• Geschichten
  • Themen
Geschichtenübersicht

Seiteninhalt

  • Über die Geschichte
  • Diagnose und Behandlungen
  • Das Ende wird absehbar
  • Zeit des Sterbens
  • Unmittelbar nach dem Tod
  • Mit der Trauer Leben
260827 1 EIN Junge Salbei 03

Livia,Lehrerinerzählt

Die Geschichte von Aurel

Livia unterrichtet seit vielen Jahren Kinder am Anfang ihres Schulwegs. Mit viel Freude begleitet sie ihre Klasse im Lernen, Spielen und Entdecken. Als sie erfährt, dass Aurel aus ihrer Basisstufe schwer erkrankt ist, gerät dieser vertraute Alltag ins Wanken. Nichts ist mehr selbstverständlich, vieles ungewiss. Livia spürt die Sorgen der Eltern, denkt an Aurel, an seine Schwester in der Parallelklasse und an all die Kinder, die Antworten suchen. Gleichzeitig weiss sie: Für ihre Klasse muss sie da sein und handlungsfähig bleiben. Gemeinsam mit der Schule und in enger Absprache mit Aurels Familie sucht sie nach Worten und Wegen, um zu informieren, zu stützen und Raum für Gefühle zu schaffen. In ihrer Geschichte erzählt Livia, wie sie diese besondere Zeit mit den Kindern und den Eltern erlebt hat.

TodesumstandKrebs
Erzählt am27. August 2026
Alter6 Jahre
Gesamtlesezeitca. 35 min
Für wen?Pädagogische Fachpersonen
TodesumstandKrebs
Erzählt am27. August 2026
Gesamtlesezeitca. 35 min

Seiteninhalt

  • Diagnose und Behandlungen
  • Das Ende wird absehbar
  • Zeit des Sterbens
  • Unmittelbar nach dem Tod
  • Mit der Trauer Leben
Zeitabschnitt

Diagnose und Behandlungen

Lesezeit ca. 4 min
Diesen Zeitabschnitt lesen als:
Lesezeit ca. 4 min

Chantal: Hallo Livia.

Livia: Hallo Chantal.

Chantal: Schön, dass du da bist. Ich freue mich sehr, dass wir dieses Gespräch führen können. Ich bin gespannt, wohin es uns führt. Bevor wir wirklich in die bewegende Geschichte einsteigen, möchte ich dich bitten, etwas von dir zu erzählen. Wo arbeitest du, als was arbeitest du, was macht dir Freude im Leben … Und weshalb bist du in diesem Beruf?

Livia: Sehr gerne. Schön, dass ich da sein und einen Teil beitragen darf. Ich arbeite als Primarlehrperson an der Basisstufe. Das ist die Stelle, an der ich vor bald zwölf Jahren in den Beruf eingestiegen bin. Du hast mich gefragt, was ich gerne mache. Genau das mache ich gerne. Ich begleite Kinder am Anfang ihres Lebenswegs, diese jungen Kinder. Ich darf ein Teil davon sein und ihnen zeigen, was man alles lernen, spielen und erleben kann. Ich bin sehr glücklich, dass ich auf dieser Stufe arbeiten kann.

Chantal: Sehr schön. Diese Geschichte hat ja mit Verlust und Trauer zu tun. Mich würde interessieren, ob du dich vorher schon einmal mit diesem Thema beschäftigt hattest. Hattest du eine Weiterbildung dazu gemacht oder warst du sonst damit in Kontakt? Würdest du sagen, du warst in irgendeiner Form darauf vorbereitet? Wenn man das überhaupt so sagen kann?

Livia: Vorbereitet in dem Sinn, wie man auf solche Situationen überhaupt vorbereitet sein kann oder eben eigentlich gar nicht, weil jede Situation anders ist. Nein, ich hatte auf jeden Fall nicht viele Berührungspunkte damit. Ich habe eine gute Freundin, deren Mutter bei WABE ist, bei Wachen und Begleiten. Sie begleitet Menschen am Lebensende. Von dort hatte ich schon ein wenig gehört, und ich fand sehr eindrücklich, was sie leistet. Ich habe auch gerne zugehört, wenn sie erzählt hat, wie sie zu dieser Aufgabe gekommen ist. Sonst waren es vor allem meine eigenen Grosseltern, die ich verloren habe. Das liegt aber schon Jahre zurück. Ich hatte also nicht viele Berührungspunkte. Aber immer, wenn ich von jemandem wusste, der mit dieser Thematik zu tun hatte, jemanden verloren oder einen Verlust erlebt hatte, hat mich das nicht abgeschreckt. Es hat mich eher berührt. Ich habe gerne hingeschaut, in dem Sinn, dass ich versucht habe, Anteil zu nehmen, auf eine Art, die diesem Menschen entspricht.

Chantal: Okay. Wenn ich dich richtig verstehe, hast du also nicht panisch reagiert und dem Thema sozusagen die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Livia: Nein, das nicht. Wir haben noch Verwandte in Italien, die tatsächlich ein Bestattungsunternehmen führen. Daher habe ich Erinnerungen aus meiner Kindheit, dass ich nicht so gerne durch die Sargräume gegangen bin und das immer etwas unheimlich fand. Aber panisch war ich auf keinen Fall. Nein, gar nicht.

Chantal: Wie ihr im Vorgespräch gesagt habt, gehen wir nun durch die verschiedenen Phasen. Die erste Phase ist die Zeit nach der Diagnose einer lebenslimitierenden Erkrankung. Mich interessiert, ob du dich noch an den Moment erinnerst, in dem du erfahren hast, dass Aurel aus deiner Basisstufe lebenslimitierend erkrankt ist. Weisst du das noch?

