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260626 Darshan Lila 01

Civan,verwaister Vatererzählt

Die Geschichte von Darshan

Darshan kam im November 2019 als zweites Kind von Civan und seiner damaligen Partnerin zur Welt. Die Schwangerschaft verlief unauffällig, die Pläne für eine Hausgeburt standen – bis plötzlich alles anders wurde. Aus der vertrauten Atmosphäre zu Hause führte der Weg überstürzt ins Spital, wo Darshan kurz darauf geboren wurde und sofort um Unterstützung beim Atmen und Trinken kämpfen musste. Statt inniger Kennenlernzeit fanden sich die Eltern zwischen Maschinen und Kabeln auf der Intensivstation wieder. Civan beschreibt, wie er im Krisenmodus funktionierte, Entscheidungen für seinen Sohn treffen musste und gleichzeitig versuchte, Raum zu schaffen für ihre eigenen Werte – etwa rund um die Muttermilch. In seiner Geschichte erzählt er von diesen ersten turbulenten Tagen mit Darshan und davon, wie ihn diese Zeit als Papi geprägt hat.

TodesumstandGenet./Stoffwechselkrankheit
Erzählt am4. September 2026
Gesamtlesezeitca. 38 min
Für wen?Betroffene Eltern
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Erzählt am4. September 2026
Gesamtlesezeitca. 38 min

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Zeitabschnitt

Diagnose und Behandlungen

Lesezeit ca. 19 min
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Stephi: Hallo und herzlich willkommen zurück. Ihr erinnert euch vielleicht an Sefora. Sie war in meiner letzten Podcast-Folge zu Gast und hat erzählt, wie sie mit dem Verlust ihres Sohnes Darshan umgegangen ist. Das war die Sicht einer Mami. Heute ist Civan bei mir, Darshans Papi und Seforas Ex-Mann. Wir haben also die Möglichkeit, die Sicht eines Papis zu hören. Er kommt gleich zu mir nach Hause. Ich freue mich darauf und bin sehr gespannt auf ihn. Civan, es ist sehr schön, dass du heute bei mir bist und den Weg auf dich genommen hast. In meiner letzten Podcast-Folge war Sefora, deine Ex-Frau, bei mir. Sie hat von eurem Verlust erzählt, von eurem Sohn Darshan, und davon, wie sie als Frau und als Mami mit allem umgegangen ist. Heute bist du als Papi da und wirst uns deine Sicht erzählen, wie es dir dabei gegangen ist und wie du mit dem Verlust umgegangen bist. Ich finde es extrem wertvoll, dass du bereit bist, als Mann darüber zu sprechen, weil ich in meinem Podcast oft nur wenige Männer zu Gast habe. Darum bin ich dir wirklich unendlich dankbar, dass du uns einen Einblick gewährst.

Civan: Vielen Dank, Stephi, für die Einladung. Ihr habt es schön hier.


Stephi: Ja, danke.

Civan: Ich habe gut hierhergefunden.


Stephi: Im Toggenburg, gell?

Civan: Im Toggenburg. Ich war mir nicht sicher. Zürich, St. Gallen, nein, es ist Toggenburg. Danke für die Einladung. Wir haben uns ja vor ein paar Wochen zum ersten Mal ausgetauscht. Und es ist genau das, was du gesagt hast. Einmal die Perspektive des Mannes teilen zu können, sie sichtbar zu machen. Dafür bin ich da.


Stephi: Vielleicht haben einige die Geschichte von Darshan bei Sefora gehört, andere vielleicht nicht. Darum wäre es sehr schön, wenn du uns zuerst erzählen würdest, was überhaupt passiert ist. Wie ist Darshan gegangen? Und vielleicht nimmst du uns auch gleich ein wenig mit, wie es dir dabei gegangen ist und was für ein Papi du gewesen bist.

Civan: Ich glaube, es gibt zwei entscheidende Ereignisse rund um Darshan. Auf beide gehe ich ein. Das eine ist seine Geburt. Er kam im November 2019 zur Welt, als unser zweites Kind. Der Abstand war kurz, sportlich, einundzwanzig Monate. Während der ganzen Schwangerschaft verlief eigentlich alles sehr reibungslos. Wir haben die üblichen Kontrollen gemacht. Es sah eigentlich alles gut aus. Seine Geburt selbst war dann aber sehr schwierig und turbulent. Um sechs Uhr morgens mussten wir die Hausgeburt abbrechen und ins Spital fahren. Wenige Minuten nach der Ankunft im Spital war er dann schon auf der Welt. Die Ärzte haben in den ersten Minuten und Stunden relativ schnell gesagt, dass es dafür einen Begriff gebe. Floppy Child nennt sich das. Er hatte Schwierigkeiten zu atmen, zu schlucken, zu spucken, also mit all dem, was man als Neugeborenes eigentlich braucht. Die ersten Momente mit ihm waren in diesem Sinn surreal. Er ist nicht wirklich angekommen. Wir waren damals noch ein paar Stunden in diesem Spital. Sie versuchten, ihn möglichst viel zur Mami, also zu Sefora, zu legen und ihn dabei ein wenig zu unterstützen. Vielleicht muss ich erwähnen, dass es das anthroposophische Spital in Richterswil war. Um die Mittagszeit herum haben sie dann entschieden, dass er ins Kinderspital sollte. Er war morgens um sieben zur Welt gekommen. Sie informierten uns nicht hundertprozentig transparent darüber, wohin genau er im Kinderspital verlegt würde. Ein paar Stunden später erfuhren wir dann, dass es die Intensivstation im Kinderspital war. Rund um seine Geburt war es also schon sehr, sehr turbulent. Wie gesagt, er ist nicht wirklich angekommen. Den Abend seiner Geburt haben wir auf der Intensivstation verbracht.


Stephi: Wahnsinn. Was hat das mit dir gemacht? Oder bist du als Papi eigentlich irgendwie daneben gestanden?

