus einer anderen Dimension.
Mathias: Magst du kurz erzählen, wie du die Beziehung zu deinen Kindern lebst?
Josiane: Es gibt Tage, an denen es wie nicht präsent ist. Auf meiner Natelhülle sind zwei Mädchen mit bunten Engelsflügeln Hand in Hand in einem lichtvollen Wald abgebildet. Das sind unsere beiden Mädchen Ronja und Jasmin. So kann ich ganz niederschwellig in Kontakt treten und habe das Gefühl, ihnen nah zu sein. Ich rede einfach mit ihnen, erzähle, was mich beschäftigt. Ich habe sehr oft innere Bilder, wie sie auch mit anderen mir bekannten Kindern aus der geistigen Welt zusammen sind und Spass haben miteinander. Das ist wirklich sehr berührend und unglaublich. Ich habe immer wieder ein Bild, wie sie dort in diesen himmlischen Sphären, in diesem Engelskindergarten sind, spielen, einfach Party haben und manchmal kaum Zeit haben, Hallo zu sagen. „Hey, hallo Mama. Hallo.“ Und dann kommt vielleicht irgendwann wieder eine Libelle vorbei und so weiter. Ich habe auch eine Verbindung zu Schmetterlingen, zu einer Tochter. Das sind solche Zeichen. Oder Herzen am Himmel, Regenbogen, Federn. Und natürlich sind sie auch immer in meinen Gedanken. Nicht auf eine rührselige Art, nie. Es ist nicht traurig, sondern schön, dass es sie gibt und dass sie ein Teil von uns sind. Es sind manchmal lustige Episoden, bei denen ich ein Bild vor mir habe, wie sie jetzt in einem Auto sitzen. Sie sind da. Sie sind unsichtbar da. Nicht jeden Tag und nicht immer. Und doch ist da ein Gefühl, ein Wohlfühlgefühl. Ich bin Mama von Kindern in der geistigen Welt. Und uns das zu sagen, das fühlt sich richtig an.
Mathias: Es fühlt sich richtig an.
Josiane: Es fühlt sich richtig an. Für verwaiste Mütter ist auch Morgen Muttertag. Das ist ja immer so ein besonderer Tag. Viele Jahre lang war das ein trauriger Tag für mich. Wirklich. Da hätte ich am liebsten nur unter der Bettdecke gelegen. Heute ist es okay. Ich bin dankbar, dass sie da sind, in einer anderen Form. Ich hatte auch schon Kontakt mit einem Medium. Sie hat mir viele sehr hilfreiche Informationen als Sprachrohr der Mädchen mit auf den Weg gegeben. Diese haben mir und meinem Mann sehr geholfen, im Leben weiterzugehen. Das ist ein Geschenk. Es hat sich gewandelt, und ich fühle mich nicht mehr betrogen. Es war in diesem Leben nicht vorgesehen. Es war anders geplant. Ich habe andere Themen als andere Mütter. Mutter zu sein und hier Kinder eins zu eins zu begleiten, mit allem, was dazugehört, ist bei mir anders. Es sind andere Dinge. Und das ist nicht nur okay, es ist mehr als okay. Es fühlt sich heute friedvoll an. Und natürlich kenne ich Neid. Dafür habe ich mich auch oft schlecht gefühlt. Vielleicht ist das auch hilfreich für die Menschen, die das hier lesen. Ich war neidisch auf Freundinnen, auf schwangere Frauen, auf Paare in den Ferien, die mit ihren Kindern Freude hatten beim Sandbuddeln und was auch immer. Weil ich mir das so gewünscht habe. Heute weiss ich, dass Neid ein schlechter Begleiter ist. Ich habe mir verzeihen können. Neid ist ein menschlicher Zug, der alles andere als hilfreich ist. Heute weiss ich, dass jeder ein Leben, jeder eine andere Aufgabe hat, jeder ist für etwas anderes da. Das ist heute so klar. Aber damals war das nicht in meinem Bewusstsein. Da habe ich nur gesehen, was ich nicht habe. Heute freue ich mich, wenn ich von jemandem höre, dass ein Kind kommt. Heute kann ich dem ganz anders begegnen. Dann denke ich, dieses Kind ist für diese Familie vorgesehen. Das ist ein anderes Gefühl. Da sind kein Mangel und kein Neid. Jeder hat eine andere Aufgabe zu bewältigen, ein anderes Schicksal zu tragen. Jeder trägt Freuden und Leiden in seinem Rucksack. Das gehört zu unserer Seelenaufgabe. Dieses Gefühl von Neid will man ja nicht zeigen. Das ist ja eine negative Emotion, oder?