Livia: Ja, ich kann mich daran erinnern. Es war gerade zu Schulbeginn. Das ist jetzt ein Jahr her. Wenn ich daran denke, kommt es gleich wieder hoch, es ist sehr emotional. Damals war noch nicht klar, wohin es führen würde. Es bestand der Verdacht auf Borreliose. Im Nachhinein wäre es schön gewesen, wenn es nur das gewesen wäre. Die Familie hat uns recht schnell mitgeteilt, wie die Sachlage war und was sie herausgefunden hatten. Ich erinnere mich, dass es einem ein Stück weit den Boden unter den Füssen weggezogen hat. Man hat mit der Familie mitgelitten. Gleichzeitig war ich in einer anderen Rolle als die Eltern. Trotzdem machte ich mir tausend Gedanken darüber, was sie durchmachen, welche Sorgen und Ängste sie in all dem haben. In dieser Phase hielten wir uns immer wieder daran fest, dass man ja noch gar nicht wusste, wohin es führen würde. Wir sagten ihnen, dass wir mit ihnen auf dem Weg sind, egal, was es braucht. Und dass wir nun abwarten und sie uns sagen können, wenn sie mehr wissen. So war diese erste Phase. Sie war geprägt von Ungewissheit, aber noch ohne Klarheit darüber, wohin es gehen würde.

260827 1 EIN Junge Salbei 02
260827 1 EIN Junge Salbei 03
260827 1 EIN Junge Salbei 01
Zeitabschnitt

Das Ende wird absehbar

Lesezeit ca. 7 min
Diesen Zeitabschnitt lesen als:
Lesezeit ca. 7 min

Chantal: Wenn du heute zurückschaust, hast du das Gefühl, dass du von dem Moment an, in dem du es gewusst hast, anders in einen Schultag gestartet bist? Bist du anders mit Aurel umgegangen? Was hat sich wirklich verändert, woran du dich erinnerst?

Livia: Er ist danach nicht mehr direkt in die Schule gekommen. Er hatte einen Spitalaufenthalt und kam recht schnell in die Therapie. Dadurch hat die Begegnung mit dem Kind ein Stück weit gefehlt. Ich bin sehr schnell in einen Modus gekommen, in dem ich funktioniert habe. Da war etwas Bedrohliches, etwas nicht Fassbares, etwas, das man nicht kontrollieren kann. Und gleichzeitig war für mich klar, dass ich jetzt für die Klasse funktionieren muss. Was brauchen die anderen Kinder, die gerade da sind? Und natürlich auch die Eltern und die Familie. Ich war in diesem Modus und fragte mich, was das jetzt für uns im Schulalltag bedeutet, wie wir informieren und wie es weitergeht.

Chantal: Wie habt ihr dann gegenüber den anderen informiert? Hatte Aurel noch ein Geschwister, das auch in dieser Schule war?

Livia: Genau. Seine Schwester war in der Parallelklasse. Wir sind ziemlich schnell auf die Lehrpersonen der Schwester zugegangen und haben gemeinsam mit dem Schulleiter kurz überlegt, was für uns sinnvoll wäre. Danach haben wir Rücksprache mit den Eltern genommen. Es dauerte vielleicht eineinhalb Wochen, in denen eine gewisse Schockstarre da war und nicht viel passierte. Dann begann die Schwester vom Steinchen im Kopf und von diesen Dingen zu erzählen. Dadurch verbreitete es sich auch bei anderen. Natürlich waren auch die Nachbarn involviert. Dann sagten wir, dass wir jetzt informieren müssen beziehungsweise gerne informieren möchten. Wir wollten die Eltern aber nicht gleich damit belasten oder ihnen zumuten, alle Informationen selbst zu schreiben. Deshalb haben wir eine Information formuliert, die für uns passend schien, und sie den Eltern gezeigt. Wir fragten, ob wir sie an der ganzen Schule, also an alle Basisstufenklassen, verschicken dürfen. Wir haben ein eigenes Schulhaus und hätten die Information den Eltern dieses Schulhauses über Klapp geschickt. Die Eltern haben eingewilligt und waren, glaube ich, auch froh über diese Vorabinformation von uns. Wir schrieben auch, dass noch vieles unklar sei und dass wir wieder informieren würden, sobald mehr Klarheit bestehe. Uns war wichtig, am Anfang zu erwähnen, dass diese Situation im Raum steht. Später kam dann noch ein offizielles Schreiben der Eltern, das sie zusammen mit dem Inselspital formuliert hatten. Darin stand dann deutlich mehr.

Chantal: Zu diesem Zeitpunkt war dann schon klar, dass es lebenslimitierend ist.

Livia: Dass es dazu führen kann. Aber man hofft natürlich, dass die Therapie anschlägt. So klar war es zu diesem Zeitpunkt zumindest noch nicht. Es ging auch um Dinge wie die Information, dass es für Familien nicht ansteckend ist, falls solche Ängste entstehen. Das sind vielleicht Dinge, die für uns selbstverständlich klingen. Aber es war wichtig, möglichst viel Wind aus den Segeln zu nehmen und alle ins gleiche Boot zu holen, damit alle den gleichen Wissensstand haben.

Chantal: Hattet ihr in dieser Zeit viel Kontakt mit Aurels Eltern?

Livia: Ja. Ich habe das noch einmal nachgeschaut. Wir haben uns ungefähr wöchentlich ausgetauscht, je nachdem, was es brauchte. Wir haben aber auch klar gesagt, dass es für uns in Ordnung ist, wenn ihnen dieser Austausch zu viel wird. Uns ging es darum, ein wenig am Puls zu bleiben. Wir versuchten zu spüren, was sie gerade brauchen. Relativ schnell bekamen wir auch die Kontaktdaten einer Psychoonkologin, die dann einen Teil der Kommunikation übernahm. Ich glaube, das hat die Eltern entlastet, weil wir über sie gehen konnten. Sie kam auch in die Klasse und informierte mit einem Bilderbuch.

Chantal: Weisst du noch, welches Bilderbuch das war?

Livia: Jetzt fragst du mich etwas. Es war ein italienisch geschriebenes Buch. Es ging um einen Buben. Der Name des Kindes im Buch war, glaube ich, auch der Titel des Buches. Ich weiss gerade nicht mehr, wie er hiess. Es war sehr sachlich. Man sah das Labor, in dem das Medulloblastom untersucht wurde. Das Kind wusste dadurch sehr genau, worum es ging und was gefunden worden war.