Civan: Rückblickend, glaube ich, nimmt man es gar nicht wirklich wahr. Ich war wohl im Krisenmodus. Wahrscheinlich schon ab dem Abend der Hausgeburt, als wir abbrechen mussten. Bis ein paar Tage nach der Geburt, ja. Gefühlt vielleicht sogar bis ein paar Wochen nach der Geburt. Ich würde nicht sagen, dass ich mich in dieser Zeit selbst beobachtet habe. Viele nennen das ja Beobachtermodus. Bei mir war es eher Krisenmodus. Es ging darum, was jetzt gemacht werden muss. Auch auf der Intensivstation kam Verschiedenes vor, bei dem man bereit sein musste zu reagieren. Als Vater musste ich für uns einstehen. Wir hatten zum Beispiel das Thema Muttermilch. Uns war wichtig, dass Darshan Muttermilch bekommt, sobald sie verfügbar ist. Da waren wir teilweise nicht ganz gleicher Meinung wie die Ärzte. Rückblickend würde ich sagen, dass man in einer so hilflosen Situation versucht, Einfluss zu nehmen. Vor allem auf der Intensivstation, mit all diesen Maschinen, Kabeln und allem rundherum. Man versucht irgendwie, Einfluss zu nehmen, über das blosse Dasein hinaus. Es gab gewisse Momente, in denen ich sagte, auch wenn das vielleicht ein kleines Beispiel ist, dass wir von unserer Seite noch einmal sehr klar mit den Ärzten sprechen mussten. Wertschätzend, weil sie da waren, und gleichzeitig mit dem Anliegen, dass wir den Prozess auf unsere Art unterstützen wollten. Ich erinnere mich, dass wir zu viert an einem Tisch sassen, mit dem Direktor des Kinderspitals, mit dem für Darshan zuständigen Arzt, mit mir und Sefora. Dort wurde uns klar mitgeteilt, dass wir mitmachen müssten. Wir haben mitgemacht, aber es ging auch darum, dass wir ein Stück weit nach ihrer Pfeife tanzen sollten. Rückblickend finde ich, dass dort ein paar seltsame Aussagen gefallen sind, die mir nicht besonders gefallen haben. Aber das ist Teil dieser Geschichte, Teil der ersten zwölf Tage, die Darshan auf der Intensivstation verbracht hat. Sefora hatte dann am dritten oder vierten Tag Blutungen. Sie stand am frühen Morgen damit auf, beziehungsweise wachte damit auf. Nach der Geburt lag der Fokus natürlich noch stärker auf Darshan und weniger darauf, ob bei ihr alles sauber abgeschlossen war. Das ist ein zweiter Aspekt, der mir sehr gut in Erinnerung geblieben ist. Sie musste dann ins Unispital. Dann war es so, dass die Mutter im Unispital war, Darshan im Kinderspital, und ich und Daanam, also meine Tochter, waren zu Hause. Ein schönes Dreieck, in diesem Sinn. Das waren, glaube ich, zwei oder drei Tage, in denen ich mich schon gefragt habe, was jetzt noch alles kommt.


Stephi: Ja. Was will mir das Leben damit sagen, nicht? Alle zerren an dir.

Civan: Ja, genau. Es war dieses Gefühl, was jetzt noch zusätzlich auf mich draufkommt. Ich erinnere mich, wie ich Daanam am Abend ins Bett brachte. Ich glaube, es war die erste Nacht, in der Sefora im Unispital war. Sie musste notoperiert werden. Da ging es in diesem Sinn auch um Leben und Tod. Sie hatte viel Blut verloren. Darshan war im Kinderspital, ich war mit Daanam zu Hause und brachte sie ins Bett. Dort habe ich sehr stark geweint. Ich wusste in diesem Moment nicht, ob ich noch mehr ertragen kann. Ein paar Tage später, oder vielleicht auch einen Tag später, hatte ich ein Gespräch mit meiner Mutter. Ich sagte ihr, dass ich nicht wisse, was jetzt noch kommen solle. Dann gab es auch noch ein Gespräch mit Sefora, in dem ich ihr klarmachte, dass ich es nicht ertragen würde, wenn sie jetzt auch noch geht. Das würde für mich gar nicht gehen. Von da an, etwa eine Woche nach seiner Geburt, begann es sich langsam in eine bessere Richtung zu entwickeln. Genau. Es gibt noch eine weitere Geschichte, bei der ich gerade nicht weiss, ob ich darauf eingehen mag. Sie ist mir geblieben. Es geht um ein Baby, das neben ihm lag. Auf der Intensivstation. Das Baby hiess Sonja (Name geändert). Die Familie kam aus der Westschweiz. An das Gesicht des Vaters kann ich mich noch erinnern. Es war ihr erstes Kind, also anders als bei uns.

Civan: Mein Französisch ist wirklich sehr beschränkt. Aber in so einer Situation ... Ich glaube, Sonja kam ein oder zwei Tage vor Darshan zur Welt. Sie lag neben ihm. Die beiden sahen mehr oder weniger gleich aus, weil beide an Kabel und Maschinen angeschlossen waren. Bevor Sefora ins Spital ging, war vor allem ich Tag und Nacht dort. Ich habe mich nicht wirklich mit Sonjas Eltern ausgetauscht, aber manchmal sass man zusammen im Wartezimmer und versuchte, einander zu stärken. Es waren kleine Begegnungen. Man sagte sich, dass es bei ihnen gut komme und bei uns auch. Das war ganz banal und kurz, aber es hat trotzdem gestärkt. Man versucht in solchen Momenten, einander ein bisschen Energie zu geben. Ich erinnere mich, dass ich etwa sechs Tage nach Darshans Geburt von Sefora im Unispital kam, zusammen mit meiner Tochter und mit der Milch, und bei Darshan ankam. Plötzlich stand das Bett neben ihm nicht mehr dort. Ich fragte die Krankenschwester, was mit Sonja sei. Sie sagte mir, dass sie es nicht geschafft habe. Ich glaube, das war der Moment, in dem mir wirklich erst klar wurde ...


Stephi: … worum es geht.

Civan: Ja, worum es geht. Ich glaube, es brauchte diese sechs, sieben Tage, bis mir bewusst wurde, dass es wirklich um Leben und Tod geht.


Stephi: Mhm. Und dass es auch euch passieren könnte.

Civan: Dass es auch uns passieren könnte. Die Eltern dieses Mädchens habe ich danach nie mehr gesehen. Sie waren dort auch nicht mehr anzutreffen. Bei Darshan begann es dann langsam bergauf zu gehen. Drei, vier Tage später konnte er die Intensivstation verlassen. Dafür musste er bestimmte Werte einhalten. Danach kam er auf die Neo-Station. Dort war er noch einmal ein paar Wochen, ungefähr zwei Wochen. Ziemlich genau nach vier Wochen, kurz nach Weihnachten, konnten wir ihn aus dem Spital mitnehmen. Wir hatten noch versucht, es vielleicht vor Weihnachten zu schaffen, aber es war okay so. Kurz nach Weihnachten konnten wir ihn mitnehmen. Damit war das erste Kapitel seiner Geburt abgeschlossen. Wow.


Stephi: Das kritische Kapitel, oder?

Civan: Das kritischste.


Stephi: Ja, ein Stück weit, oder? Danach atmet man wahrscheinlich auf und denkt, dass man einen grossen Teil geschafft hat.

Civan: Ja. Ich habe gerade letztens ein Bild angeschaut, auf dem ich ihn in der Trage habe. Das war dieser Moment. Wir sehen wirklich fertig aus.


Stephi: Ja, das glaube ich.

Civan: Wir sehen wirklich fertig aus. Gleichzeitig war da auch das Gefühl, dass wir jetzt wieder mehr Einfluss haben. Ich glaube, das ist das Schwierige an dieser Zeit im Spital. Man muss sich mehr oder weniger vollständig auf das Vertrauen einlassen.


Stephi: Ja, man gibt die Zügel ab, oder?

