Bruno,Nahestehendererzählt
Die Geschichte von Launora
Bruno erzählt als Götti und Nahestehender, wie er die Familie während Launoras Krankheit und nach ihrem Tod begleitet hat.
Geschichte als Podcast hören
Diese Geschichte gibt es auch zum Hören. Stephanie Stadelmann hat sie in ihrem Podcast «Mein Kind ist tot – wie weiter?» aufgenommen.
Diagnose und Behandlungen
Wunderbar, danke nochmals.
Danke.
Also, möchtest du mir zuerst etwas von dir und deiner Familie erzählen?
Ja. Ich bin Bruno. Ich habe drei Brüder, und ich bin der Jüngste von ihnen. Es gibt den Ältesten, dann den Zweitältesten, das ist der Vater von Launora, also Mäthu. Und dann noch der zweitjüngste Bruder, der älter ist als ich. Ich habe Mutter und Vater. Der Vater wohnt im Emmental, in einem Bauernhaus, das wir schon relativ früh von ihm übernommen haben. Dort ist eigentlich auch alles passiert, dort hat Launora gewohnt und ich habe mit ihnen zusammengelebt. Die Mutter wohnt in Biglen. Vaterseitig sind die Grosseltern schon gestorben, mütterlicherseits wohnen sie noch in Thun. Ja, das ist so ein bisschen die engere Familie. …
Am besten beginne ich am Anfang. Ich habe in Raufli gewohnt, bevor Mäthu mit seiner Partnerin und seiner Tochter Launora zu uns nach Raufli gezogen ist – zu mir und zu meinem Vater. Bereits einige Zeit zuvor, ich glaube fast drei Monate lang, hatte Launora stark an Gewicht verloren, ohne dass man die Ursache kannte. Das begann bei uns langsam Stressgefühle auszulösen. Schliesslich kam sie ins Spital. Der Umzug nach Raufli wäre unabhängig davon ohnehin passiert, hatte also keinen direkten Zusammenhang. Allerdings war Launora zu diesem Zeitpunkt im Spital, genau während der Zeit, in der sie eigentlich hätten zügeln sollen, da alles bereits organisiert war. Deshalb hat mein Vater den Umzug für sie übernommen.
In das Haus, also zu euch?
Genau, zu uns ins Haus. Ich habe dann ein Zimmer nach unten verlegt, weil Launora und Mäthu dort ein Doppelzimmer haben wollten. Zusätzlich haben wir auch andere Familienmitglieder eingespannt, um alles möglichst zweckmässig einzurichten. Die Wohnung war ursprünglich nur für meinen Vater und mich gedacht, keine eigentliche Familienwohnung. Trotzdem haben wir uns darauf gefreut, sie gemeinsam schön zu gestalten.
Ah, das ist ja mega schön. Und kannst du vielleicht die erste Phase beschreiben, als ihr erfahren habt, dass Launora krank ist? Also wie es dir gegangen ist, als ihr die Diagnose bekommen habt.
Ja, es hat sich eigentlich langsam angebahnt, blöd gesagt. Sie hatte schon relativ lange Gewichtsverlust, sicher über eineinhalb Monate. Man wusste nie so recht, woran es liegt. Man hat vieles probiert, sie hat nicht gegessen. Dann ist Launora wegen Abklärungen ins Spital gekommen, ich weiss gar nicht mehr genau, welche Funktionen man alles angeschaut hat. Danach ging es weiter auf eine andere Station, nicht direkt Onkologie, und auch dort hat man nichts gefunden. Dann hat man entschieden, sie wieder zurück in die Onkologie zu verlegen. … Wir wollten, dass Mäthu bei Launora im Spital bleibt. Alles abgeben, eigentlich alles bereit machen. Dann hat man gemerkt, dass es wegen der Krankheit einen sehr hohen Hygienestandard braucht, bevor sie wieder nach Hause kommen kann, also musste zuerst noch alles gründlich gereinigt werden. Als Mäthu mir das erste Mal davon erzählt hat, ist es bei mir noch nicht richtig angekommen. Ich habe irgendwie gedacht, ja, okay, schauen wir mal. Es war noch nicht ganz klar, obwohl er es mir eigentlich schon gesagt hatte. Am nächsten Tag haben die Ärzte es dann nochmals bestätigt. Ja und irgendwann hat Mäthu dann im Gruppenchat geschrieben, dass Krebs festgestellt worden ist. ALL, also Leukämie. Ich habe das gelesen, aber irgendwie ist es nicht richtig bei mir angekommen. Ich dachte einfach: Zuerst finden sie nichts, dann finden sie etwas, dann wieder nichts – vielleicht ist das einfach so. Ursprünglich war der Chat dafür gedacht, Hilfe für den Umzug zu organisieren und die Leute mit ins Boot zu holen. Gleichzeitig diente er aber auch dazu, laufend zu informieren, was gerade passiert. Für den allgemeinen Informationsaustausch war das sehr hilfreich. Der Gruppenchat bestand bis zum Schluss – und existiert sogar heute noch. Niemand ist je ausgetreten; er bleibt einfach bestehen. Wahrscheinlich ist dort auch heute noch sehr viel enthalten. Zusätzlich hat man am Ende aus diesem Gruppenchat auch noch eine gedruckte Version erstellt – alles in drei Phasen zusammengefasst. Das war sehr, sehr hilfreich. Es gibt darin sogar QR-Codes für Videos und Sprachnachrichten, die man scannen und anhören kann. Eben, und dort in dem Chat stand dann schwarz auf weiss, dass es tatsächlich Krebs ist. Ich war gerade am Arbeiten, habe die Nachricht gelesen, und plötzlich ist es einfach angekommen. So richtig. Ich habe kurz innegehalten und gedacht, das kann doch nicht sein. Ich habe dann meinem Lehrmeister gesagt: «Scheisse, mein Götti-Mädchen, das Mädchen hat Krebs. Ich glaube, es wäre gut, wenn ich jetzt gehe.» Ich habe mein Zeug gepackt und bin gegangen. Das Spital war ja nur etwa eine Viertelstunde entfernt. Ich habe Mäthu schnell angerufen und gefragt, ob er dort sei. Er war im Ronald McDonald House, das angegliedert ist, damit man gleich nebenan schlafen kann. Als ich angekommen bin, kam Mäthu auch gleich. Er hat mich nur mit klatschnassen Augen angeschaut, und plötzlich sind alle Gefühle hochgekommen. Ich habe gemerkt: Scheisse, ich darf jetzt nicht einfach losheulen, das geht nicht. Wir haben beide gesagt, nein, das kann nicht stimmen. Ich bin zu ihm gegangen, und dann haben wir zuerst einmal eine geraucht – er auch. Ich bin ich wieder zurück, habe meinem Lehrmeister Bescheid gesagt und bin nach Hause gegangen. Ja, es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Ich kann gar nicht erklären, wie sich das anfühlt. Dann habe ich gemerkt, jetzt braucht Mäthu Zeit. Zu Hause angekommen – ich weiss gar nicht mehr genau, was ich gemacht habe. Ich bin einfach rumgelegen, habe Kaffee getrunken. Ich konnte sicher nicht still sitzen. Dann ist mein Vater auch recht früh nach Hause gekommen. Ich habe das Auto gehört und dachte, ich muss ihm entgegenlaufen. Ich bin aus dem Haus, er steigt aus dem Auto, wir schauen uns an, laufen aufeinander zu, nehmen uns in die Arme – und brechen einfach völlig zusammen.
Ihr musstet irgendwie klarkommen damit?