Chantal: Würdest du sagen, dass die Psychoonkologin auch für euch eine wichtige Bedeutung hatte in dieser Zeit?

Livia: Ja, sehr. Wir hatten wirklich Glück mit ihr. Sie war eine sehr gute Fachperson. Sie gab uns auch ihre Natelnummer und sagte, sie sei erreichbar, falls etwas sei, auch von unserer Seite her. Sie hat gewissermassen die Brücke zwischen dem Elternhaus und uns geschlagen. Ich glaube, das hat gut funktioniert. Ich hatte auch das Gefühl, dass sie für die Familie eine wichtige Bezugsperson war. Sie bot auch an, wiederzukommen und uns zu unterstützen, wenn eine neue Phase beginnen würde, also wenn es so weit wäre und etwas anstünde. Sie war wirklich eine sehr wichtige Bezugsperson. Bei fachlichen Fragen, aber auch bei Unsicherheiten von unserer Seite konnten wir bei ihr nachfragen. Es tat gut, diese Zwischenstufe zu haben. Grundsätzlich hätten wir uns auch getraut, die Eltern direkt zu fragen. Wenn wir bei etwas aber unsicher waren, gingen wir zuerst kurz über sie.

Chantal: Was würdest du sagen, war in dieser Zeit die grösste Herausforderung?

Livia: Die Parallelwelten. Wirklich die Normalität aufrechtzuerhalten. Ja, das berührt mich gerade, wenn ich zurückdenke. Es war wirklich ein Wahnsinn, diese Realität. Die Normalität mit den Kindern möglichst aufrechtzuerhalten, obwohl, wenn man darüber nachdachte, in diesem Moment nichts normal war. Es hat aber recht gut funktioniert, weil die Kinder eben Kinder sind und auf ihre Art damit umgegangen sind. Unser Credo war, dass alles Platz haben darf, aber nichts muss. Wir haben immer offen kommuniziert und fanden, egal welches Kind mit welchem Thema kommt, sei es direkt zu dieser Situation oder mit einer Parallele, die ihm dazu in den Sinn kommt, es hat Platz. Wir haben die Kinder auch ab und zu im Plenum gefragt, ob jemand etwas dazu sagen möchte oder ob jemandem etwas auf dem Herzen liegt. Gleichzeitig haben wir Raum für Einzelbegegnungen geschaffen, weil vielleicht nicht alle Kinder gerade das Gleiche brauchen. Gerade in einer Basisstufe sind sie in ihrer Entwicklung unterschiedlich weit, auch in Bezug darauf, was Verlust bedeutet oder dass etwas definitiv ist.

Chantal: Und wenn jetzt ... Der Stuhl knarrt gerade. Du hast vorhin gesagt, die Psychoonkologin sei gut gewesen. Und es klingt auch so, als wärt deine Stellenpartnerin und du ein richtig gutes Team gewesen. Was würdest du sonst noch sagen, was waren Ressourcen, die dich getragen haben?

Livia: Sicher, einen Ausgleich zum Arbeitsalltag zu haben, zu dieser Welt, die dort so präsent war. Und manchmal auch mit meiner Partnerin oder mit Freunden über meine Gefühle und Emotionen zu reden. Mir ist klar, dass man zu Hause nicht alles erzählt, was in der Schule passiert. Trotzdem merkte ich, dass dieses Thema so gross war, dass ich darüber sprechen musste. Ich musste erzählen und darüber reden. Ich habe wirklich eine gute Zusammenarbeit mit meiner Stellenpartnerin. Das ist sehr schön. Sie war damals Berufseinsteigerin, im zweiten Berufsjahr, und ich habe mich immer wieder mit ihr ausgetauscht und abgeglichen. Es war ja auch für sie sehr speziell. Ich dachte, sie ist jetzt im zweiten Berufsjahr und erlebt so etwas. Das ist immer tragisch, und es ist nicht selbstverständlich, dass man das gut bewältigen kann. Deshalb waren wir viel im Austausch. Später habe ich auch mit meiner früheren Stellenpartnerin viel darüber gesprochen, die zwei Jahre zuvor noch meine aktuelle Stellenpartnerin gewesen war. Mit ihr hatte ich, das habe ich vorhin nicht erwähnt, schon einmal einen Jungen mit Krebs begleitet, bei dem es gut gekommen ist. Ich hatte das Bedürfnis, mit bestimmten Menschen zu sprechen, von denen ich wusste, dass ich mit ihnen schon tiefere Dinge durchgemacht hatte. Einfach zu reden und ein Stück weit zu verarbeiten.

260827 1 EIN Junge Salbei 02
260827 1 EIN Junge Salbei 03
260827 1 EIN Junge Salbei 01
Zeitabschnitt

Zeit des Sterbens

Lesezeit ca. 2 min
Diesen Zeitabschnitt lesen als:
Lesezeit ca. 2 min

Chantal: Neben all dem, was ich höre und was wirklich sehr empathisch und feinfühlig wirkt, für alle Beteiligten, hast du nun schon ein wenig von der ersten Begegnung mit den Eltern erzählt, deren Sohn gestorben ist. Kannst du dich noch erinnern, wann die Nachricht kam?

Livia: Ja, das war sehr speziell. Es war an einem Samstag, am Wochenende. Ich war in einem Musical, gerade bei König der Löwen auf der Leinwand, genau in der Szene, in der der Vater vertrampelt wird. In diesem Moment vibrierte meine Uhr. Ich schaute kurz, wer mir schrieb, und legte es dann wieder weg. Dann sah ich natürlich den Namen der Familie und dachte nur, Scheisse, nein. Ich schaute zuerst nicht hin, musste dann aber doch das Handy hervornehmen. Danach dachte ich, dass die Situation nicht abstruser sein könnte, mit diesem Film vorne und dieser Musik dazu. Es war ja auch noch Live-Musik. Ich werde mich wahrscheinlich mein Leben lang an diesen Moment erinnern. Es war sehr speziell. Ich konnte danach gar nicht viel machen, ausser die Nachricht zu lesen. Ich wusste, dass ich nicht sofort zurückschreiben würde. Ich musste das zuerst sacken lassen. Kurz darauf war Pause. Der Film ging danach noch weiter. Ich ging an die frische Luft, um zu atmen. Natürlich konnte ich mich nicht mehr auf das konzentrieren, was ich vorher gesehen hatte, sondern dachte nur noch darüber nach.