Mathias: Nur für einen selbst.
Josiane: Ich habe das oft unterdrückt. Ich dachte, was denkt der andere jetzt? Du bist neidisch. Aber man hat es mir wahrscheinlich aus hundert Metern Entfernung angesehen. \[lacht\] Ich weiss es nicht. Es ist negativ behaftet, oder? Es ist einfach nicht zielführend.
Mathias: So ein Leidenszustand.
Josiane: Es ist ein Leidenszustand. Es ist so ein Opfersein, oder? Damals war das sehr dominant in meinem Leben.
Mathias: Was hat das mit dir und mit deinem Umfeld gemacht? Hat sich viel verändert? Du erzählst ja, dass du sehr viel für dich behalten hast und dass du das Leid auch mit dir selbst ausgemacht hast, wenn ich das richtig heraushöre.
Josiane: Ich war sicher nie ein Mensch, der sich zu jemandem setzt und erzählt, dass es mir heute so schlecht geht. Ich habe auch nicht von mir aus angefangen, über das Thema zu reden. Es ist absurd. Ich habe nicht an mich gedacht. Eigentlich hätte ich es ja gebraucht, aber ich habe mich selbst dafür nicht wichtig genug genommen. Ich wollte das nicht. Wenn du in einem Frauenkreis bist und alle über ihre Kinder reden, soll ich dann sagen, wisst ihr was, es ist im Fall schlimm für mich? Das habe ich nie gemacht. Ich habe alles unterdrückt. Ich habe alles mit mir selbst ausgemacht. Ich bin nach Hause gegangen, und dann kam der Wasserfall. Oder ich habe manchmal ein bisschen Dampf abgelassen. Dann kam Wut oder was auch immer. Aber ich habe das immer sehr kontrolliert für mich gemacht. Heute weiss ich, dass mein Körper das alles gespeichert hat. Ich habe nicht einmal mit meinen Freundinnen aus meiner Initiative darüber gesprochen. Gleichzeitig hatte ich die Erwartung, dass man mich fragt. Und je nachdem, was gerade vorgefallen war oder wo wir gerade waren, wollte ich auch wieder nicht, dass man mich fragt. Dann habe ich die Starke gespielt. Und ich meine, wie gut kann man das eigene kaschieren, wenn Kinder da sind? Bei Freunden oder Kollegen mit Kindern.
Mathias: Kinder lenken gut ab.
Josiane: Die Kinder stehen automatisch im Mittelpunkt, und das ist alles wunderbar. In solchen Momenten ging es einfach nicht um mich. Natürlich ist mir in solchen Momenten auch das Herz aufgegangen, wenn ich die Kinder gesehen habe. Und die sogenannten negativen Gefühle, was sie natürlich nicht sind, da alle Gefühle ihre Berechtigung haben, hatten keinen Platz. Sie sind geduldig. Ja, ich habe so viel unterdrückt. Gerade jetzt beim Erzählen wird mir das grad wieder so fest bewusst. Bei meinem Mann habe ich diese Gefühle nie unterdrückt. Er hat alles abbekommen. Wirklich alles. Mein Mann verdient eine Medaille. Ich glaube, er könnte eine goldene Olympiamedaille bekommen für das, was er mit mir mitgemacht und getragen hat. Er war mein Fels in der Brandung.
Mathias: Was hat er denn damals getragen?