Genau. Danach ging es weiter, ich weiss es nicht mehr ganz genau. Ich bin noch arbeiten gegangen, dann bin ich, glaube ich, zum Hausarzt. Ich habe gesagt, ich brauche eine Auszeit. Dann war ich, glaube ich, eine oder zwei Wochen krankgeschrieben.
Hast du gemerkt, dass sich deine Gefühle verändert haben?
Ja, sehr. Sie waren stark wechselnd. Ich habe gemerkt, dass ich eine Art Angstzustände entwickelt habe. Wenn ich unter Leuten war, waren es einfach zu viele Informationen auf einmal, die ich nicht alle einfach so rausposaunen konnte. Es hat sich dann alles angestaut und ich habe mich unter Menschen sehr unwohl gefühlt und mich deshalb in dieser ersten Zeit stark zurückgezogen.
Und was hat dir dann geholfen zu verstehen, wie deine Rolle in diesem Gefüge ist und wie du sie unterstützen kannst?
Das war schwierig. Ich habe das grösstenteils mit mir selbst ausgemacht, Schritt für Schritt. Ich habe geschaut, was ich machen kann und wie ich es machen kann. Irgendwann habe ich in meiner Rolle gemerkt: Jetzt muss ich mich zurückziehen, ich muss es laufen lassen, ich kann gar nicht immer helfen. Das war schwierig. Ansonsten war meine Rolle eher so – nicht wie ein Elternteil, aber trotzdem präsent. Vielleicht auch ein Stück weit dafür da, den Spassfaktor aufrechtzuerhalten für Launora, spielerische Dinge zu machen. Und das hat sich fast von Tag zu Tag verändert.
Okay. Und du hast dich zwar sozial stark zurückgezogen, hattest aber trotzdem Menschen, denen du dich anvertrauen konntest?
Ja, absolut. Ich bin oft zu meinen damaligen Mitbewohnern gegangen. Ein Kollege hat im gleichen Zimmer gewohnt, wo ich jetzt wohne. Das waren super Leute, wirklich tolle Typen. Ich hatte auch einen grossen Freundeskreis, mit dem ich ab und zu etwas unternommen habe. Mit Freunden und Freundinnen habe ich eigentlich fast immer darüber gesprochen, auch weil sie nachgefragt haben. Sie haben gemerkt, dass ich manchmal still war. Und das hat mir geholfen, dass sie nachgefragt und Interesse gezeigt haben. So konnte ich ein Stück weit loslassen, indem ich erzählen konnte. Ich habe auch viel mit meinem Vater gesprochen. Irgendwann wurde es dann aber auch zu viel.Am Anfang lernt man das noch nicht so. Aber es wurde zu viel, auch weil es sehr invasiv war und sich vieles immer wiederholt hat.
Ja, zu viel, weil es dann auch invasiv wird?
Ja, invasiv, und eben mit vielen Wiederholungen. Irgendwann habe ich gemerkt: Jetzt muss ich irgendwo weitergehen. Es geht weiter, wir können nicht stehen bleiben. Es geht jeden Tag weiter, immer weiter. Ich bin danach mit dieser Unruhe irgendwie umgegangen. Damals habe ich sehr viel verdrängt – weil man einfach funktionieren musste, auch wegen dem Kind. Ich hatte zum Glück ein unglaublich schönes kollegiales Umfeld, das mich sehr getragen hat. Sie waren zwar alle völlig überfordert mit dem, was ich ihnen erzählt habe, aber dass ich es überhaupt erzählen konnte, war mir mega wichtig. Mir war es wichtig, irgendwo eine gewisse Rationalität zu behalten. Ich war vorher schon einmal beim Psychiater gewesen, weil ich ADS habe – das wollte ich damals abklären. Darum hatte ich dort schon eine Anbindung. Ich habe ihn dann angerufen und gesagt: „Scheisse, es ist etwas passiert.“ Er konnte mir kurzfristig einen Termin geben. – Nein, stimmt gar nicht, das war erst später. Zuerst bin ich zum Hausarzt gegangen, und der hat mich zwei Wochen krankgeschrieben.
Okay. Dann musste ich ein bisschen auf den Tisch hauen – beziehungsweise auf den Hals stehen –, damit er mich wirklich krankgeschrieben hat. Er hat zuerst gesagt, er könne mich nicht einfach so krankschreiben, das sei nicht einfach so. Aber er hat gemerkt, dass ich komplett am Zusammenklappen war, dass es einfach nicht mehr ging. Dann hat er mir Anlaufstellen gegeben, wo ich in der Nähe von Burgdorf meine erste Abklärung machen konnte.
Und das Reden mit Freunden hat dir auch geholfen, die Situation emotional einzuordnen?
Ja, manchmal hat es geholfen. Manchmal waren es ganz einfache Sätze von Kollegen. Einer hat einmal zu mir gesagt – ich hatte gesagt: «Scheisse, es ist einfach alles scheisse.» Und er sagte zu mir, direkt ins Herz: «Hey Bruno, das ist einfach verdammtes Pech.» Da dachte ich: Ja, eigentlich stimmt das. Das ist nicht alles, das ist jetzt diese Phase. Das hat mir geholfen, es einzuordnen. Es wird irgendwann ein Ende geben, eine Zeit danach geben, wie die aussieht, keine Ahnung. Ich bin jetzt noch mittendrin.
Im Moment.
Genau. Im Moment ist es einfach Pech, und nicht irgendetwas, das man erklären oder einordnen könnte.
Das haben wir aufgenommen: das Einordnen – also was dir geholfen hat –, dann auch, was dir geholfen hat, die Situation zu verstehen, was schwierig gewesen ist, und ich glaube, es wurde auch angesprochen, was du anderen raten würdest, die Ähnliches erleben.
Was soll ich anderen raten? Darüber reden – eigentlich so schnell wie möglich.
Mit wem?
Mit der Person, die einem gerade in den Sinn kommt. Da würde ich absolut impulsiv reagieren. Ich würde diese Person einfach anrufen, wenn ich spüre: Hey, ich muss die jetzt gerade haben. Ich merke das bei mir recht schnell, wem ich mich als Erstes zuwenden möchte, und dem sollte man dann auch nachgehen.
Und in Bezug auf die betroffene Familie?
Ja, das ist schwierig. Vieles ist nicht direkt hilfreich. Anteilnahme hilft sicher. Es ist gut, spezifische Hilfe anzubieten. Gleichzeitig ist Zurückhaltung wichtig, weil man auch nicht von allen Seiten überrannt werden will. Statt dreimal allgemein zu schreiben, ob man etwas tun könne, lieber etwas Konkretes anbieten. Vielleicht kommt dann der Moment, in dem sie mehr Hilfe brauchen, und dann kommen sie auf einen zu, wenn der Kontakt schon da ist. Und wenn nicht, dann eben nicht. :
Nochmals zur Zwischenphase – zwischen Hoffen und … Ich möchte kurz schauen, ob das noch aufnimmt.
Läuft.
Ich habe dir vorhin schon erklärt, worum es in dieser Zwischenphase geht: Wenn man die erste Therapie angefangen hat und nicht weiss, wie es weitergeht. Man lebt in dieser Unsicherheit und Ungewissheit. Die Frage ist ein wenig, wie du dich in dieser Zeit gefühlt hast.
In der Ungewissheit, glaube ich, auch ein Stück weit verdrängend. Verdrängend und sich daran gewöhnend. Man kann nichts daran ändern, es ist ungewiss. Man muss warten, bis Gewissheit kommt. Und sie kommt dann, wenn sie kommt. Wenn man mehr weiss, kommen auch die Informationen. Ich war immer sehr froh darum, dass Mäthu alle Infos sehr detailliert und ausführlich in den Gruppenchat geschrieben hat. Auch wenn ich ihn zu Hause oder im Ronald McDonald House getroffen habe, war er immer sehr offen und genau. Das hat mir sehr geholfen.