260827 1 EIN Junge Salbei 02
260827 1 EIN Junge Salbei 03
260827 1 EIN Junge Salbei 01
Zeitabschnitt

Unmittelbar nach dem Tod

Lesezeit ca. 15 min
Diesen Zeitabschnitt lesen als:
Lesezeit ca. 15 min

Livia: Am Sonntag nahm ich mir dann wirklich in Ruhe Zeit. Verdauen ist das falsche Wort, aber ich liess die Nachricht auf mich wirken und überlegte, wie wir am Montag in der Schule starten würden. Es war direkt nach den Ferien. Es war nur eine kleine Nachricht, kurz und knapp. Dann ist man zwischen zwei Welten. In Gedanken ist man bei dieser Familie, bei diesem Irrsinn, und am Montag muss man die Kinder empfangen und das irgendwie thematisieren. Für uns war klar, dass wir die Sache sofort offen ansprechen und mit den Kindern darüber reden wollten. Wir empfingen sie dann so, dass wir das Ritual vorbereitet hatten, mit der Kerze, dem Füchslein und der Geschichte Der Baum der Erinnerung, in der der Fuchs ja auch vorkommt. Wir begannen direkt, darüber zu sprechen, und versuchten aufzufangen, was kam. Danach haben wir die Kinder auch gleich informiert, also erzählt, was passiert ist. Wir wollten dem Ganzen Raum geben, so viel Raum, wie es dann eben brauchte.

Chantal: Kannst du dich noch daran erinnern, als die Kinder hereinkamen? Hattest du das Gefühl, sie merkten sofort, dass etwas anders war, weil die Kerze bereitstand und alles? Oder wie hast du das erlebt?

Livia: Ja, sie fragten, ob etwas passiert sei. Wir sagten, dass wir es gleich allen erzählen möchten und noch warten, bis alle hier sitzen. Danach würden wir sofort mit ihnen darüber sprechen, was passiert ist. Ich hatte schon das Gefühl, dass sie sofort merkten, dass es ein anderer Tagesstart war. Vor allem das Füchslein hatte ja mit dem Jungen zu tun. Niemand rief sofort hinein, «Oh, ist er jetzt gestorben?», oder … Es war einfach recht ruhig im Raum.

Chantal: Anders als sonst, würdest du sagen?

Livia: Mir kam es so vor, ja. Für uns war das auch wie eine Prüfungssituation. Wir standen natürlich unter Anspannung. Dann merkten wir, dass wir jetzt einfach anfangen mussten zu reden. Indem wir redeten, uns an diesem Buch festhielten, Zeit vergehen liessen und die Information mitteilten, ging es irgendwie. Ja, es war speziell.

Chantal: Weisst du noch, wie du vom Sonntag auf den Montag geschlafen hast? Hattest du Angst, oder hast du dir das zugetraut? Oder wie war das?

Livia: Ich habe mir das eigentlich zugetraut. Wir hatten die Psychoonkologin sofort kontaktiert, und sie sagte auch, dass sie komme, wenn wir das wollten. Sonst käme sie ein paar Tage später. Ich glaube, sie kam dann am Mittwoch oder sogar schon am Dienstag. Ich fand, den Montag schaffen wir auch. Das ist jetzt in einem kleinen Rahmen, in unserer Klasse. Das wird gehen. Das habe ich uns zugetraut. Ich habe wohl nicht sehr tief oder nicht sehr ruhig geschlafen, aber ich habe immerhin geschlafen. Ich glaube, ich sagte mir immer wieder, dass es sehr wichtig ist, dass alle davon wissen. Ich wollte, dass es schnell Morgen wird. Eigentlich wollte ich es auch wieder nicht. Aber ich wollte, dass es schnell Morgen wird, damit wir es anschauen konnten und alle auf dem gleichen Wissensstand waren. Ach ja, doch, zwei, drei Familien wussten es schon.

Chantal: Und danach … okay, erzähl.

Livia: Die Kinder kamen und fragten, ob die Kerze wegen ihm brenne. Doch, jetzt fällt es mir wieder ein. Die engen Freunde wussten es.

Chantal: Und wie war danach die Reaktion? Es waren fünf-, sechs- und siebenjährige Kinder?

Livia: Und achtjährige.

Chantal: Und achtjährige. Sassen sie danach im Kreis?

Livia: Ja. Wir haben die Geschichte erzählt und danach Zettel geschrieben oder gezeichnet. Wir sagten ihnen, dass es bei allen etwas anderes auslösen könne und dass es nicht allen gleich gehen müsse. Wer etwas sagen wollte, konnte erzählen, wie es ihm oder ihr gerade ging. Dann haben wir ein wenig gesammelt. Wer etwas sagen wollte, durfte das tun, und wer nichts sagen wollte, musste nichts sagen. Danach haben wir Zettel geschrieben. Vor allem am nächsten Tag war es dann auch schön. Mit der Psychoonkologin haben wir das fast nochmals wiederholt, wieder mit einer Geschichte. Dabei hatten wir die Bestätigung, dass wir es am Montag nicht ganz falsch gemacht hatten. Wir hatten einfach geschaut, was kommt, und den Kindern die Möglichkeit gegeben, zu zeichnen oder zu schreiben, was sie gerade beschäftigt. Viele zeichneten danach Regenbogen und wollten diese Regenbogen auf den Tisch legen. Wir hatten für ihn ein kleines Tischchen gemacht, mit einer Kerze, dem Fuchs, all diesen Briefen und vielen Zeichnungen. Die Psychoonkologin fragte die Kinder dann auch, wie sie sich vorstellen, wo er jetzt ist, oder was das bedeutet. Sie hat sehr direkt gefragt, nicht beschönigend oder umschreibend. Das hat mich fasziniert. Einige Kinder fanden das Bild vom Regenbogen mit dieser Brücke sehr schön. Er ist jetzt irgendwo anders, aber es gibt noch eine Verbindung. Der Bogen zu ihm ist noch da. So hatten wir viele mündliche Gespräche. Danach hatten wir eigentlich ein Programm, das wir geplant hatten. Wir sagten den Kindern aber auch, dass jedes für sich entscheiden könne, ob es einsteigen möchte, ob es noch etwas Zeit für sich braucht, sich hinlegen oder kurz an die frische Luft gehen möchte. Wir boten verschiedene Möglichkeiten an. Ein Kind weinte sehr stark. Es wollte getröstet werden und brauchte vor allem eine Lehrerin, die neben ihm sass und einfach da war, ohne viel zu reden. Andere zeichneten für sich weiter. Zum Teil gab es sehr viele Fragen, andere hielten sich an das Programm, also zum Beispiel an Rechnen oder Schreiben. Es gab verschiedene Optionen.