Josiane: Sehr viel. Er war sehr oft überfordert mit mir und mit meinen Emotionen. Ich war eine richtige Heulsuse. Weinen war mein Ventil. Wenn ich mich den ganzen Tag zusammengerissen hatte, im Spital oder wo auch immer, und danach nach Hause kam, war da vielleicht zuerst noch Wut. Irgendwann kam einfach der Wasserfall. Mit der Zeit konnte ich ihm auch sagen, dass ich nichts von ihm erwarte. Dass ich jetzt einfach weinen muss. Ich weine jetzt einfach und es geht wieder vorbei. Für ihn war das lange sehr stressig. Er hatte das Gefühl, er müsse mir helfen, damit ich nicht mehr weine. Und gleichzeitig hat er ja genau das Gleiche erlebt, dieselbe Geschichte. Nicht als Frau, nicht mit dem Körper, aber er hat gesehen, wie seine Frau leidet. Es war ja auch sein Wunsch gewesen. Er musste der Starke sein. Das sagen wir uns heute manchmal noch. Dabei ging es ihm selbst beschissen. Und Männer, reden Männer darüber? Heute ist das ganz anders, aber damals …
Mathias: War es noch verschlossener.
Josiane: Und Schwangerschaft? Man hat mir noch nicht einmal etwas gesehen. Was hast du für ein Problem? Das ist doch nicht so schlimm. Er könnte darüber einiges erzählen. Wenn es mir nicht gut ging, konnte es ihm nicht gleichzeitig nicht gut gehen. Er hat mich wieder emotional gestützt und hochgehoben. Ich war so mit mir selbst beschäftigt, das kann ich heute sagen. Ich konnte ihm bestimmt nie die Plattform geben, die er mir gegeben hat. Nicht einmal ansatzweise. Er sagt auch heute noch manchmal, dass er einfach stark sein musste. Wenn er auch noch am Boden zerstört gewesen wäre, wo hätte das hingeführt? Mit dem Beruf und allem. Wir haben diesbezüglich auch eine Paartherapie gemacht. Es war ein langer Weg, mit dieser Endgültigkeit weiterzugehen und an den Punkt zu kommen, dass das Leben trotzdem lebenswert ist.
Mathias: Ja, es ist grossartig.
Josiane: Das mit dem Unterdrücken meiner Gefühle. beschäftigt mich gerade. Ich war mir dessen noch nie so bewusst wie jetzt, während ich es erzähle. Ich war Weltmeisterin im Unterdrücken. Ich bin auch stark, ich kann doch … Ich meine, man kennt mich als aufgestellte und strahlende Person. Und eben auch als kindermagnetisch.
Mathias: Was mich noch sehr interessiert, ist, wie es danach weiterging. Vielleicht kannst du erzählen, ob du später Frieden damit gefunden hast oder ob du daraus positive Energie gewinnen konntest. Ich glaube, du hast diese Thematik ja immer in deinem Leben behalten. Hast du sie auch in deine neuen Tätigkeiten und in die Bereiche, in denen du dich engagiert hast, integriert? Wie hast du das erlebt? Gehört das zu diesem heilsamen Weg? Oder war das schon vorher, als du im Spital gearbeitet hast, ein Teil davon? Wie bist du in die Trauer- und Sterbebegleitung hineingekommen?