Ja, so eine medizinische Transparenz – man weiss, was läuft.
Genau. Gerade ich, der so nah dran war. Dadurch habe ich sehr viel aufgeschnappt. Das ist mir erst kürzlich wieder aufgefallen. In dieser Ungewissheit schwimmt man irgendwie, man schwebt darin. Es gibt keinen Halt. Eine lustige Metapher eigentlich: Man sucht keinen Halt, wenn man schwebt. Und dann ist es auch nicht mehr ganz so schlimm. Loslassen.
Das Ende wird absehbar
In dieser Zeit – in Mäthus Familie: Was hast du geben können?
Ich war einfach da – für ihn, seine Partnerin und Launora. Präsenz, und gleichzeitig auch Rückzug von mir selbst. Situativ. Wenn sie zu Hause waren, habe ich oft viel übernommen: etwas kochen, aufräumen, putzen, die Küche machen – eigentlich fast immer die Küche. Nach dem Essen gab es oft eine ziemliche Sauerei, weil Launora gerne etwas ausgiebiger gegessen hat. Danach war es wichtig, dass alles wieder sauber ist, um keine zusätzliche Belastung zu haben, gerade wegen der Therapie, wegen der Chemo. Auch das Windeln wechseln war jedes Mal sehr schwierig und sehr aufwendig. Es wurde viel geputzt, alles eingecremt, weil so vieles wund war. Das war einer der heftigsten Punkte: Man konnte nichts machen, man wusste, dass sie leidet. Dazu kamen viele Produkte, vor allem Cremes, die nicht von der Krankenkasse bezahlt wurden. Für mich war auch wichtig zu merken, wann ich überflüssig bin, und mich dann zurückzuziehen. Nicht zu bleiben, wenn ich nicht mehr gebraucht werde. Ich glaube, das war einer der schwierigen, aber auch sehr wichtigen Punkte. In meinem eigenen Umfeld und meiner Geschichte gab es viel Betroffenheit und Anteilnahme, das war insgesamt gross. Es gab aber auch einzelne Personen, bei denen es nicht so genau gepasst hat – und das ist völlig okay. Manchmal hat es geholfen, manchmal nicht. Es war sehr situativ. Wenn jemand von eigenen Erfahrungen erzählt hat, die nicht wirklich vergleichbar waren, war es teilweise schwierig. Zum Beispiel, wenn Kollegen von Brustkrebs erzählt haben, von Chemo und Bestrahlung. Ich fand das einerseits krass und habe gedacht: In gewissen Punkten ist das vielleicht ähnlich zu dem, wie sich Launora fühlt. Ich habe dann auch einmal gefragt, ob ich sie da einwenig ausfragen darf, und die Person hat mir recht ausführlich erzählt: immer schlecht, nie Hunger. Das fand ich hilfreich, weil es mir ein Bild gegeben hat, wie sich Launora fühlen könnte. Es war schwierig, das direkt von ihr zu wissen, weil sie noch kein Wort sprechen konnte. So konnte ich besser verstehen: Sie isst nicht, sie hat die Sonde, sie erbricht viel.
Jetzt ist es mir zu viel. Wenn mir jemand etwas erzählt hat, habe ich selbst gemerkt, wann es überflüssig wird. Dieses Fingerspitzengefühl ist sehr schwierig, das hat man nicht einfach so. Es gibt, glaube ich, nicht richtig oder falsch. Wichtig ist, auf die eigenen Gefühle zu hören und sie auch zu äussern. Ich habe dann oft einfach zugehört, interessiert, wenn es für mich gestimmt hat. Und wenn ich gemerkt habe, dass es mir nichts bringt oder es mir zu viel wird, habe ich gesagt: Hey, das hilft mir gerade nicht, bitte hör auf.
Einerseits hast du gesagt, dass es dir geholfen hat, mit Freunden zu reden, damit du auch für die Familie – also für Mäthu – da sein konntest. Gab es auch Dinge, die du extrem schwierig auszuhalten fandest?
Ja, immer wieder. Der schwierigste Moment war eigentlich, wenn man auf neue Untersuchungsergebnisse gewartet hat und dann zusätzlich noch jemand nachgefragt hat … Dann habe ich gemerkt: Oh mein Gott, jetzt ist es zu viel.
Ja.
Es war dann wirklich fast zu viel. Ich konnte nur noch sagen: «Es ist alles gut, wir warten gerade auf ein paar Ergebnisse.» Mehr habe ich nicht mehr geschafft. Teilweise wurde danach weitergefragt, etwa: «Auf welche Ergebnisse wartet ihr?» Und da habe ich gemerkt: Das ist nicht relevant. Das ist einfach alles zu viel.
Und was würdest du anderen Angehörigen in dieser Situation mitgeben? Also in Bezug auf Fingerspitzengefühl?
Ja. Irgendwann hatte ich für mich den Gedanken: Trotzdem nicht aufhören zu fragen.
Ja.
Auch wenn es einmal zu viel ist, auch wenn der Moment vielleicht unpassend ist – das gehört dazu. Nicht aufhören. Denn ich glaube, es ist eher schwierig, wenn gar nichts mehr kommt. Wenn ich das Gefühl hatte, jetzt ist das Thema gerade zu viel, jetzt passt es nicht, weil die Leute es ja gehört haben, dann habe ich es trotzdem als sehr schön empfunden, später wieder gefragt zu werden.
Zeit des Sterbens
Ja. Jetzt noch zur dritten Phase. Kannst du erzählen, wie du die letzten Tage oder Stunden erlebt hast und wie sie für dich waren?
Ja. Es hat sich angekündigt. Der Zustand hat sich verschlechtert. Irgendwann musste abgewogen werden, wie weit man noch gehen will. Sie hat nochmals eine tiefe Chemo bekommen, um es etwas hinauszuzögern, ohne dass ihr Wohlbefinden stark beeinträchtigt wird. Gleichzeitig musste man den Punkt finden, an dem klar war: Wenn man es zu lange hinauszögert, wird der Tod für sie nicht schön. Je länger man wartet, desto grösser ist die Gefahr, dass sie am Schluss noch leiden muss. Und wenn man weniger lange wartet, geht es schneller. Ich war sehr froh, dass nicht ich diese Entscheidung treffen musste. Ich war froh und wusste: Sie machen das schon gut. Und man kann sich in gewisser Weise auch auf die Ärzte verlassen, obwohl sie es ja sicher auch nicht einfach so sagen wollen. Eine grosse Angst war, dass sie an inneren Blutungen stirbt und am Schluss noch leidet. Wenn man weiterbehandelt, zögert man alles nur hinaus. Irgendwann hat Mäthu gesagt, dass sie jetzt mit der Behandlung aufhören. Da dachte ich: Okay, jetzt geht es nicht mehr lange. Ich glaube, etwa eine Woche später hat Mäthu etwas geschrieben. Dann bin ich vorbeigegangen. Launora lag hinten im Zimmer, in einem Raum, der extra für diesen Moment, zum Sterben vorbereitet worden war – mit Vorhängen, alles ruhig.
Wow.
Ja, es war sehr, sehr schön. Noch am gleichen Tag haben sie die Vorhänge wieder entfernt und sie ins obere Zimmer gebracht, damit sie im Elternbett sterben konnte. Man hat gespürt, dass es jetzt so weit ist. Sie war nicht mehr wirklich ansprechbar. Sie lag einfach da. Sie hat kaum noch reagiert, ausser dass sie manchmal ganz leise Geräusche gemacht oder gewimmert hat.