Chantal: Und wie war es für dich mit deinen Gefühlen? Hat dir die Ablenkung gutgetan? Oder hattest du auch das Gefühl, dass du jetzt Zeit für dich brauchst? Wie war das?

Livia: Ich weiss gar nicht, ob Ablenkung das richtige Wort ist. Aber ich glaube, mir hat es gutgetan, gebraucht zu werden. Einfach da zu sein. Ich bin auch sonst manchmal jemand, der ein bisschen herumläuft und überall schaut. Ich weiss noch, dass ich durch die verschiedenen Räume ging, nicht hektisch, aber einfach, um da zu sein. Einzelne Kinder hatten sehr viele Fragen und wollten reden. Sie fragten später, vor allem auch bei der Psychoonkologin in den nächsten Tagen, ganz konkret. Sie wollten wissen, wo er gelegen hatte, als er gestorben ist, und wo er gewesen war. Auch schon am Montag kamen solche Fragen. Ich war einfach dankbar, mit den Kindern im Austausch sein zu können und zu schauen, was es gerade braucht. In diesem Moment war ich gedanklich mehr bei den Kindern als bei mir selbst. Das hat mir gutgetan.

Chantal: Und deine Kollegin auch? Hat sich danach etwas verändert? Weisst du, nachdem er gestorben war ... Vorher wart ihr ja schon ein gutes Team gewesen, und das ist danach so weitergegangen.

Livia: Ja. Das Thema hat uns danach sehr beschäftigt. Wir haben auch in der Vorbereitung viel darüber gesprochen, über das Thema und über die Situation. Ich habe schon das Gefühl, dass es uns noch etwas mehr zusammengeschweisst hat. Manchmal ging das im Wahnsinn des Alltags auch eine Zeit lang unter, und wir sprachen nicht darüber. Dann kam es wieder auf, manchmal sogar gleichzeitig. Wir fragten uns, ob wir wieder einmal darüber reden wollen, wie es uns im Moment geht, was wir brauchen, was die andere Person braucht und was wir als Team brauchen. Dieses Innehalten hat gutgetan, sich bewusst Zeit zu nehmen und darüber nachzudenken. Ich habe auch das Gefühl, dass wir dieselbe Situation gemeinsam durchgemacht und wahrscheinlich sehr unterschiedlich erlebt haben. Als Team hat es uns schon zusammengeschweisst, weil es uns manchmal Dinge abverlangt hat, die eigentlich über unsere Aufgabe hinausgingen. Wir sind uns auch einmal in den Armen gelegen und haben einfach geweint. Gerade zum Beispiel, als wir es erfahren haben. Bevor die Kinder kamen, waren wir ganz stark in diesem Trauerring, in dieser Trauer. Und dann war klar, in fünf Minuten läutet es. Wenn wir dann noch traurig sind, ist es so. Traurig waren wir sowieso. Wenn man uns die Trauer ansieht, ist es eben so. Dann kamen die Kinder, und dann hat man funktioniert.

Chantal: Hast du das Gefühl, dass ... Für mich klingt das wirklich nach wahnsinnigen Expertinnen, aber gleichzeitig auch nach sehr viel Intuition. Meine Frage ist, ob ihr zum Beispiel auch deshalb so authentisch sein konntet und die Trauer zeigen durftet, weil ihr das von der Psychoonkologin so gehört hattet. Ihr wurdet ja sehr unterstützt. Aber gerade dieses Authentischsein und die Frage, ob man die eigene Trauer zeigen darf, hängen ja stark damit zusammen, ob man weiss, dass das in Ordnung ist. Darf man mir die Trauer ansehen? Muss ich nicht stark sein? Muss ich nicht den Raum halten können? Hast du das als Persönlichkeit einfach gewusst, dass das in Ordnung ist? Oder hast du das gehört?

Livia: Tatsächlich war es eher Intuition. Auch bei anderen Themen war es eher so, dass uns wichtig war, dass die Kinder wissen, dass alle Emotionen richtig sind. Das haben wir in der Elterninformation auch so geschrieben. Wir wollten allen Familien ans Herz legen, mit dem Kind darüber zu sprechen, dass alle Emotionen richtig und wichtig sind und dass wir gemeinsam schauen, wie wir damit umgehen können. Darum war es für mich, oder für uns beide, eigentlich selbstverständlich, dass auch unsere Emotionen sichtbar sein dürfen. Wir hatten ja manchmal auch einen Kloss im Hals. Wenn wir darüber gesprochen haben, haben wir gesagt, dass ich gerade auch sehr traurig bin und dass man mir das vielleicht anhört. Und dass das so sein darf. Dann haben die Kinder manchmal gesagt, dass sie auch traurig sind. Oder sie fragten, ob ich gerade traurig sei und ob sie mir etwas Wasser holen sollen, weil sie selbst gerade nicht traurig seien. So in dieser Art. Es hat sich einfach richtig angefühlt. Es kam eigentlich von uns aus.