Josiane: Der Tod hat mich immer schon fasziniert. Das begann schon früh, als meine Grossmutter mütterlicherseits bei uns zu Hause gestorben ist. Sie ist akut in meinem Bett verstorben, als ich sechs Jahre alt war. Das war während der Zeit, in der meine Mama krank war. Meine Grossmutter kümmerte sich um meine Mama, meinem Bruder und mich und ist dann plötzlich verstorben. Das hat mich tief geprägt. Auf der Kinderkrebsstation, wo ich lange gearbeitet habe, war ich immer diejenige, die dem Tod nicht ausgewichen ist. Ich wurde immer wieder gefragt, wie ich das könne, auch von Berufskolleginnen. Mich hat es fasziniert, mich diesen Eltern im Sturm zuzuwenden und tiefe Gespräche zu führen. Schon damals, als ich noch in meinen frühen Zwanzigern war. Ich bin solchen Situationen nicht ausgewichen, weil mich diese Tiefgründigkeit fasziniert hat. Tiefgründigkeit. Ich rede gern mit Menschen, wenn es Fleisch am Knochen hat. Nicht nur über schönes Wetter. Das mache ich auch, aber es reicht mir nicht. Es hat mich immer sehr berührt und auch sehr beseelt, mit solchen Eltern zu sprechen. Gleichzeitig merkte ich, dass man im Spital als Pflegefachfrau sehr stark mit technischen Dingen beschäftigt ist, mit Zeitdruck und vielem mehr. Das hat sich über die Jahre auch sehr verändert. Als ich noch in der direkten Pflege war, ging ich oft nach Hause und merkte, dass ich bei meinen mir anvertrauten Kindern zwar alles Medizinische und Pflegerisch gemacht hatte: Medikamente, Blutdruck, Verbandwechsel etc. Natürlich hatte ich mit dem Kind gesprochen und auch mit den Eltern. Doch in mir blieb immer die Frage hängen: hatte ich diesen Eltern und diesem Kind wirklich das gegeben, was sie gebraucht haben? Nicht technisch und nicht medizinisch. Hatte ich so mit ihnen gesprochen, dass es ihnen gutgetan hatte? Mit dieser Frage ging ich oftmals nach Hause. Doch natürlich ging es auch um mich. Ich fühlte, dass ein Teilchen fehlt, dass mir etwas fehlte. Ich hätte mir gewünscht, mehr bewusst Zeit zu haben. Einfach mit einer Mama oder einem Papa dasitzen wollen. Da steht der Infusionsständer, die Chemotherapie läuft, irgendwo läuft die Nahrung über eine Sonde, und trotzdem kann ich einfach mit ihnen sprechen. Und es bewegt etwas bei ihnen und auch bei mir. Es tut ihnen gut, und es tut mir gut. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich ihnen zu wenig geben konnte. Je länger ich in der Pflege war, desto stärker wurde dieses Gefühl. Ich fühlte mich zu wenig seelisch genährt. Und ich hatte auch das Gefühl, dass mein Gegenüber das ebenfalls nicht bekommen hatte. Und dieses Gefühl war natürlich energieraubend. Als ich in der Kinderspitex arbeitete, hatte ich mehr diese bewusste Zeit für das Kind, die Eltern, da ich während dem Zeitfenster nur für sie da war. Das war für mich viel befriedigender. In einem Seminar, das ich dann besuchte, stand der eigene Seelenweg im Fokus. Das war für mich ein sehr grosser Türöffner. Danach kam die Sterbebegleitung auf Umwegen zu mir, ohne dass ich sie gesucht hätte. Ich kann heute nicht einmal mehr genau sagen, wie das passiert ist. Heute weiss ich, dass mich meine Seele dorthin geführt hat.
Mathias: Plötzlich lag es auf dem Tisch.
Josiane: Es ist einfach gekommen. Und ich wusste genau, dass ich das jetzt machen muss. Ich habe es geliebt. Die Ausbildung war der Hammer. Das klingt jetzt vielleicht absurd. Dort wurden wir durch den eigenen Tod geführt, eine wahnsinnige tiefe Lebenserfahrung. Das war für mich lebensverändernd. Da merkte ich, dass es genau das war, was mir im Spital gefehlt hatte. Dieses gewisse tiefe Etwas.
Mathias: Das war schon früh, also zwischen zwanzig und dreissig, wenn ich es richtig verstehe.