«Da ist Götti Bruno.» Ich habe gefragt, ob das okay sei und sie meinte: "mmhh (ja)". Wenn sie gewimmert hat, habe ich ihr über den Kopf gestrichen, und dann wurde es wieder ruhig. Das war sehr intuitiv, sehr natürlich. Es hat sich nicht falsch angefühlt. Ich war in diesem Moment nicht traurig. Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich möchte ihr sagen, dass sie gehen darf. Ich habe ihr gesagt, dass es okay ist, dass sie gehen darf, dass sie nicht bei uns bleiben muss. Die genauen Worte weiss ich heute nicht mehr. Aber die Botschaft war klar: Du darfst gehen. Ich bin dann noch ein wenig geblieben und habe danach gefragt, ob es okay ist, wenn ich gehe. Es war okay. Als ich aufgestanden bin, habe ich meine Mutter im Türrahmen gesehen, die das alles mitangeschaut hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie das komplett mitgenommen und unheimlich traurig gemacht hat, dass sich das von aussen ganz anders angefühlt hat als für mich, der mittendrin war. Für mich war es einfach ruhig, klar. Sie hat mich noch gefragt, ob es geht und ich habe die Frage gar nicht verstanden, denn ja, es ging mir sehr gut damit. Ich bin danach rausgegangen und habe mich kurz mit den anderen unterhalten. Nach und nach sind alle nochmals zu ihr gegangen: die Brüder, die Mutter, der Vater, auch andere Angehörige, zwei, drei Tanten. Später lag sie noch eine Weile auf dem Sofa. Ich habe mich auf einen Stuhl neben sie gesetzt.
Gut, jetzt gehen wir. Wir sind ins Auto gestiegen, jemand anderes ist gefahren. Ich hätte in diesem Zustand nicht fahren können. Mir war sehr bewusst, dass ich wie in einer Art Trance war, in einem Nebel und nicht Autofahren sollte. Ich war sehr in Gedanken versunken, sehr bei mir und gleichzeitig ganz weit weg. Dann sind wir nach Hause gefahren.
Unmittelbar nach dem Tod
Und dann am nächsten Morgen.
Genau, am nächsten Morgen. Mäthu hat eine Taufkerze für Launora angezündet, ein Foto davon gemacht und es im Gruppenchat geteilt – nein, im Status. Ich habe gedacht: Ja, Taufkerzen, schön. Ich weiss noch, dass meine Mitbewohner mich gefragt haben: «Hey, ist es so weit?» Und ich dachte nur: Hä? Nein, was? Keine Ahnung. Ich glaube nicht. Da brennen doch noch Taufkerzen. Ich habe mich fertig gemacht für die Arbeit und mich auf den Weg gemacht. Und im Zug habe ich gesehen, dass da noch eine Nachricht im Gruppenchat ist. Ich habe die Nachricht gelesen – und dann nochmals gelesen. Und nochmals. Ich dachte: Ah, okay. Er hat geschrieben, sie sei eingeschlafen. In der Nacht eingeschlafen. Ich musste es mehrmals lesen, bis ich realisiert habe: «Eingeschlafen» heisst, sie ist gestorben. Dann habe ich gedacht: Okay. Ich habe meinen Chefen geschrieben: «Sie ist gestorben.» Sie wussten, worum es geht. Ich bin dann direkt nach Raufli gefahren. Ich hätte im Zug bleiben können, statt früher auszusteigen. Als ich ankam, war schon viel Familie da, von beiden Seiten. Mäthu hat mich zu Launora begleitet. Sie lag dort, ganz friedlich. Es war sehr erleichternd zu wissen, dass sie jetzt gegangen ist. Das Gefühl vom Tag zuvor lag irgendwie noch sehr schwer auf meiner Brust, und ich hatte gedacht, es muss ja nicht noch länger so weitergehen. Die Trauer, die war da noch nicht wirklich präsent. Und trotzdem – sie lag dort, und sie war noch da. Es war ein klares Realisieren. Man sieht sie tot. Ich bin noch kurz zu ihr hingelegen. Ich weiss nicht mehr genau, aber ich glaube, ich habe ihr nochmals über den Kopf gestrichen. ich bin noch eine zeitlang neben ihr gelegen, habe die Decke angeschaut, habe sie angeschaut und gedacht: Schön konnte sie gehen. Wirklich gut. Immerhin hat sie ein halbes Jahr durchgehalten. Es war eine lange, ungewisse, emotional kaum beschreibbare Zeit, die dann wie mit einem Schlag aufgehört hat. Und dann steht man da und denkt: Was mache ich jetzt mit dieser Situation? Man ist an etwas gewöhnt – und dann hört es einfach auf. Das ist heftig.
So im Kopf? Was ging dir da durch den Kopf?
Ja. Und dann fragt man sich: Okay, was mache ich jetzt mit mir? Auf jeden Fall wusste ich: Jetzt muss ich erst einmal tief Luft holen. Danach habe ich organisatorische Dinge mit der Bestatterin angeschaut. Sie hatte viele Fragen, Entscheidungen zu treffen – was, wie, wo. Mäthu konnte die komplexen Fragen in dem Moment kaum beantworten. Ich habe gemerkt, ich muss alles herunterbrechen auf Ja-oder-Nein-Fragen. Teilweise habe ich Entscheidungen fast stellvertretend übernommen. Die Tante hat dann auch noch beim Einladungsschreiben geholfen.
Mhm.
Das Ganze ging etwa zweieinhalb Tage, bis dann die Einsargung, bwz. die Abdankung war. In dieser Zeit mussten wir darauf achten, dass sie gekühlt bleibt. Es gab eine professionelle Kühlmatte und wir haben mit Kühlmaschinen gearbeitet – so Ventilatoren, in die man unten Kühlpads hineinlegt, die man immer wieder einfrieren muss. Der Sommer war sehr heiss, das war ziemlich mühsam. Die Pads mussten ständig gewechselt werden, und wir mussten darauf achten, dass der Raum möglichst kühl bleibt. Es gibt ja auch den Brauch, dass man nach dem Tod das Fenster öffnet. In diesem Moment war das keine gute Idee. Mein Vater sagte einmal: «Hey, ich gehe jetzt das Fenster öffnen.» Und ich sagte: «Bitte tu es nicht auf, sonst war die ganze Arbeit umsonst.» Er meinte dann, er würde es trotzdem gerne tun. Da haben wir gesagt: Können wir das am Schluss machen? Das fand ich gut.
Das ist ja eigentlich ein wunderschöner Gedanke.
Ja, und ich finde es auch eine wunderschöne Geste. Er hätte das sehr gerne gemacht. Aber er hat gemerkt, dass es jetzt einfach nicht der richtige Moment dafür ist. Und dann habe ich angefangen, all diese Dinge zu organisieren.
Du bist eigentlich sofort in Aktion gegangen.
Ja, ich war direkt in Aktion. Das habe ich auch bei der Bestatterin gemerkt. Sie hat wie nach der Person gesucht, die funktioniert, die handeln kann. Und sie konnten bei mir andocken. Ich habe sehr viel übernommen. Ich kann gar nicht mehr sagen, was genau alles zu tun war. Diese zwei Tage haben sich angefühlt wie zwei Monate. Die erste Nacht habe ich dort geschlafen. Am Morgen habe ich wieder alles kontrolliert und geschaut, dass die Kühlpads kalt sind. Ich glaube, in der Nacht bin ich sogar noch einmal aufgestanden, um sie zu wechseln.