Chantal: Ja, sehr schön. Ich merke gerade, dass ich dich etwas noch nicht gefragt habe, was wir im Kurs besprochen haben. Vielleicht war es auch im ersten Kurs, ich weiss es nicht mehr. Es geht um den Moment, als Aurel gestorben ist, und um die Information, die danach an die Eltern geht. Das muss ja auch abgestimmt sein. Wie habt ihr das gemacht? Habt ihr einen Brief oder ein Mail verschickt, vielleicht schon am Morgen, bevor das Kind gekommen ist? Wie ist die Information gelaufen?

Livia: Ich muss gerade überlegen, wie es chronologisch genau war. Ich glaube, wir haben es so gemacht. Uns war wichtig, über Klapp zu informieren, weil dort die Übersetzungsfunktion integriert ist. So konnten es wirklich alle in ihrer Sprache lesen und richtig verstehen. Wir haben das mit der Klasse der Schwester abgeglichen. Danach haben wir die Information am Mittag verschickt. Am Morgen hatten wir die Kinder informiert, und am Mittag haben wir die Eltern informiert, dass wir die Kinder informiert hatten. So ist es gelaufen. Genau.

Chantal: Und wurde das durchgehend positiv aufgenommen? Oder gab es auch Eltern, die irritiert waren und vielleicht fanden, ihr Kind sei nun verunsichert oder sie wollten nicht, dass ihr über den Tod sprecht? Gab es das auch?

Livia: Nein, die Reaktionen waren durchweg positiv. Wir haben sehr viel Zuspruch bekommen für den Weg, den wir mitgegangen sind. Viele haben sich auch dafür bedankt, dass wir so offen kommunizieren, und haben ihr Beileid ausgesprochen, das wir weiterleiten sollten. Wir hatten auch die Abmachung, dass gerade Familien, die der betroffenen Familie nicht so nahestanden, über uns kommunizieren durften. Die anderen haben sich direkt gemeldet. Entweder gab es gar keine Reaktion, dann wussten wir nicht, wie es angekommen war, oder die Rückmeldungen waren sehr dankbar. Viele Eltern sagten auch, ihre Kinder kämen nach Hause und erzählten auf eine schöne Art von dieser eigentlich nicht schönen, traurigen Situation. Ich glaube, das wurde sehr geschätzt. Später, in der nächsten Phase, als wir Abschied nahmen, kamen wir recht schnell mit den Eltern in den Austausch wegen eines Trauergottesdienstes. Kurze Zeit später schrieben sie uns, sie möchten gerne sein Leben feiern und sich an alles erinnern, was er in seinem kurzen Leben erlebt hatte. Die Mutter ist ebenfalls Lehrerin, auch Basisstufenlehrerin. Das haben wir immer geschätzt. Sie hatte in all dem auch das Gespür dafür, die Klasse nicht zu vergessen. Vielleicht hätte eine andere Person das auch gehabt, aber bei ihr haben wir wirklich gemerkt, dass sie daran dachte. Sie sagte, sie würde uns als Klasse gerne dabeihaben, und fragte, wie das für uns klinge. Ob es für uns vorstellbar sei oder ob wir uns das gar nicht vorstellen könnten. Und ob es bei den Familien vielleicht nicht gut ankäme. Wir sagten jeweils, wir nähmen das auf. Aus dem Bauch heraus hätten wir sofort sagen können, dass wir sehr gerne dabei wären und dass es uns freut, wenn wir dabei sein dürfen. Gleichzeitig wollten wir uns Gedanken dazu machen. Danach hatten wir nochmals Kontakt mit der Mutter, um zu klären, in welchem Rahmen sie sich das vorstellten und was wir uns vorstellen konnten. Wir hatten ungefähr zweieinhalb Wochen Zeit bis zur Abschiedsfeier, beziehungsweise Erinnerungsfeier, wie sie es nannten. In dieser Zeit haben wir das Vorgehen geklärt. Wir erklärten den Eltern unsere Vorstellungen und die Vorstellungen der Familie und boten ihnen mehrere Möglichkeiten an. Wir schrieben, dass die Feier am Nachmittag während der Unterrichtszeit in der Kirche stattfinde und dass wir es schön fänden, dabei zu sein. Gleichzeitig verstünden wir, wenn jemand das nicht möchte. Die Eltern konnten ankreuzen, ob sie ihr Kind mit uns mitschicken wollten. Wir schrieben auch, dass wir nicht in die Kirche hineingehen würden. Wir würden vor der Kirche Spalier stehen. Die Eltern konnten also angeben, ob ihr Kind beim Spalierstehen dabei sein sollte, ob es als Familie oder als enge Freunde zur Feier eingeladen war und mit in die Kirche gehen würde, oder ob es nicht dabei sein und stattdessen den Unterricht in der Parallelklasse besuchen sollte. So kamen am Ende fast alle mit. Es wäre für uns aber auch in Ordnung gewesen, wenn nur zwei oder fünf Kinder gekommen wären. Es ist eben sehr individuell. Wir schrieben wirklich allen, sie sollten es bitte so ausfüllen, wie es für sie stimme. Dann gingen wir als grosse Gruppe dorthin. Meine Stellenpartnerin und ich waren zur Feier eingeladen. Wir gingen voraus und hatten für diesen Tag unsere Klassenhilfe organisiert. Sie nahm die Kinder oben im Klassenzimmer in Empfang und ging mit ihnen in zwei Reihen zum Friedhof, den wir von einer Besichtigung im Schuljahr bereits kannten. Wir hatten bunte, mit Helium gefüllte Ballone, Seifenblasen und ein Regenbogenlied. Das war wirklich sehr schön. Die Kinder waren schon dort, und wir kamen nach. Die Pfarrerin war einbezogen. Etwa zehn Minuten vor Schluss sagte sie, die Lehrpersonen und Kinder, die jetzt im Raum seien, könnten hinausgehen und sich bereitmachen. Dann warteten wir. Die Familie kam zuerst heraus, und wir hatten einfach einen Moment mit ihnen. Wir konnten dieses Lied noch singen. Es war ein schönes Lied, von dem wir fanden, dass es sehr gut passte. Danach liessen wir die Ballone steigen. Ich werde dieses Bild nie vergessen, diesen Kontrast zwischen den grauen Grabsteinen und den bunten Ballonen. Es war sehr schön. Das werde ich wirklich nie vergessen. Die Ballone flogen zur Sonne hinauf, und die Kinder riefen noch seinen Namen und sagten, er solle sie zu sich nehmen und sich darüber freuen. Ich werde auch den Anblick dieser drei Familienmitglieder nie vergessen, die zu uns kamen und sich einfach dafür bedankten, dass wir da waren. Ich dachte nur, wie macht ihr das? Das war wirklich bewundernswert. Für mich war es sehr schön und sehr stimmig, auch mit den Seifenblasen, die danach davonflogen. Die Kinder selbst waren dabei auch fröhlich. Sie freuten sich, dass sie dabei sein und diese Farbe hineinbringen durften. Die Mutter hatte auch immer gesagt, wenn möglich sollten die Kinder auch für das Geschwisterchen kommen, für das Mädchen, das froh sei, wenn andere Kinder da seien. Sie sollten Farbe hineinbringen und helfen, das Leben zu feiern.