Civan: Ja, genau. Dort hatten wir wieder mehr Einfluss. Gleichzeitig war von Anfang an klar, dass regelmässige Untersuchungen nötig sein würden. Als sie ihn aus dem Spital entliessen, sagten sie uns das auch. Regelmässig bedeutete in diesem Fall, dass wir fast jeden Tag zwischen zu Hause und dem Kinderspital unterwegs waren. Zum Glück wohnten wir damals ganz in der Nähe des Kinderspitals, höchstens zehn Minuten zu Fuss entfernt. Im zweiten und dritten Monat waren wir fast täglich im Spital. Es gab weitere Untersuchungen, aber sie wussten nicht wirklich, was er hatte. Er konnte zwar besser atmen, und irgendwie ging es, aber es war klar, dass irgendetwas nicht stimmte. Nach drei Monaten gaben sie uns ein Dossier ab, ein dickes Dossier mit den Befunden und all dem, was sie gemacht und getestet hatten. Am Ende dieses Befunds blieb aus meiner Sicht trotzdem unklar, was er genau hatte. Sie sprachen von dieser neuen genetischen Malfunktion, die seine Muskeln betrifft und dazu führt, dass er nicht die volle Muskelkraft hat oder entwickeln kann. Gleichzeitig sagten sie, dass sie dieses spezifische Gen in dieser Form noch nie gesehen hätten und es gerne weiter untersuchen würden. Das war einer dieser Momente, drei Monate nach der Geburt. Sie sagten uns damals auch, dass sie nach sechs Monaten, ich hoffe, ich verwende den richtigen Begriff, eine Muskelbiopsie machen wollten. Das hätte bedeutet, seinen Muskel am Knie aufzuschneiden. Das wäre der vollständig schulmedizinische Weg gewesen. Sie sagten, das sei der nächste Schritt. Also weitere drei Monate beobachten und danach den Muskel aufschneiden, um zu schauen, was es ist. Für uns fühlte sich das ein wenig so an, als wäre er nun das neue Versuchskaninchen.


Stephi: Das ist bei mir gerade auch sofort aufgekommen. Wen wollen sie denn als Versuchskaninchen brauchen? Dieser Gedanke kam mir gerade sehr stark.

Civan: Ja. Das war Ende Februar. Er kam Ende November 2019 zur Welt, also sprechen wir von Ende Februar 2020. Sefora und ich setzten uns noch einmal zusammen, schauten zurück und reflektierten. Ist das ein Leben? Nein, das ist es nicht. Seit drei Monaten ging es eigentlich nur hin und her. Natürlich war da auch die Wertschätzung für die Schulmedizin, die sie aus unserer Sicht auch verdient. Gleichzeitig merkten wir, dass wir einen anderen Weg suchen wollten, oder zumindest einen komplementären Weg. Dann entschieden wir zwei Dinge. Das eine war, dass wir umziehen.


Stephi: Weg aus dieser Nähe zum Unispital.

Civan: Ja, genau. Wir sagten, dass wir umziehen. Wir hatten dann Glück und fanden eine Wohnung direkt am Wald in Zürich-Witikon. Das war nicht einmal weit weg von unserem bisherigen Wohnort. Am 16. März konnten wir dort einziehen. Ich weiss noch, warum es der 16. März war, weil das gleichzeitig der Tag des Shutdowns war.


Stephi: Stimmt.

Civan: Wegen COVID, genau.


Stephi: Ja, stimmt.

Civan: An diesem Tag verkündete Herr Berset den Shutdown … Ich glaube, er tat das an einem Montag, und wir konnten am Sonntag davor in die Wohnung einziehen. Das war das eine. Das Zweite war, dass wir mit ihm Physiotherapie machen wollten. Das hatten sie uns empfohlen. Neben der Physiotherapie begannen wir aber, in verschiedene Richtungen zu schauen. Das Erste war die Epigenetik. Damit setzten wir uns auseinander. Es gibt in diesem Bereich zwei amerikanische Pioniere, Gregg Braden und Bruce Lipton. Wir begannen also, uns damit zu beschäftigen. Was bedeutet das? Es hat mit den Genen zu tun. Wir vertrauten darauf, dass die Ärzte in diesem Sinn recht hatten. Aber kann man Gene auch beeinflussen? Da kommt dann das Umfeld ins Spiel und so weiter. Wir hatten zweimal pro Woche Physiotherapie, wollten aber auch das Umfeld verändern. Deshalb zogen wir direkt an den Wald. Das bleibt mir sehr schön in Erinnerung. Während alle ein wenig mit der Angst vor Corona zu kämpfen hatten, war das für mich am Anfang ziemlich irrelevant.


Stephi: Das glaube ich dir total, ja.

Civan: Wir haben dort einen wunderschönen Frühling verbracht, direkt am Waldrand. Dort gab es einen riesigen Spielplatz, und niemand war da. Alle wollten zu Hause bleiben. Wir dachten, dann haben wir den Spielplatz für uns. Meine Tochter hatte Freude, und Darshan hatte auch Freude. Wir haben gesehen, wie er begann, sich zu entwickeln. Zwar immer mit etwas Rückstand. Auch sein Gewicht mussten wir immer ein wenig im Auge behalten. Aber er begann zu leben, in diesem Sinn lebendiger zu werden. Er begann zu spielen, auch mit seiner Schwester. Rückblickend war die ganze Zeit nach dem Umzug für mich wunderschön.


Stephi: Ja. Hattest du da keine Angst mehr, dass er gehen könnte?

Civan: Vielleicht war sie ein bisschen verdrängt, aber direkt eigentlich nicht. Nein. Es war damals eine Art Frühlingsaufbruchsstimmung. Es war das Gefühl da, dass wir einen Weg finden würden. Ich glaube, ich war persönlich nie jemand, der dachte, wenn ein Arzt zum Beispiel sagt, dass es eine lebensbeendende Krankheit ist, dann ist das einfach so. Ich war immer derjenige, der dachte, es gibt sicher ein Schlupfloch. Es gibt immer einen Weg, immer eine Möglichkeit. Das war damals ganz klar auch so. Ich hatte mich schon vorher ein wenig mit komplementärer und alternativer Medizin auseinandergesetzt. Und damals, oder sagen wir so, Sefora war damals in der Eventbranche tätig. Diese Branche wurde von Corona ja als eine der ersten getroffen.


Stephi: Ja, klar.