Jetzt komme ich an meine Grenzen. Ich musste duschen, ich musste etwas essen. Eigentlich habe ich kaum etwas essen können. Ich habe Salzstängeli gegessen, immer wieder ein bisschen Salz, etwas zu knabbern. Hauptsache, irgendetwas. Die Bestatterin hat mir auch gesagt, ich solle darauf achten, dass die Leute etwas essen. Also habe ich den Anwesenden immer wieder ein paar Salzstängeli in die Hand gedrückt. Gleichzeitig musste ich schauen, dass es nicht nervt. Aber es war wichtig, dass alle zumindest ein bisschen essen und trinken, dass sie hydriert bleiben. Darum habe ich mich gekümmert. Das war fast alles, was in diesen Tagen gelaufen ist. Irgendwann bin ich kurz nach Hause gegangen, habe geduscht, und am nächsten Morgen bin ich wieder nach Raufli. Dann ging es darum, sie in den Sarg zu legen, alles vorzubereiten, den Transport, die Kirche. Zwischendurch bin ich noch mit dem Auto ins Büro gefahren, um irgendetwas zu holen – ich weiss nicht mehr was. Dort habe ich gemerkt: Eigentlich will ich gar nicht hier sein. Ich mag gerade gar niemanden sehen, mit niemandem sprechen. Ich habe noch kurz gesagt: «Wir schauen das nächste Woche an», und bin wieder gegangen. Ich bin dann wieder ins Auto gestiegen – eigentlich hätte ich gar nicht fahren sollen. Aber ich bin nach Hause gefahren, habe mich hingesetzt, eine Zigarette geraucht. Plötzlich stand Mäthu vor mir. Ich habe die Balkontür aufgemacht, wir haben uns angeschaut, und dann habe ich ihn nur noch umarmt. Er hat mich ganz fest gehalten. Und dann ist alles herausgekommen. Ich habe geweint wie ein Wasserfall. Ich weiss nicht mehr, wie lange. Es war einfach endlos.
Das ist so der Moment gewesen, den du gefunden hast.
Ja. In diesem Moment ist die ganze Anspannung vom Funktionieren abgefallen. Ich konnte einmal loslassen. Ich habe mich bei ihm bedankt, und er hat auch geweint. Er hat mir erzählt, was in der Zwischenzeit alles gelaufen ist. Er hatte bereits einige Dinge organisiert. Danach bin ich, glaube ich, nach Hause, habe geduscht und dort geschlafen. Bin mir grad nicht mehr sicher. Und am nächsten Morgen war ich wieder in Raufli. Viel ist in dieser Zeit nicht mehr gegangen. Wir haben uns eher sachlich ausgetauscht, was gerade aktuell ist. Gross über Gefühle zu sprechen, war kaum möglich. Die waren viel zu überwältigend. Die musste ich zuerst einfach aushalten und spüren. Ich glaube, ich konnte sogar recht gut schlafen.
Oder war das am Vorabend? Nein, du hast zu Hause geschlafen.
Genau. Die erste Nacht habe ich in Raufli geschlafen, dann zu Hause, und am nächsten Tag bin ich wieder nach Raufli gegangen, um zu helfen. Alles zusammenzupacken, alles wegzuräumen. Wir haben geschaut, dass wir alles dabeihaben: alle Mutperlen, alle Dinge, die wir mitgeben wollten, dass sie beim Sarg deponiert werden. In der Küche vorbereitet, dann schlussendlich auch im Sarg. Den Sarg vorbereiten. Es ist alles irgendwie Schritt für Schritt gelaufen. Dann kam der Moment, in dem klar war: Jemand muss Launora hinuntertragen. Die Treppe hinunter. Der Sarg war schräg, das ging nicht. Und dann hat Mäthu gesagt, er macht das. Ich konnte das nicht, das hätte mich komplett zerrissen. Ich glaube, für ihn war es in diesem Moment irgendwie möglich.
Vielleicht hat er es auch einfach nicht realisiert?
Ja, ist möglich. Er hat funktioniert. Wenn ein Vater seine tote Tochter aufnimmt, sie in den Arm nimmt, die Treppe hinunterträgt und in den Sarg legt – das ist unbeschreiblich. Das nimmt einem alles. Ich hatte vorher noch ganz rational daran gedacht, viele Päckchen mit Nastüchern mitzunehmen. Und wir haben sie tatsächlich alle gebraucht. Danach konnten wir ihr alle noch etwas in den Sarg legen: ihre Eltern, seine Partnerin, Mäthu und ich als Götti, die Frau von Päthu, ihre Gotte, unsere Mutter als Grossmutter und unser Vater und der Grossvater. Die Bestatterin war dabei. Sonst waren wir, glaube ich, nur unter uns. Launora sah trotz allem sehr friedlich aus. Die Sarg-Auskleidung war schön. Man hat auch gemerkt, dass ihre Haut schon speziell schuppig war. Oder irgendwie so. Ich weiss nicht mehr genau, was das war. Ja, das kann sicher die Bestatterin besser erklären. Dann haben wir ihr noch etwas Ausgewähltes mitgegeben im Sarg. Es hiess eigentlich, man solle nichts hineinlegen, was nicht verrottbar ist. Ich habe ihr dann das Buch mitgegeben, das ich ihr nach der Geburt gemacht hatte. Es heisst Gute Nacht, Launora. Das ist ein personalisiertes Kinderbuch, in dem man das Mädchen im Buch anpassen kann – Haarfarbe, Hautfarbe, Kleidung, und natürlich den Namen, der im Text vorkommt. Ich fand, das passt sehr gut. Es ist ihr Buch, und für einen letzten Schlaf ist es stimmig. Das Cover war plastifiziert, aber das war mir in dem Moment egal. Ich habe es trotzdem hineingelegt. Andere haben auch noch Dinge hineingelegt. Ich weiss nicht mehr genau, wer was. Und dann den Sarg zu schliessen. Da war ich an einem Punkt, an dem ich dachte: Nein, das will ich eigentlich noch nicht. Und gleichzeitig ging es dann doch weiter. Ich glaube, es war die Bestatterin, die uns ganz sanft dazu geführt hat: «Jetzt ist es Zeit.» Dann haben Mäthu und Valdrina den Sarg geschlossen. Er hatte so Schrauben, die sie angezogen haben. Danach haben Mäthu und unsere Mutter den Sarg hinausgetragen. Mäthu wollte Fotos davon haben.
Aha.
Ich habe gesagt, ich mache eigentlich nicht gerne Fotos. Aber für ihn habe ich es gemacht. Ich habe die Fotos gemacht. Danach haben sie Launora zum Bestattungsauto getragen. Das Auto war sogar sehr schön personalisiert, innen liebevoll gestaltet. Man konnte auswählen, wie es hinten aussehen soll. Ich bin dann mit der Tante hinten nachgefahren. Viele andere waren auch schon dort. Wir hatten viele Dinge eingepackt, um später die Erde zu schmücken. Wir hatten im Vorfeld gesagt: Nehmt, wenn möglich, blaue Blumen mit. Es musste nichts Spezielles sein, einfach Blumen. Es sollte ein grosses Blumenmeer werden, weil Launora Blumen so geliebt hat. Wenn sie Blumen gesehen hat, hat sie immer darauf gezeigt und «Blum!» gesagt. Und da gewisse Blüten wie Schuhe aussahen, hatte sie beim Schuhe anziehen auf ihre Füsse gezeigt und «Blum!» gesagt. Das war mega herzig. Dann sind wir auf den Friedhof gefahren. Ich habe gar nicht richtig mitbekommen, wie der Sarg getragen wurde. Ich war irgendwo anders, mit irgendetwas beschäftigt. Ich weiss nicht mehr genau womit. Vielleicht war ich draussen, ich weiss es nicht mehr. Ich weiss nur noch, dass plötzlich die Bestatterin vor mir stand und mir Anweisungen gegeben hat. Ich habe sie umgesetzt, und das hat gut funktioniert.