Chantal: Wo ist das Taschentuch? Ich glaube, wir haben beide eines. Warte. Ah, ich habe eines. Da hinten. Danke. Ich glaube, die Frage, ob du etwas hättest anders machen können, stellt sich gar nicht. In meinen Augen ... \[lacht\] Aber es geht nicht um mich. Hast du in dieser Zeit das Gefühl gehabt, dass du etwas verpasst hast? Du hast mir gesagt, dass die erste Begegnung ohnehin schwierig war und dass du dort nur nach den Medikamenten gefragt hast. Auch wenn es in dieser Situation vielleicht seltsam wirkt, finde ich das sehr verständlich. Gibt es etwas, das du jemandem mitgeben würdest, der in einer ähnlichen Situation ist oder einmal in eine solche Situation kommt? Etwas, das du in einem Satz sagen könntest.

Livia: Ja, doch. Es hat auch ein bisschen mit dem zu tun, was du im Kurs über Verlust, Tod und Trauer gesagt hast. Hör auf das, was du in diesem Moment geben kannst. Und wenn du merkst, dass du nicht geben kannst, was du gerne möchtest, wenn es also nicht im Gleichgewicht ist, dann ist das überhaupt nicht schlimm. Du musst nichts erzwingen. Schau, wer mithelfen kann. Es braucht in dieser Situation eine gewisse Offenheit. Erstens kommen die Tage manchmal ohnehin anders, als man sie geplant hat. Manchmal muss man etwas anderes viel stärker ins Zentrum nehmen oder aufnehmen, was die Kinder mitbringen. Flexibel bleiben und versuchen, sich nicht unter Druck zu setzen. Nicht denken, man müsse jetzt einfach funktionieren. Wenn es nicht geht, dann geht es nicht. Ich hatte das Glück, eine Teampartnerin zu haben. Wir sind zu zweit. Wir konnten auch einmal sagen, ob die andere heute übernehmen kann. Wenn eine von uns gerade mehr darüber nachgedacht hat und kurz Zeit brauchte, hat die andere übernommen. Mir ist bewusst, dass nicht alle in dieser Situation so arbeiten können. Aber vielleicht kann man auch mit der Schulleitung schauen, ob es Möglichkeiten gibt oder ob jemand als Klassenhilfe kommen kann. Man sollte die eigenen Ressourcen nicht vergessen und sich nicht zu stark unter Druck setzen.

260827 1 EIN Junge Salbei 02
260827 1 EIN Junge Salbei 03
260827 1 EIN Junge Salbei 01
Zeitabschnitt

Mit der Trauer Leben

Lesezeit ca. 9 min
Diesen Zeitabschnitt lesen als:
Lesezeit ca. 9 min

Chantal: Ja, das ist ein sehr wichtiger Tipp. Jetzt kommen wir zur letzten Phase, zur Trauerzeit und schliesslich zur Rückkehr in den Alltag, in den schulischen Alltag. Mich würde interessieren, wie es nach dieser Lebensfeier oder Gedenkfeier weiterging. Weisst du noch, wie der nächste Tag in der Schule war?