Civan: Sefora hat dann unser Business initiiert, während ich noch angestellt war. Ich komme ursprünglich aus der IT. Sie hat unser Business mit ihrem Marketingwissen aufgebaut und es innerhalb von sechs Monaten so weit gebracht, dass wir anschliessend gemeinsam entschieden haben, es zusammen zu machen. Denn sie arbeitete weniger und verdiente trotzdem gleich viel wie ich. Und wenn ich ihr zusätzlich helfen würde, könnten wir gemeinsam etwas Gutes auf die Beine stellen. Wir begannen damals mit «Endlich sichtbar», so hiess es, und unterstützten Therapeutinnen und Therapeuten, vor allem in der Komplementär- und Alternativmedizin. Also Naturheilkunde, Osteopathie, Kinesiologie und alles, was dazugehört. Einerseits unterstützten wir sie in ihrem Business, beim Sichtbarwerden, im Marketing und in der IT. Andererseits haben wir selbst sehr viel Wissen aufgeschnappt, durften viel lernen und sahen auch bei Darshan, welche Entwicklung er machte. Parallel dazu nahmen wir weiterhin unsere Untersuchungen wahr, etwa alle sechs Monate. Gleichzeitig merkten wir, oder ich merkte, dass wir jedes Mal, wenn wir im Kinderspital landeten, wieder mit Angst von dort weggingen. Sonst waren wir eigentlich nicht so in der Angst. So war ungefähr das Jahr 2020. Bis zu dem Punkt, an dem das Business, das Sefora initiiert hatte, so gut lief, dass wir entschieden, dass ich kündige. Das war ungefähr im November 2020. Ich hatte eine Kündigungsfrist von drei Monaten. Wir sagten uns, wenn ich kündige, können wir das Business gemeinsam weiter aufbauen und haben gleichzeitig mehr Zeit mit den Kindern. Darshan brauchte ja etwas mehr. Er hatte zum Beispiel zweimal pro Woche Physiotherapie. Der klare Plan war, dass wir uns nach meiner Kündigungsfrist so aufstellen können, dass alles funktioniert und wir unsere eigene Bubble haben. Natürlich immer noch mit der ganzen Corona-Geschichte rundherum.


Stephi: Klar. Aber es klingt sehr schön. Es klingt so wertschätzend. So im Sinn von, das bringt Darshan mit, und wir bauen alles so darum herum auf, dass es für uns als Familie trägt und stimmt.

Civan: Körperlich war es sehr schwierig für ihn. Aber er hat sonst etwas in unsere Familie hineingebracht, etwas anderes. Er hat eine gewisse Ruhe hineingebracht. Er war kein Zappeli. Das sicher nicht. Ich erinnere mich, dass ich mich ganz häufig einfach neben ihn hingelegt habe. Er war oft auf dem Sofa, machte seine Sachen und spielte mit seinen Händchen. Ich legte mich einfach gerne neben ihn. Und mein erstes Tattoo war seine Hand, also seine Berührung. Auf Englisch sagt man «Touch», seine Berührung … Das ist ganz anders gewesen. So etwas habe ich vorher und nachher nie erlebt. Wenn ich mich noch einmal neben ihn gelegt habe, hat er mir über die Haare oder über den Kopf gestrichen. Es war einfach anders. Es hat eine Art Frieden mit sich gebracht. So würde ich es beschreiben. Ja.


Stephi: Du hast jetzt viel von dieser Zeit erzählt. Wenn du so davon sprichst, klingt es für mich, als sei es auch für dich als Papi ein Kraftakt gewesen. Du warst berufstätig, später dann nicht mehr in der gleichen Form, aber durch die Selbstständigkeit schon noch. Es hat an dir gezehrt. Du hattest zu Hause ein Kind, Sefora war im Spital, Darshan später zu Hause. Und du hast versucht, alles zusammenzuhalten und für alle da zu sein. Gleichzeitig macht das ja auch etwas mit dir. Wie hast du das geschafft? Wie hast du das gemeistert? Ich nehme an, du musstest in dieser ganzen Zeit auch arbeiten gehen. Oder hast du deinem Arbeitgeber gesagt, dass du nicht mehr kommen kannst?

Civan: Ich glaube, ich habe etwa sechs Monate vor Darshans Geburt bei diesem Arbeitgeber angefangen. Ich habe dort Client-Support, IT-Support gemacht. Die Absicht war eigentlich klar. Wir hatten mit Daanam ein kleines Kind zu Hause, Sefora war schwanger, und in diesem Moment brauchte es einen guten Verdienst und Sicherheit. Ich habe damals, glaube ich, 90 Prozent gearbeitet. Das war schon ein ordentlicher Verdienst. In den ersten sechs Monaten vor der Geburt war die Beziehung zum Arbeitgeber sehr gut. Der erste besondere Moment war dann rund um die Geburt. Dort kam aber sehr viel Verständnis vom Arbeitgeber. Wenn ich mich richtig erinnere, musste ich während der zehn oder zwölf Tage, in denen Darshan auf der Intensivstation war, nicht arbeiten gehen. Ich glaube aber, sie fragte mich in der zweiten Woche, ob ich wieder ins Büro komme. Ich sagte, dass ich mental nicht kann. Ich weiss gar nicht, ob ich für diese zwei Wochen ein ärztliches Zeugnis hatte. Als er dann auf der Neo war, musste ich wieder arbeiten gehen. Dort habe ich, glaube ich, teilweise mit Ferientagen überbrückt und so die Tage irgendwie geschafft. Danach ging ich wieder normal arbeiten. Aber während dieser Krisensituation gab es schon ein, zwei Momente, die auch ein Stück weit zu einem Bruch geführt haben. Zwischen mir und dem Arbeitgeber. Rückblickend verstehe ich natürlich auch die Sicht des Arbeitgebers. Aber man schaut natürlich subjektiv darauf. Ich dachte mir schon, menschlich gesehen hast du selber Kinder, selber zwei Kinder. Stell dir vor, so etwas …


Stephi: Es wäre deins.

Civan: Es wäre eines deiner Kinder betroffen. Dann würdest du das auch nicht von mir verlangen. Oder du würdest nicht wollen, dass ich das von dir verlange. Man hat dafür einfach keinen Kopf. Das ist der eine Aspekt mit dem Arbeitgeber. Dort gab es einen kleinen Bruch, und so ein Bruch ist immer schwierig direkt wieder zu reparieren. Als ich dann 2020 wieder regelmässig dort arbeitete, war ja vieles auch im Homeoffice. Ich glaube, von meiner Seite kam nicht mehr der gleiche Einsatz hinein. Ich merkte, oder für mich war klar, dass die Familie Vorrang hat und Darshans Physiotherapie Vorrang hat. Ich machte teilweise Homeoffice, gab teilweise Support, und Darshan war dabei auf meinem Arm. Solche Situationen gab es. Und es war für mich in diesem Sinn in Ordnung. Ich fand, das ist jetzt das, was gemacht werden muss. Nach der Kündigung und eigentlich rund um seinen Tod herum wurde es dann nochmals anders. Ich hatte Ende November gekündigt. Ich hatte drei Monate Kündigungsfrist, und alle waren wieder im Homeoffice. Sie verlangte damals von mir, dass ich trotzdem ins Büro komme und dort ein eigenes Büro habe. In dieser Beziehung war also schon ein Knick drin. Der letzte Knick war dann wahrscheinlich nach seinem Tod. Ich glaube, es war am gleichen Tag, ein Donnerstagmorgen. Ich habe am gleichen Tag informiert, dass ich am nächsten Tag sicher nicht kommen werde. Ich weiss nicht mehr, wie dieses Telefonat genau war. Ich glaube, rund um den Tod gibt es Dinge, an die ich mich sehr gut erinnere, und andere, an die ich mich weniger gut erinnere. Das ist fast irrelevant geworden. Deshalb erinnere ich mich daran nicht mehr so genau.