Okay.
Ich weiss nicht mehr genau, was danach alles war. Es sind sehr viele Leute gekommen, die Kirche war brechend voll. Wirklich voll. Wenn ich nach hinten geschaut habe, waren alle Bänke besetzt. Sehr viele Menschen haben Blumen mitgebracht. Der Sarg stand in der Mitte, auf dem Podest. Die Mutperlen sollten eigentlich obenauf liegen, aber die sind vergessen gegangen. Sie waren noch im Bauernhaus. Ich habe dann schnell das Auto meines Vaters genommen, um sie zu holen. Das war nicht besonders klug.
Oh mein Gott, du bist viel zu schnell gefahren.
Viel zu schnell. Es war extrem knapp, kurz vor der Rede. Ich habe gedacht: Das muss jetzt sein, ich hole die noch. Alle haben gesagt: «Fahr langsam.» Ja, ja. Gott sei Dank ist nichts passiert. Ich weiss, ich war zu schnell. Aber in dem Moment war mir das egal. Ich habe die Mutperlen geholt, und dann konnten wir sie auch noch dazu legen. Es gab noch weitere geschmückte Dinge, und überall Blumen – unglaublich viele Blumen. Dann kam die Abdankung. Ich habe ehrlich gesagt kaum etwas davon mitbekommen. Ich weiss nicht mehr viel. Ich habe auch nicht wirklich zugehört. Ich hatte noch die Aufgabe, eine Geschichte zu erzählen, eine Geschichte mit der Libelle. In dieser Situation, vor so vielen Menschen – eigentlich hätte das schiefgehen müssen. Heute würde ich sagen: Ich würde das nicht mehr machen. Aber ich hatte die Geschichte ausgedruckt, drei Seiten. Und ich habe einfach gelesen. Zum Glück hatte ich alles zum Ablesen. Anders wäre es gar nicht gegangen. Ich war in einem halbabwesenden Zustand. Ich habe gelesen und gesprochen. Sobald ich aufgeschaut habe, habe ich gemerkt: Es geht nicht. Also habe ich nur noch auf das Blatt geschaut und ins Mikrofon gesprochen. Dann bin ich wieder hinuntergegangen. Danach kamen alle mit ihren Blumen nach vorne und haben sie abgelegt. Es waren so viele Menschen. Auch viele, die ich gar nicht gekannt habe. Immer wieder Leute, die nach vorne gegangen sind und Blumen deponiert haben. Das hat lange gedauert. Danach ging es weiter zum Friedhof, nach Bremgarten. Dort war wieder viel Organisation und Logistik gefragt. Wir haben versucht, das ganze Blumenmeer in einen Kofferraum zu packen. Danach bin ich wieder mit der Tante hinter dem Bestattungsauto hergefahren. Am Friedhof angekommen, war zuerst die Frage, ob wir den Sarg vom Parkplatz bis zum Grab tragen oder ein Wägelchen nehmen. Zuerst dachten wir, wir tragen ihn. Dann kam das Wägelchen, und wir haben gemerkt: Ja, das ist besser. Niemand wollte riskieren, dass etwas passiert. Also haben wir den Sarg auf das Wägelchen gelegt und alle Blumen ebenfalls darauf. Die Eltern, also Mathias und seine Partnerin, haben, glaube ich, den Wagen gezogen. Alle anderen sind hinterhergelaufen. Das hat sich unglaublich lange angefühlt. Dabei ist der Weg mit dem Wägelchen eigentlich sehr kurz. Dort angekommen, hatten wir schon abgemacht, wie wir sie hinunterlassen. Man sollte die Seile auslegen, links und rechts neben dem Grab. Der Sarg wird daraufgelegt, und dann nehmen an jedem Ende je zwei Personen die Seile. So geht man über das Loch, und der Sarg wird langsam hinuntergelassen. Ich war hinten rechts. Ich habe es nicht geschafft, das Seil loszulassen. Ich wollte es einfach nicht. Von vorne kam dann schon die Aufforderung: «Jetzt … willst du nicht loslassen?» Ich habe gesagt: «Okay, ist gut.» Und dann war der Sarg hinten schräg im Loch. Erst nach einem Moment ist es gelungen, ihn ganz hinunterzulassen.
Was hat das mit dir gemacht? Oder war es da schon ein Loslassen?
Es war wie ein kontinuierliches Weiter-zu-Ende-Gehen. Immer wieder ein Stück mehr. Jedes Mal habe ich gedacht: Nein. Nein. Das war extrem. Nicht, weil ich unbedingt festhalten wollte, sondern weil es einfach nicht sein durfte. Als der Sarg dann ganz unten war, hat es sich wie eine Ewigkeit angefühlt. Wir standen wieder am Grab, haben hineingeschaut, uns umarmt, standen ineinander, haben uns die Schultern nass geweint. Wir sind ein paar Schritte weggegangen, dann wieder zurück, immer wieder. Irgendwann kam ein Friedhofmitarbeiter und begann, das Grab zu schliessen. Für einen kurzen Moment dachte ich: «Du Arschloch.» Dann habe ich gemerkt: Nein. Es muss weitergehen. Sonst kommst du hier nicht weg. Es ist vorbei. Später hat mir Mäthu auch einmal erzählt, dass er auch diesen Friedhofmitarbeiter in diesem Moment gehasst hat. Wir mussten im Nachinein beide lachen. Aber klar, eigentlich war es richtig, dass er etwas gemacht hat. Irgendwann muss es weitergehen. Er hat das Richtige getan. Auch wenn es sich in dem Moment ganz falsch angefühlt hat. Dann hat er das Grab zugemacht, ein wenig Erde aufgehäuft. Jemand hat das Kreuz montiert, ich weiss gar nicht mehr genau, wer. Danach haben wir das ganze Blumenmeer auf den Grabhügel gelegt. Es hatte wirklich knapp alles Platz. Es waren so viele Blumen. Wir haben sie richtig aufgehäuft, es sah wunderschön aus. Mit der Schleife, dem Kreuz und ganz vielen sehr persönlichen Dingen, die verschiedene Menschen mitgebracht hatten, um sie dort abzulegen. Das geht bis heute weiter. Es kommen immer wieder neue Sachen dazu. Man muss immer wieder ein bisschen Platz schaffen.
Ah, sicher. Hattet ihr ein Ritual?
Ja, das hat sich im Lauf der Zeit verändert. Am Anfang sind wir im ersten Jahr am Todestag und am Geburtstag gegangen. Danach nur noch am Todestag. Am Geburtstag war ich einmal auf einer Velotour, ich glaube, die anderen haben schon etwas gemacht. Im Jahr darauf war ich am Geburtstag wieder auf einer Velotour. Am Todestag haben wir uns jeweils wieder getroffen. Dann waren wir einmal im Dschangrille, gleich nebenan hat es ein sehr gutes Restaurant. Mit der Zeit hat sich das ein wenig verflüchtigt. Heute ist es eher spontan geworden. Manchmal denken wir einfach: «Komm, ich gehe auch noch schnell zum Grabhügel.» Und dann passt es.
Okay, also nicht mehr so festgelegt.
Letztes Mal sind wir aus einem Weihnachtsgedanken heraus gegangen. Obwohl wir an diesem Tag eigentlich alle nichts vorhatten, haben wir gefunden, gehen wir doch. Zwischendurch. Am Anfang bin ich sehr oft gegangen. Dieser Ort hat mir in dieser ersten Zeit extrem geholfen. Wirklich sehr. In der ersten Phase danach hatte ich, ich weiss nicht genau, wie man es nennt, aber doch deutliche psychische Schwierigkeiten. Ich hatte Angstzustände im Zug und habe gemerkt: Es ist einfach alles zu viel. Zusammen mit meinem Psychiater haben wir dann entschieden, dass ich einige Wochen Ferien mache. Ich war dann zwei Monate ziemlich ausser Gefecht, auch weil ich mir den Finger gebrochen habe und krankgeschrieben war. Diese Zeit konnte ich nutzen.