Josiane: Nein, nein. Die Ausbildung in Sterbebegleitung habe ich von neunzehn bis einundzwanzig gemacht. Danach wusste ich, dass Palliative Care bei Kindern etwas ist, das mich sehr anspricht. Ich habe dort viele wunderbare Menschen kennengelernt und wunderbare Begegnungen erlebt. Das hat mich sehr erfüllt. Gleichzeitig habe ich gespürt, dass mich die Arbeit mit Sterbenden zwar sehr erfüllt. Ich war dann natürlich auch bei den Erwachsenen, und es war während der COVID-Zeit. Das war sehr schwierig. Danach habe ich aufgehört im Spital zu arbeiten. Ich habe mit der Zeit gemerkt, dass ich die Lebenden genauso brauche wie die Sterbenden. Dann kamen weitere Türöffner. Ich habe weitere Ausbildungen gemacht. Inzwischen arbeite ich auch mit Klangmassage und mit dem taoistischen Gesichter-Lesen. Im Grunde geht es immer darum, bei den Menschen zu sein. Das erfüllt mich, dass ich den Menschen auf diese Weise dienen kann. Wir sind menschliche Wesen mit Gefühlen. Wir sind auch dafür da, dass wir diese Gefühle auch fühlen dürfen. Dabei konnte ich selbst sehr viel lernen. Wie ich vorhin gesagt habe, habe ich alles, was ich unterdrückt hatte, wieder geweckt. Und es ist schön, so unterwegs sein zu dürfen. So hat sich das ergeben, und natürlich hat es sich auch verändert. Ich kann dir nicht sagen, dass genau dieser eine Moment der Auslöser war. Es kam immer etwas dazu. Immer ging wieder ein neues Türchen auf. Plötzlich machte ich noch eine Coaching-Ausbildung. Dann ging wieder ein Türchen auf, und wieder eines. Das hat mein Weltbild drastisch verändert. Es hat verändert, wie ich die Welt anschaue, mit welchem Blick ich hinschaue, warum ich hier bin und was auf der Welt alles geschieht. Ich meine, alles hat seinen Grund, und ich darf zu allem Ja sagen und hinsehen, was es mir zeigen will. Und ja, das ist manchmal sehr unbequem, tiefer zu schauen.
Mathias: Mir ist gerade in den Sinn gekommen, wie viel positive Energie und Freude du damals auch zu uns nach Hause gebracht hast. Der Zauberstab ist auch immer noch bei Launoras Grab.
Josiane: Das freut mich grad ganz fest. Das ist kaum zu glauben. Ehrlich, ist er noch dort?
Mathias: Ja. In der Mitte ist er ein bisschen ausgebleicht, und der Ballon hängt auch immer noch daran. Aber genau das strahlst du wirklich aus. Das lebst du wirklich.
Josiane: Ja, ich glaube, darum geht es schlussendlich. Das waren für mich sehr erfüllende Momente. So herausfordernd die Situation auch war. Ich habe das immer wieder gesagt, sie ist mir direkt ins Herz gehüpft. Und ich sehe immer wieder Libellen. Sie zaubern mir augenblicklich ein Lachen ins Gesicht. Sie erinnern mich an deine Tochter. Dann fühle ich auch Launora bei mir. Vielleicht ist sie wegen unseren Kindern noch mehr bei mir. Natürlich sind unsere Kinder älter. Wie ist das in der geistigen Welt? Dort gibt es ja kein Alter. Aber bei den Mädchen sehe ich immer diesen Schalk. Das schafft eine grosse Verbindung. Darum ist sie für mich auch so präsent.… Als deine Tochter gestorben ist, war ich in den Ferien. Wir liefen einen Weg entlang, und plötzlich kam eine Schar Libellen auf mich zu. Das vergesse ich nie mehr.
Mathias: Jetzt ist mir gerade noch eine Frage in den Sinn gekommen. Wie siehst du denn Jasmin und Ronja? Welche Vorstellung hast du von ihnen? Haben sie eine Form, ein Alter, eine Grösse? Gehen sie im Alter mit? Oder ist es vor allem ein Gefühl?
Josiane: Es ist ein Gefühl. Ich sehe sie im Alter von ungefähr zehn, elf, zwölf, dreizehn. Hier auf Erden wären sind natürlich schon älter. Doch ich sehe sie kindlich. Es ist ein inneres Bild. Es ist ein Gefühl, das augenblicklich mit einem Bild verschmilzt. Es ist ist schön. Es hilft. Und es schenkt ein Lächeln, so wie bei dir jetzt.
Mathias: Ja, es ist wirklich schön, so eine Vorstellung zu haben, oder?
Josiane: Ja hilft einfach.
Teile deine Geschichte
Deine Erfahrung kann anderen helfen.
Du hast Ähnliches durchlebt? Wir suchen Betroffene, die bereit sind, in einem vertraulichen Gespräch über deinen Weg zu sprechen. Ohne Druck, in deinem Tempo und an einem Ort deiner Wahl. Dein Erfahrungswissen kann anderen Betroffenen Orientierung geben.
Meine Geschichte erzählen