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Zeitabschnitt

Mit der Trauer Leben

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Civan: Was mir hingegen geblieben ist, ist Folgendes. Ein paar Tage nach seinem Tod, vielleicht nach einer Woche, ging ich wieder ins Büro. Wahrscheinlich auch aus dem Moment heraus. Da kam ein Mitarbeiter von mir in mein Büro, mit dem ich in den eineinhalb Jahren davor kaum gesprochen hatte, und sagte mir, dass ihm das Gleiche passiert sei. Er habe auch ein Kind verloren.


Stephi: Ja, Wahnsinn.

Civan: Wir haben kurz gesprochen. Er erzählte mir, dass es damals sein erstes Kind gewesen sei und dass er und seine Frau fast zehn Jahre gebraucht hätten, um darüber hinwegzukommen und auch noch einmal schwanger zu werden. Das ist mir sehr stark in Erinnerung geblieben, weil ich damals 27 war. Ich sagte mir, dass ich nicht wollte, dass mich das zehn Jahre begleitet. Das war der Punkt. Danach war in Bezug auf den Arbeitgeber klar, dass ich Ende Februar so oder so aufhören würde. Ich bin Sefora in dieser Zeit sehr dankbar, weil ich glaube, ich habe nicht wirklich darüber nachgedacht, was es bedeutet, wenn ich ab Ende Februar nicht mehr arbeite. Sie hat wohl besser verstanden, dass ich diese Energie nutzen musste, um etwas zu gestalten. Ein Jahr zuvor hatte ich nebenbei meine Ausbildung zum Personal Trainer gemacht, im Sommer, als Darshan bei uns war. Danach begann ich, in Zürich-Witikon Bootcamps anzubieten. Das war gut.


Stephi: Das war wahrscheinlich ein richtig gutes Ventil.

Civan: Ja. Es ging darum, diese Energie umzulenken und zu nutzen, um etwas Gutes zu machen. Ich glaube, einerseits stand ich immer noch unter Schock. Bis ich seinen Tod wirklich begriffen hatte, dauerte es ungefähr dreieinhalb Monate. Aber innerhalb dieser dreieinhalb Monate, etwa einen Monat nach seinem Tod, begann ich, Bootcamps anzubieten. Sefora hatte das angestossen, und ich begann, dafür zu werben. Dann nahmen ein paar Eltern und Kollegen aus Witikon daran teil. Ich glaube, ich machte das zweimal pro Woche. Das gab mir wieder Antrieb. Dann machte ich einmal einen kurzen Trip. Ich glaube, im April, etwa drei Monate nach seinem Tod, fuhr ich irgendwo in die Berge. Dort merkte ich, dass ich nicht zu viel denken darf. Danach begannen Sefora und ich gemeinsam, einen Spendenlauf zu organisieren. Auch das war in gewisser Weise ein Ventil. Es war etwas, das wir zwar für andere machten, aber wenn ich zurückblicke, machte ich es in erster Linie für mich. Ich musste etwas mit dieser Energie anfangen. Wir organisierten also einen Spendenlauf, den wir damals Run for the Angels nannten. Unterstützt wurde Pro Infirmis, eine Stiftung, die Kinder beziehungsweise Familien mit Kindern mit Handicap unterstützt. Wir begannen dann, diesen Spendenlauf aufzubauen. Daran erinnere ich mich noch sehr gut. Das bekam viel Aufmerksamkeit und ging, wie man heute sagen würde, ziemlich viral. Es gab sogar in Vaduz in Liechtenstein Menschen, die daran teilnahmen. An verschiedenen Standorten liefen alle am gleichen Tag ihre Runden. Ich glaube, der Spendenlauf war Ende Juni, also etwa fünf Monate nach seinem Tod. Gleichzeitig erinnere ich mich daran, auch weil ich ein wenig in Seforas Podcast hineingehört habe, dass sie einmal jemand in der Migros oder irgendwo fragte, ob sie die Mutter des toten Kindes sei. Gleichzeitig passierten solche Dinge, bei denen wir merkten, dass es für uns irgendwie nicht mehr passte. Wir brauchten Raum und Abstand von diesem Ort. Deshalb entschieden wir uns, auszuwandern.


Stephi: Hatte das auch damit zu tun, dass ihr das Gefühl hattet, der Umgang mit dem Tod in der Schweiz oder der Umgang damit, wenn ein Kind geht, sei nicht so, wie ihr ihn euch wünschen würdet? Oder auch mit der Anerkennung von Trauer? Dass man nicht darauf angesprochen wird oder im falschen Moment angesprochen wird, weil die Menschen nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen?

Civan: Ja, ich glaube, es waren zwei Dinge. Das eine war, dass wir fünf Tage nach seinem Tod die Steuerunterlagen im Briefkasten hatten. Das ist einmal ganz klar. Es ist ja völlig normal.


Stephi: Das ist halt die Schweiz.

Civan: Das ist halt die Schweiz. Das gehört dazu.


Stephi: Niemand richtet sich danach, ob du gerade dein Kind verloren hast oder nicht.

Civan: Es gibt ja keinen Knopf, der sagt, dass diese Familie gerade ein Kind verloren hat und man ihnen jetzt ein paar Wochen geben soll.


Stephi: Ja, genau.

Civan: Fünf Tage später waren die Steuern da. Das andere ist, dass es meiner Meinung nach Menschen gab, die überhaupt nicht wussten, was sie mit dieser Situation anfangen sollten. Andere haben sehr gut verstanden, was es braucht. Ich erinnere mich an eine Therapeutin von uns, zu der ich heute ab und zu noch für Akupunktur gehe. Sie hat verstanden, dass wir Essen brauchen. Wir brauchten Essen. In den Wochen nach seinem Tod hat sie uns immer wieder Suppen gemacht und Ähnliches. Es war mitten im Winter. Das war etwas sehr Schönes. Sie war vielleicht nicht die Person, die am ersten Tag da war und mit allen zusammen getrauert hat. Sie hielt sich eher im Hintergrund. Aber als wir Essen brauchten, stellte sie sicher, dass wir Essen im Kühlschrank hatten. Es gibt natürlich auch die andere Seite, also die Frage, wie man angesprochen wird. Ich glaube, ich hatte schon auch ein paar Freunde und Kollegen, die es versucht haben. Die meisten hatten aber wohl das Gefühl, es sei für alle am besten, wenn man einfach nicht darüber spricht.


Stephi: Mhm.