Also konntest du dir wirklich Zeit nehmen?
Ja, ich konnte mir sehr viel Zeit nehmen. Manchmal war es zu viel Zeit, dann wieder zu wenig. Es hat selten wirklich gestimmt. Es war einfach schwierig. Wenn ich zum Grab gegangen bin, in diesen Raum, in dieses Areal rund um das Grab, ist der ganze Stress verschwunden. Dort war es okay. Vielleicht war es auch so, dass ich nicht wirklich loslassen konnte. Wenn ich dort war, war es wie: Ja, hier ist es. Und wenn ich weg war, war es wie zu weit weg. So kann man es vielleicht ein wenig erklären.
Wir haben jetzt gleich mehrere Phasen besprochen. Hast du für andere Angehörige, aus dieser Zeit, deiner Sicht Dinge, Tipps, die Betroffenen helfen könnten – auch für die Zeit nach dem Sterben?
Mhm. Also für Angehörige? Schwierig. Wer nicht über eine gewisse Intuition verfügt, sollte sich eher zurücknehmen. Es ist wirklich sehr schwer zu sagen. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Eigentlich gibt es das nie. Auch wenn sich etwas für jemanden falsch anfühlt, ist es nicht zwingend falsch. Es fühlt sich für diese Person falsch an, und darauf muss man Rücksicht nehmen. Man kann ein Stück weit darauf hoffen, dass die andere Person sich äussern kann. Wenn nicht, muss man schauen, wie sie reagiert. Es ist sehr filigran. Es ist ein absoluter Ausnahmezustand. Wenn man von sich selbst überzeugt ist, dass man Fingerspitzengefühl hat und sich wirklich Mühe geben will, dann kann man gut auf die Menschen zugehen und einmal hören, wo sie gerade stehen. Oder man bietet sich an. Vielleicht auch nicht direkt bei den Betroffenen, sondern bei der Bestatterin, indem man sagt: «Braucht ihr Hilfe? Kann man etwas machen?» Sie ist dann gerade diejenige, die am meisten am Managen ist. Wenn man das alles nicht so kann, aber emotional stabil ist, dann kann man einfach Beistand leisten. Nicht zu viel reden. Nicht zu viel erklären. Einfach das, was gerade passt.
Ausprobieren.
Ja, genau. Ausprobieren.
Mit der Trauer Leben
Dann kommt irgendwann auch der Alltag langsam zurück. Hast du in dieser Zeit wahrgenommen, dass deiner eigenen Trauer mit Respekt begegnet wurde? Gerade im Kreis der Trauerfamilie und der anderen Angehörigen?
Ja, absolut.
Dass du gesehen wurdest, dort, wo du standest?
Ja. Im engeren, kleineren Kreis gab es sehr viel Respekt dafür und auch viel Anteilnahme. Auch sehr viel Verständnis. Mir ist aber noch ein Satz im Kopf geblieben von eher weiter entfernten Personen, die sagte: «Das ist ja nur dein Göttikind.» Ich war schockiert und dachte: Okay, gut, wir beenden dieses Gespräch hier. Es ist auch dort sehr individuell. Dieses Individuell-Sein ist wichtig. Eigene Interpretationen sollte man eher zurücknehmen. Mehr zuhören als glauben, man wisse schon, wie es ist. Und dann vielleicht auf das eingehen, was gesagt wird. Wenn man etwas nicht versteht, kann man das auch sagen: «Ich verstehe es nicht.» Manchmal hat man Lust zu erklären, wie man sich fühlt. Und manchmal eben nicht. Dann darf die Frage auch einfach wieder vergessen gehen.
Was hat dir nicht geholfen, was war belastend?
Ja, genau. So ein Abwerten, ein Weniger-wichtig-Machen. Den Satz «Jetzt solltest du langsam darüber hinwegkommen» habe ich zwar nie direkt gehört, aber ich habe mitbekommen, dass so etwas gesagt wird. Das ist wirklich nicht empfehlenswert.
Hast du das selbst so erlebt?
Nein, ich persönlich nicht. Aber in anderen Kontexten habe ich es schon gehört, nicht zu mir, und auch nicht direkt zu Betroffenen, sondern so nebenbei, hinter einer Tür. Und ich finde: Das ist eine absolut unnötige Aussage. Das ist absolut nicht angebracht. Weil jede Person anders trauert und unterschiedlich viel Zeit braucht. Komplett unterschiedlich, individuell. Dafür gibt es, so habe ich das Gefühl, keinen Leitfaden. Das ist schwierig.
Ja. Alle Gefühle, auch Erleichterung, können bis heute gleichzeitig da sein.
Erleichterung. Ja. Erleichterung ist tatsächlich eines der grössten Gefühle, die mich bis heute begleiten. Auch ein gewisser Stolz, das alles durchgestanden zu haben. Veränderung.
Mhm. Veränderung in deinem Leben.
Ja. Lebenssinn, Einstellung. Grundsätzlich schon auch ein Stück weit gewollt. Ich wollte diese Veränderung, weil das Ganze nicht einfach hätte passieren dürfen, ohne Auswirkungen, ohne auch positive Nebeneffekte. Nicht, dass alles negativ bleibt, sondern dass man versucht, das Gute darin zu sehen, zu finden und auch ein Stück weit zu provozieren. Und mich selbst dabei nicht auszuschliessen, sondern zu schauen: Was kann ich daraus ziehen? Was kann ich optimieren? Was kann ich besser machen? Was lerne ich daraus?
Also, es hat dein Leben verändert?
Absolut. Komplett. Vorher hatte ich ganz andere Pläne. Die haben sich inzwischen auch schon wieder stark verändert. Aber es gab einen klaren Schnitt, an dem ich gemerkt habe: Der Karriereweg ist vielleicht doch nicht das, worauf ich wirklich Lust habe. Ich habe mehr Lust zu leben, das Leben in tiefen Zügen zu geniessen, und nicht alles zwingend über die Arbeit zu definieren. Ich glaube, ich strebe heute mehr danach, dass ich schaue, dass ich grundsätzlich glücklich bin.
Der Kontakt zu Mäthu?
Mal mehr, mal weniger. Wie es kommt, wie es passt, wie wir Zeit haben. Manchmal habe ich mich auch bewusst wieder gemeldet, wenn ich gemerkt habe, dass wir länger nichts voneinander gehört hatten. Am Anfang war das natürlich schwierig. Diese halben Jahre, an die man sich komplett gewöhnt hatte. Man merkt: Das ist jetzt das Leben, man lebt darin. Und dann ist plötzlich alles mit einem Schnips vorbei. Dann musst du dich selbst irgendwo wieder einholen. Deine Aufgabe war plötzlich weg. Für Mathias natürlich viel heftiger. Er hatte jeden Tag eine Aufgabe: pflegen, schauen, da sein, irgendwo auch noch ein Stück Erziehung. Und plötzlich fällt das alles weg. Das ist schockierend. Auf eine brutale Art. Jetzt habe ich gerade den Faden verloren.
Wie sich die Beziehung zwischen euch verändert hat.