Civan: Ich sage nicht, dass das für mich als Mann besonders schlecht gewesen wäre. Zwischendurch habe ich selbst versucht, Gespräche anzustossen. Es gibt vielleicht ein, zwei Kollegen, mit denen ich heute noch befreundet bin und von denen ich sagen würde, dass ich mit ihnen da und dort auch wirklich unter Männern solche Gespräche führen konnte. Das meiste blieb aber entweder innerhalb der Familie, also zwischen mir, Sefora und Daanam, oder wurde mit einem Therapeuten besprochen.


Stephi: Hast du das Gefühl, dass Männer in der Trauer vergessen gehen? Der Fokus liegt ja oft bei der Frau. Wie geht es der Mutter? Wie geht es ihr mit dem Verlust? Hast du das so erlebt?

Civan: Ich würde auch hier keine Namen nennen. Aber es gibt so etwas wie ein altes Paradigma, nenne ich es einmal, dafür, was ein Mann in einer Krisensituation tun muss.


Stephi: Ja, genau. Mhm.

Civan: Am ersten Tag sagte mir jemand aus einer älteren Generation, der eben noch sehr traditionell denkt, ich müsse ihn vergessen.


Stephi: Wirklich?

Civan: Das war das Erste. Ich müsse ihn vergessen. Weil ich jetzt stark sein und für meine Familie da sein müsse. Ich erinnere mich gut daran, wie mir das gesagt wurde. Ich war sicher verletzlich, im Schock und all das, aber ich merkte sofort, dass das nicht passt.


Stephi: Ja.

Civan: Was da gerade gesagt wurde, war nicht der Weg, den ich gehen wollte. Ich glaube, die grösste Angst und Sorge in den ersten Tagen war eigentlich, wie wir es Daanam erklären. Für mich ist ganz klar, dass sie mir auf eine Weise auch das Leben gerettet hat. Sie war der Grund, weshalb ich nicht selbst wieder den Stecker gezogen habe. Ich formuliere das jetzt etwas extrem, aber …


Stephi: Sie war der Grund, weshalb es weitergehen musste.

Civan: Ja, genau. Und sie ist unglaublich neugierig. Das ist etwas sehr Schönes. Sie hatte von Anfang an so viele Fragen. Sie war damals knapp drei Jahre alt und hatte schon angefangen zu sprechen. Sie fragte viel, zum Beispiel, wo Darshan jetzt sei. Und wie es ihm dort gehe. Auch darüber haben Sefora und ich uns viel ausgetauscht. Wie versuchen wir, es ihr zu erklären? Für mich war klar, dass wir ehrlich sein wollten. So ehrlich, wie es ging. So gut, wie wir es erklären konnten, wollten wir es ihr erklären. Wir haben mit ihr am Abend vor dem Schlafengehen sehr viele Rituale gemacht. Etwas Lustiges möchte ich in diesem Zusammenhang erwähnen. Das Gehirn eines Kindes ist unglaublich speziell. Nach seinem Tod hatten wir sehr viele Polizisten bei uns. Ich weiss gar nicht, ob Sefora das vielleicht erwähnt hat.


Stephi: Ich glaube, Sefora hat es erzählt. Was hat sie gesagt? Ob Polizisten Engel seien, oder? Ich finde das sehr schön. Aber es ist schon speziell, wie Kinder denken. Du darfst es gern erzählen, denn das haben sicher nicht alle gehört.

Civan: Ja. Wir hatten sehr viele Polizisten bei uns zu Hause. Daanam hat mitbekommen, dass die Polizisten da waren. Eine unserer Erklärungen, wo Darshan jetzt ist, war später, dass die Engel gekommen sind, ihn abgeholt und in den Himmel gebracht haben.\\ \\Also dass sie ihn an einen neuen, schönen Ort gebracht haben. Sie hatte natürlich weitere Fragen. Irgendwann, ein paar Jahre später, war sie, glaube ich, mit Sefora unterwegs. Sefora hat mir danach erzählt, dass sie auf der Strasse waren und Daanam plötzlich zu ihr gesagt hat, sie solle schauen, da seien Engel. Sefora fragte sie, was sie genau meine. Und dann zeigte sie auf Polizisten. Sie hatte also diese Verknüpfung gemacht.


Stephi: Ja. Das ist schon Wahnsinn, oder? Manchmal überlegt man gar nicht, wie man Dinge sagt. Und wie Kinder es wahrnehmen, das ist schon faszinierend.

Civan: Es ist sehr faszinierend.


Stephi: Ja. Wie hat dich Darshans Tod verändert? Hat er dich verändert? Hat Darshan dich verändert?

Civan: Ich glaube, die ganze Erfahrung hat mich sicher verändert.


Stephi: Mhm. Man muss dazu sagen, dass du auch sehr jung warst.

Civan: Ja. Als er auf die Welt kam, war ich 25. Als er starb, war ich 27. Es gibt da schon den Gedanken, was jetzt noch kommen soll. Daraus entsteht eine gewisse Resilienz. Es ist noch interessant, weil ich damals im IT-Support gearbeitet habe. Auch nach seinem Tod habe ich teilweise noch Support gemacht. Da riefen Menschen an und fanden, es sei ein gravierendes Problem, dass ihre Webseite im Moment nicht läuft. Am Anfang konnte ich das nicht ernst nehmen. Aber ich habe meinen Job gemacht. Heute muss ich sagen, dass ich mich in diesem Zusammenhang gern auf das Chinesische beziehe. Dort gibt es ein Zeichen, bei dem Problem und Herausforderung, beziehungsweise Chance und Problem, im Grunde dasselbe Symbol sind. Ich glaube, ein Aspekt, der sich bei mir verändert hat, ist meine Sprache. Ich spreche nicht mehr von Problemen, oder ich versuche zumindest, so wenig wie möglich von Problemen zu sprechen. Es sind keine Probleme. Es sind eigentlich immer Herausforderungen. Oder Challenges, oder Dinge, an denen man wachsen kann. Das ist sicher ein Aspekt. Ein anderer ist vielleicht eine gewisse Gelassenheit. Ich war zwar immer sehr ambitioniert. Aber es gibt schon ab und zu Momente, in denen ich finde, dass ich im Leben eigentlich nichts mehr machen muss. Eigentlich muss ich im Leben nichts mehr erreichen. Ich finde, in gewisser Weise ist schon etwas erreicht, wenn wir auf der anderen Seite dieses Erlebnisses wieder herauskommen. Uns beiden wurde in den ersten Wochen nach seinem Tod, glaube ich, oft gesagt, dass das das Schlimmste sei, was man als Mensch erleben könne. Auch das hat zwei Seiten. Die eine ist der Gedanke, dass es jetzt also wirklich das Schlimmste ist und ich immer noch lebe. Gut. Die andere Seite ist natürlich, dass man das am Anfang nicht unbedingt hören will.


Stephi: Ja.

Civan: Gerade am Anfang. Das gehört zu diesen Dingen. Vielleicht kommt einem dieser Satz hoch, wenn jemand anderem so etwas passiert oder wenn es im Umfeld passiert. Vielleicht kommt er hoch, weil man ihn selbst so häufig gehört hat. Aber man muss ihn der betroffenen Person vielleicht nicht unbedingt sagen. Nicht in der ersten Woche. Habt ihr das auch gehört?


Stephi: Ja, wir haben das auch gehört. Und ich habe auch sehr oft gehört, dass so etwas nur Menschen passiert, die dafür gemacht sind. Das musste ich auch hören. Oder dass es Menschen passiert, die stark sind. Und ich weiss, welcher Gedanke dahintersteht. Die Menschen wollen einem helfen. Sie wollen einem sagen, dass man es schafft. Für mich war immer klar, dass ich dann lieber eine schwache Person bin. Ich müsste das nicht erleben. Ich habe mich schon oft gefragt, weshalb genau uns das passiert. Weshalb musste ich das erleben? Das frage ich mich heute noch oft. Aber ich weiss, dass ich darauf keine Antwort bekommen werde.

Civan: Das waren auch Fragen, die ich mir sehr stark gestellt habe, auch im Zusammenhang mit 2021 und der Auswanderung. Die Frage nach dem Wieso hat mich sehr angetrieben. Ich habe mich schon immer für Philosophien und andere Blickwinkel auf das Leben interessiert, auch für antike Themen. Wie haben es die Römer gemacht, wie die Griechen? Auch aus astrologischer Sicht habe ich mich gefragt, welche verschiedenen Blickwinkel es gibt. Aber ich glaube, sein Tod und die Frage nach dem Wieso haben mich dazu gebracht, noch einmal genauer hinzuschauen und zu verstehen, was meine Themen sind, was meine Entwicklungsthemen im Leben sind. So kam zum Beispiel der Begriff Demut auf. Damit begann ich mich auseinanderzusetzen. Einen Tag nach seinem Tod trafen wir eine Psychologin. Sie sprach von dieser Demut. Da hatte ich zunächst das Gefühl, dass man als Mann denkt, jetzt ist die Trauer da, und irgendwann kommt man zur Demut. Also wie ein linearer Prozess. Irgendwann musste ich aber verstehen oder lernen, dass im Begriff Demut auch Mut steckt. Gleichzeitig gibt es Hochmut. Und es gibt Tiefmut. Dann stellte sich für mich die Frage, was Demut überhaupt heisst. Ist das binär? Bin ich irgendwann demütig? Oder bin ich es nicht? Ist es ein Spektrum? Gibt es Abstufungen davon? Ist es fast eine Demütigung?


Stephi: Ja. Ja.

Civan: Ich habe mich dann auch mit der Sprache und der Bedeutung dieser Begriffe auseinandergesetzt. Auch mit der Frage, ob ich demütig sein und trotzdem Selbstvertrauen haben und ausstrahlen kann. Mit diesen Themen begann ich mich zu befassen, in erster Linie mit mir selbst. Ich glaube, es findet auch eine gewisse Spaltung und Fragmentierung statt. Ich versuchte dann, dieses Puzzle wieder etwas zusammenzubauen. Demut war ein grosser Begriff. Verantwortung war natürlich ein anderer grosser Begriff. Was liegt in meiner Verantwortung, und was liegt nicht in meiner Verantwortung? Wenn man ein Kind hat, ist das ohnehin ein Thema, das einen das ganze Leben begleitet.


Stephi: Bist du ganz in die Trauer hineingegangen?

Civan: Ich glaube, das erste Mal wirklich ganz hinein war etwa neun Monate nach seinem Tod. Auch da gibt es wahrscheinlich verschiedene Aspekte. Aber das erste Mal so zu weinen, dass ich gezittert habe, kam bei mir nach etwa neun Monaten. So lange hat es bei mir gebraucht.


Stephi: Dann warst du lange in einer Art Schockzustand? Du musstest zuerst begreifen und verstehen, was überhaupt passiert ist, bis die Emotionen aufbrechen konnten. Das braucht auch einen Moment. Man muss zuerst realisieren, was eigentlich passiert ist.

Civan: Ja. Das war bei Sefora und mir ganz anders. Nicht, dass sie in diesem Sinn gelacht hätte, aber ich erinnere mich an eine Geschichte aus den ersten Tagen. Sie konnte weinen. Ich konnte nicht wirklich weinen. Einmal musste Sefora weinen. Daanam ging aufs WC und holte WC-Papier, aber nur ein ganz kleines Stückchen. Sie war natürlich noch sehr klein und dachte, sie gebe ihr jetzt das WC-Papier in die Hand, damit sie weinen kann. In solchen Momenten brachte sie immer wieder etwas Leichtigkeit hinein. Aber für mich persönlich war es anders. Ich glaube, ich bin sehr ein logischer Mensch. Ich wollte es zuerst durchdenken und erst danach durchfühlen. Oder besser gesagt, zuerst wollte ich es gar nicht durchfühlen. Darüber habe ich mich viel mit meinem Therapeuten ausgetauscht und auch viel mit Sefora. Dabei wurde mir klar, dass es mir in anderen Lebensbereichen im Weg steht, je länger ich dieses Hineinfühlen nicht zulasse. Es entsteht dann eine gewisse Schwere. Inzwischen, fünf Jahre später, merke ich, dass es immer wieder solche Momente gibt. Es ist wie ein Muster, bei dem die Trauer im System ist. Bei mir persönlich bringt sie eine gewisse Schwere mit sich. Wenn ich sie nicht ausdrücken kann, manchmal durch Weinen, manchmal durch etwas Kreatives, wenn ich also nicht ins Verarbeiten komme, werde ich sehr schwermütig. Es ist wirklich eine Art Schwermut. Manchmal gelingt es, manchmal gelingt es nicht. Wenn das Nervensystem reguliert ist, gelingt es besser. Wenn es nicht so reguliert ist, gelingt es weniger gut. Aber ich glaube, ich habe mich damit auseinandergesetzt, nicht nur im Denken, sondern auch im Hineinfühlen. Ich habe früh gemerkt, dass es beides braucht, um diese ganze Erfahrung zu integrieren.


Stephi: Hast du dadurch, dass du es zugelassen hast, auch wieder ein Stück Vertrauen gewonnen Kann man das so sagen?

Civan: Ganz klar. Ich weiss nicht, weshalb ich wieder zum Chinesischen komme, aber eine Erfahrung zu integrieren, bringt letztlich das Vertrauen zurück. In erster Linie vielleicht das Vertrauen ins Leben. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Und ich kann eine Erfahrung nur integrieren, wenn ich sie durchdacht und durchfühlt habe. Ich sage nicht, dass dieser Prozess abgeschlossen ist. Aber das ist etwas, das ich auch meinem Kollegen sage. Wenn du merkst, dass ich nicht in meinem Selbstvertrauen bin, dann weisst du, dass ich entweder gerade nicht wirklich am Integrieren bin oder nicht in Integrität handle. Das sind zwei Aspekte. Dann erinnere mich daran, wenn ich es selber nicht mehr merke. Ich weiss nicht, ob dieser ganze Prozess bis ans Lebensende geht. Aber heute schaue ich schon ganz anders darauf zurück als noch vor, sagen wir, zwei Jahren. Damals wäre ich auch noch nicht bereit gewesen, so ...