Ja. Es hat uns sicher noch mehr zusammengeschweisst. Obwohl ich das vorher kaum für möglich gehalten hätte, weil wir Brüder ohnehin schon sehr eng waren. Aber gemeinsam so etwas durchzustehen, das ist unbeschreiblich. Und dann auch zu sehen, was danach aus dieser Zeit entsteht. Man merkt: Hier ist Stress, dort ist Stress – und eigentlich ist es faktisch gar kein Stress. Sondern eher die Suche danach, wo man wieder etwas findet, das Sinn macht.
Ja. Etwas Sinnvolles finden.
Und wie soll ich sagen: Man kommt auch aus diesem Gefühl und diesem Handeln heraus, dass jederzeit wieder etwas passieren könnte.
Mhm.
Weil sie ja ständig behandelt werden musste. Man war immer auf Trab. Jetzt noch das. Jetzt noch das. Und dann das. Und dann das. Und plötzlich musst du nichts mehr. Das ist brutal. Ich glaube, aus diesem Zustand wieder herauszukommen, das war eine der heftigsten Aufgaben. Und das hat auch der Kontakt zwischen uns ganz generell intensiviert. Das war auch dieser Zeit geschuldet, wo man einfach zusammen da durch ist.
\* \*Und sprecht ihr noch viel über und von der Launora? Sicher weniger als früher, aber doch immer wieder. Manchmal wollte er auch nicht mehr so darüber sprechen. Aber doch, manchmal aber schon immer weniger. Er ist ja mittlerweilen auch wieder Vater geworden. Die ist jetzt auch schon eineinhalb. Dadurch hat er natürlich auch wieder eine Aufgabe, arbeitet viel. Wir haben unter uns Brüdern natürlich auch immer wieder Kontakt, da wir auch das geerbte Haus pflegen müssen. Aber es hat einen anderen Rhythmus angenommen.
Ja. Und was würdest du anderen Angehörigen raten? Für diese längere Zeit danach, für die Beziehung zur Familie und für die eigene Trauer?
Ich glaube, ich wiederhole mich, aber: gut auf sich selbst hören. Vielleicht auch mit den Eltern darüber reden und sie fragen, wenn das ein Bedürfnis ist. Und sich selbst fragen: Was brauche ich? Wenn man merkt, dass man zu wenig trauert oder nicht weiss, wie man trauern soll, dann ausprobieren. Schauen, was für einen stimmt, was gut tut. Und sicher nicht zögern, professionelle Hilfe beizuziehen. Gleichzeitig aber auch einfach den Kontakt zu anderen halten: sich melden, einen Kaffee abmachen, ein Feierabendbier, was auch immer gerade passt.
An Weihnachten, es war das dritte Weihnachten ohne sie, wurde sie lange nicht erwähnt. Erst ganz am Schluss habe ich gemerkt, dass die Tante Girlanden aufgehängt hatte, mit ausgeschnittenen Libellen daran. Ich habe sie gefragt, was es mit diesen Libellen auf sich hat. Und sie hat mich angeschaut und ganz klar gesagt: «Du weisst doch, sie ist immer ein bisschen dabei.» Das war so stimmig. Für gewisse ist mehr ein Bedürfniss darüber oder von ihr zu reden und für andere weniger, so wie es eben passt. Ich glaube, wenn jemand das Bedürfnis hat, darüber zu sprechen, Erinnerungen zu teilen oder zu erzählen, wenn man an sie gedacht hat, dann ist das wichtig.
Freut dich das auch, wenn man an sich erinnert?
Mhm. Absolut. Und ich finde es auch wichtig, dort keinen Unterschied zu machen zwischen schmerzhaften und schönen Erinnerungen. Oft erzählt man nur noch das Schöne, und das Schmerzvolle ist dann so etwas wie: Ja, das war halt auch. Aber man spricht nicht mehr darüber.
Mhm.
Ich finde nicht, dass es falsch ist. Es darf sein. Wenn man unsicher ist, kann man vorsondieren und fragen: «Wie geht’s?» Das ist gut.
Uns ist noch die Geschichte in den Sinn gekommen, im Zusammenhang mit der Rettung eines anderen Menschen. Also im Sinn von dem, was das längerfristig auslöst.
Ja, stimmt.
Trigger, wenn man wieder in eine ähnliche Situation kommt.
Trigger, ja. Ein guter Punkt. Beim Arbeiten zum Beispiel. Ich habe dann den Zivildienst angefangen und bin dort hängen geblieben, später wurde ich angestellt. Es gibt ja diese Schmetterlingsflügel, die es für Kinder zum Anziehen gibt. Launora hatte auch solche. Und in dieser Brockenstube, wo ich gearbeitet habe, hatte es auch solche. Als ich die sah, das war wie ein Schock. Da kamen all die Bilder wieder hoch. Aber es war ein ziemlich gutes Team, dort. Ich konnte mich dann schnell ins Büro zurückziehen und sagen: «Hey, schaut mal, diese schönen Flügelchen.» So in dem Sinn. Das hat mir ein wenig Entlastung gegeben. Und dann diese andere Geschicht, das hat viel getriggert. Das mit dem Kind im Garten, das ich reanimiert habe. Klar, das passiert einem nicht ein zweites Mal im Leben . Ein Kind genau im gleichen Alter. Es war fast ertrunken. Lag reglos dort vor mir. Das hat bei mir nur noch einen Fluchtreflex ausgelöst. Ich war irgendwie gleichzeitig voll da und doch nicht. Und trotzdem habe ich gemerkt: Wie reagiere ich, wenn meine Nerven getriggert werden? Oder wenn mir jemand fast anschreit, was ich machen soll.
Es ist zu spät, um zu erklären, wie es geht. Ich weiss, wie es geht. Und wenn ich es jetzt nicht mache, habe ich eine sehr konkrete Vorstellung davon, was danach in dieser Familie abläuft. Nicht nur eine Vorstellung – ich weiss es. Das hätte ich so nicht wollen. Und dann bin ich voll durchgestartet. Wieder voll in Aktion. Einfach funktioniert, ohne gross nachzudenken. Ich habe das Kind reanimiert. Nach etwa fünf Stössen ist es wieder zu sich gekommen. Ich hätte nie geglaubt, dass das funktioniert. Ich dachte nur: War das jetzt wirklich ich? Oder wie? Die Situation war so absurd. Ich habe dann der Ambulanz angerufen, habe einfach funktioniert. Als die Ambulanz kam und alles geregelt war, konnte ich die Verantwortung abgeben. Ich habe gemerkt: Okay, gut. Dann bin ich zurück in unseren Garten gelaufen. Dort war ein Kollege mit seiner Freundin. Ich merkte, jetzt kommt der Schwindel. Ich muss mich hinsetzen. Und dann sind die Gefühle gekommen. Ich habe geweint, richtig fest. Und ich habe gemerkt: So konnte ich ziemlich viel Druck abbauen. Das war krass. Danach kam auch noch die Polizei. Ich habe alles erzählt. Dann wurde das Care Team aufgeboten, und ich habe noch einmal alles erzählt. Und da habe ich gemerkt: Jetzt ist es gut. Jetzt habe ich es abgegeben. Ja. So Trigger gab es danach trotzdem noch. Wenn ich kleine Kinder gesehen habe, musste ich oft daran denken. Besonders, wenn es ein Mädchen war, mit einer ähnlichen Brille. Teilweise auch Gesten oder Laute von kleinen Kindern. Das hat mich erinnert, einfach weil es kleine Kinder waren. Ich habe gemerkt, dass ich da eine sehr verstörende Erfahrung gemacht hatte, die nicht normal ist. Und ich wusste, es braucht Zeit, bis sich das normalisiert. Und jetzt, nach drei oder vier Jahren, ist das nicht mehr so. Das hat aufgehört. (Pause)
Okay, kommt dir noch etwas in den Sinn, das du teilen möchtest?
Nein, jetzt grad nicht.
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