Stephi: So darüber zu sprechen.

Civan: ... einen Podcast zu machen.


Stephi: Ja, es verändert sich. Das ist schon so. Das stelle ich auch fest. Es ist immer wieder etwas anders. Ganz weg ist es nie, aber es ist immer wieder anders. Wir sammeln neue Erfahrungen und gehen durch andere Prozesse. Dadurch verändert es einen ja auch immer wieder. So bekommst du auch immer wieder eine andere Sicht darauf. Was würdest du von Mann zu Mann vielleicht einem anderen Papi mit auf den Weg geben, der gerade durch so etwas hindurchgeht? Vielleicht hat er ein schwerkrankes Kind zu Hause oder hat gerade ein Kind verloren. Was wäre etwas, bei dem du sagst, dass du es einem Vater gerne mitgeben würdest?

Civan: Ich glaube, Stärke ist nur dann wirkliche Stärke, wenn auch Verletzlichkeit da ist. Wenn man sich also auch verletzlich zeigen darf. Das ist, glaube ich, wahre Stärke. Aus meiner Sicht ist das auch ein Stück weit das neue Paradigma. Beides gehört dazu. Und das Alte, das wissen wir, oder unsere Generation weiss es, glaube ich, tief im Inneren eigentlich, trägt nicht mehr. Dieses alte Männerbild, nach dem Stärke bedeutet, dass man einfach vergessen muss. Oder dass Stärke bedeutet, jetzt müsse man einfach stark sein, körperlich stark oder was auch immer. Sondern es gehört eben dazu, dass wir als Männer in dieser Zeit beide Herausforderungen und beide Aspekte mitbringen müssen. Einerseits die Fähigkeit, Struktur und Stärke zu geben, und andererseits darf auch Sensitivität und Verletzlichkeit da sein. Wenn ich auf meine Erfahrung zurückschaue, gab es vor allem am Anfang einen Moment, in dem ich das teilen wollte. Man möchte es ja teilen. Da ist ein gewisser Schmerz, und wenn ich zurückschaue, frage ich mich, wer das nachvollziehen kann. Wer kann das nachvollziehen? Wenn ich mit Menschen spreche, die kein Kind verloren haben, habe ich das Gefühl, ich kann mit ihnen gar nicht darüber sprechen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, wirklich zu verstehen, dass man nicht allein ist. Es gibt sehr viele andere. Unter anderem durch deinen Podcast kann man sich vernetzen und sich mit Menschen austauschen, die Ähnliches erlebt haben. Mit Menschen, die gewissermassen auf der anderen Seite wieder herausgefunden haben, die wieder ein gewisses Glück oder eine gewisse Zufriedenheit gefunden haben, vielleicht auch eine gewisse Demut. Ich glaube, das ist sehr, sehr wertvoll. Das ist etwas, das ich mir damals auch gewünscht hätte. Es gab teilweise Facebook-Gruppen, in denen man sich ein wenig austauschen konnte, und das war sicher nicht schlecht. Interessanterweise erlebe ich jetzt, seit ich wieder zurück in der Schweiz bin, dass ich da und dort auf Menschen treffe, im beruflichen Kontext, aber auch in Freundschaften, die das selbst erlebt haben. Das passiert aber erst seit meiner Rückkehr. Gerade letzte Woche habe ich in einem beruflichen Kontext erfahren, dass jemand, den ich seit sechs Monaten kenne, vielleicht etwas länger, vor mehr als 20 Jahren selbst ein Kind verloren hat. Es ist also ganz klar nicht so, dass man allein ist und dass es nur einem selbst passiert, auch wenn es sich in diesem Moment so anfühlt.


Stephi: Und wenn jetzt jemand zuhört und denkt, dass du ihm sehr sympathisch bist, dass du ihm aus dem Herzen sprichst und dass er eigentlich sehr gerne mit dir Kontakt aufnehmen würde?

Civan: Dann soll er oder sie mich anrufen oder mir schreiben.


Stephi: Das ist gut. Dann darf ich deine Kontaktdaten aus der Sendung also nutzen. Ja, das ist super. Zum Abschluss würde ich dich sehr gerne noch fragen, was dich heute im Leben glücklich macht.

Civan: Das ist aber eine tiefe Frage.


Stephi: Ja, oder? Und das als Abschluss, einfach so hingeworfen.

Civan: Es sind schon die kleinen Dinge. Man sagt das zwar oft, aber es sind wirklich diese kleinen Erlebnisse. Ich sammle sehr gerne Erfahrungen. Ich bin ein Mensch, der sehr gerne Neues ausprobiert, der oft auf die Nase gefallen ist und immer noch oft auf die Nase fällt. Ich glaube, was mich glücklich macht, ist, mehr ins Geben zu kommen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen schräg. Aber ich meine damit, auch andere Menschen glücklich zu machen. Sei es meine Partnerin, mein Kind, Freunde oder Menschen aus der Familie. Ich weiss nicht, ob es Zufriedenheit ist, die ich darin gefunden habe, aber ich habe viel darin gefunden, einfach zu geben. Meine Tochter hat einen sehr interessanten Namen. Die Bedeutung ihres Namens ist eigentlich das Geben ohne Erwartungen, ohne Bedingungen.


Stephi: Sehr schön.

Civan: Ja, es ist ein sehr schöner Name. Und das ist etwas, das ich für mich mitnehme. Ich merke, dass ich ab und zu immer noch Erwartungen habe. Das gibt es, das ist menschlich. Aber je mehr ich ohne Erwartungen einfach geben kann, desto glücklicher fühle ich mich. Darum mache ich es. Ich weiss nicht, ob es für alle passt, aber für mich passt es.


Stephi: Schön. Ich finde, das kommt sehr authentisch rüber. Es ist eindrücklich, und du strahlst eine grosse Ruhe aus. Ich finde auch, dass du sehr gut sprechen kannst. Ich höre dir wirklich sehr, sehr gerne zu. Ich kann mir vorstellen, dass du in dem, was dich glücklich macht, auch sehr erfolgreich unterwegs bist. Ich möchte an dieser Stelle einfach Danke sagen, dass du bereit warst, dich zu öffnen und zu erzählen.

Civan: Danke vielmals. Danke vielmals, Stephi, für die Einladung und für das, was du in die Welt bringst.


Stephi: Ja, sehr gerne. Danke dir. Das war der Podcast mit Civan. Ich fand, er hat es sehr gut gemacht. Er hat sehr schön gesprochen, und dank ihm konnten wir auch wieder die Sicht eines Vaters hören, die man sonst so selten hört. Falls euch das Gespräch mit Civan berührt hat und falls ihr das Gefühl habt, ihr möchtet gerne mit ihm in Kontakt treten, dann zögert nicht und macht das. Ihr findet die Kontaktdaten von Civan in den Shownotes zu dieser Sendung.

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