Livia: \[schmunzelt\] Wenn ich mich nicht täusche, war ich an diesem Tag gar nicht in der Schule, weil ich am Freitagabend frei habe. Darum kann ich gerade nicht sagen, wie der nächste Tag war. In den folgenden Wochen hatte ich aber das Gefühl, dass eine Art Ruhe eingekehrt ist. Wahrscheinlich hing jede und jeder auf eigene Weise noch diesen Ereignissen und Gedanken nach. Gleichzeitig entstand recht schnell wieder ein Alltag, und ich glaube, die Kinder waren auch froh, dass wir diesen Alltag aufrechterhielten. Und trotzdem war Aurel nie vergessen. Wir hatten noch einen Jungen in der Klasse, der gleich hiess. Ihn hat das sehr beschäftigt. Ob das unabhängig davon war, weiss ich nicht. Aber ich hatte manchmal schon das Gefühl, dass es sicher auch damit zu tun hatte. Die Kinder, und eben auch er, haben ab und zu wieder nachgefragt. Es kehrte eine gewisse Ruhe ein, ein Alltag, und punktuell tauchte es wieder auf, oft in schönen Momenten. Wenn wir zum Beispiel in den Wald gingen, sagte jemand: „Dort ist der höchste Baum. Das ist doch der, der bis zu ihm hinaufreicht. Der ist so hoch, der ist gerade bei ihm oben. Er schaut sicher von dort oben zu.“ Oder wenn Regenbögen sichtbar waren, sowieso. Oder es entstand ein Bild aus Mosaiksteinchen. Wir haben so ein Spiel, bei dem man Plättchen legen kann. Ein Bub machte damit einen Fussballer mit Trikot. Aurel hatte so gerne Fussball. Der Junge sagte: „Das habe ich für ihn gemacht. Ich möchte es auf sein Tischchen legen.“ Manchmal war tagelang nichts. Aber wenn wir am Morgen die Kerze nicht angezündet hatten, hiess es sofort: „Die Kerze brennt noch nicht. Ich zünde sie gerade an.“ Dann sagte ich: „Ja, warte, ich komme.“ Es sollte einfach jemand in der Nähe sein. Es war also Alltag, und gleichzeitig war er dabei. Daran erinnere ich mich sehr gut. Es war eigentlich auch schön und durchaus auch gerade die zwei sehr engen Freunde, die ebenfalls erst im zweiten Kindergartenjahr sind, haben nicht viel gesagt. Sie sind ziemlich still geworden. Ich hatte den Eindruck, dass es auch für sie viel zu verdauen gab, wenn man weiss, dass der Freund nicht mehr kommt und man nicht mehr mit ihm spielen kann. Das eine Mädchen kam später am Zeigetag mit einem grossen Plüschtier. Ich fragte sie, von wem sie das habe. Sie sagte, es sei seines gewesen. Jetzt sei es bei ihr. Es gehöre ihr nicht, aber sie passe darauf auf. Da habe ich gemerkt, dass wahrscheinlich auch zu Hause sehr viel geleistet wird, sowohl von den trauernden Familien als auch von den mittrauernden Familien der Freunde. Es war immer wieder Thema. Und gleichzeitig ging es auch darum, wieder in den Alltag zurückzufinden. Zurück zum Alltag ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Aber der Alltag konnte auch eine Chance sein, weil die Kinder sich daran festhalten konnten, dass er weitergeht.

Chantal: Ich habe den Eindruck, dass vieles über die Kinder lief. Die Erinnerung an ihn ist mit ihnen in der Klasse weitergegangen. Von euch aus kamen danach nicht gezielt Impulse für Erinnerungsarbeit oder Trauerbegleitung, oder? Ist das einfach mit ihnen entstanden, dass er weiterhin Teil dieser Klasse sein durfte?

Livia: Mehrheitlich kam es von ihnen. Wir haben zum Beispiel das Wimmelbuch vom Abschied schon vorher bei den Büchern bereitgelegt. Also ein paar Dinge, die einen Gesprächsanlass bieten konnten, aber nicht mussten. Wir haben sehr wenig gesteuert. Was wir aber hatten, war das Thema Marienkäferli. Das hatte irgendwie so sein sollen. Damit hatten wir im Schuljahr gestartet. Wir hatten Larven, die dann aber nicht geschlüpft sind. Es hat nicht funktioniert. Danach bekamen wir einen Gutschein von der Firma, bei der man sie bestellen kann, damit wir im Frühling nochmals welche nachbestellen und freilassen konnten. Und im Frühling ist dann sein Tod passiert. Wir haben die Käferli schliesslich zu ihm freigelassen. So haben wir es ein bisschen formuliert. Wir sagten nicht, dass es so sein müsse. Aber wir stellten es uns in diesem Moment sehr passend vor. Für uns war es, als würden sie zu ihm fliegen. Das hat die Kinder sehr angesprochen. Sie fanden, dass das sehr gut passe.

Chantal: Schön.

Livia: Wir hatten ja nicht zwanzig Larven oder zwanzig Käferli. Darum war es fast ein bisschen so, dass diejenigen traurig waren, die keines gehen lassen durften. Alle wollten helfen, sie freizulassen.

Chantal: Und du bist danach zu mir in den Kurs gekommen. Wie viel Zeit lag dazwischen?

Livia: Sicher eineinhalb bis zwei Monate.

Chantal: Das war noch sehr frisch, oder?

Livia: Ja. Der Kurs wurde dann auch vom Schulleiter an uns weitergeleitet. Er sagte, das wäre vielleicht noch etwas. Er wolle sich nicht aufdrängen, aber falls jemand Bedarf habe. Ich nehme an, ich hätte mich vielleicht auch sonst angemeldet, weil mich das Thema ohnehin interessiert. Ich habe auch gefragt, ob jemand mitkommen möchte, und habe es jetzt im Kollegium nochmals gesagt, weil der Kurs wieder stattfindet.

Chantal: Hast du im Kurs danach eine Bestätigung bekommen, dass du es so, wie du es gemacht hast, richtig gemacht hast? Ich habe viele Dinge angesprochen, etwa das Ego zu Hause zu lassen, es wie einen Mantel abzulegen und stattdessen eine Haltung anzulegen. Auch dass nichts zu tun keine Option ist. Ich habe mich ja ziemlich wiederholt und gewisse Dinge immer wieder gesagt. Hattest du dort danach noch stärker das Gefühl, dass es für dich auch keine Option gewesen wäre, nichts zu machen, und dass du es wirklich gut gemacht hast?

Livia: Ja, es hat mich bestätigt. Es hat mir auch gutgetan zu merken, dass wir es nicht völlig falsch gemacht haben. Es war tatsächlich das gewesen. Was der Kurs aber auch ausgelöst hat, war wieder der Blick nach innen. Ich war stark im Funktionieren und hatte zwar schon das Gefühl, dass ich ab und zu in mich hineingehört habe, was es gerade braucht. Aber meine eigenen Emotionen haben auf jeden Fall erst danach, auch durch den Kurs, mehr Raum bekommen. Und diese konnte und wollte ich vorher nicht zulassen. Das hat es danach auch noch ein wenig bewirkt. Das ist aber positiv, es hat gutgetan, und es ist, nehme ich stark an, auch noch nicht abgeschlossen. Genau. Und ja, es hat gutgetan.

Chantal: Was denkst du, weshalb Lehrpersonen oder allgemein Menschen diesen Kurs nicht regelrecht stürmen? Was ist der Grund? Es geht um Menschen, die tagtäglich mit jungen Menschen zu tun haben, die uns noch brauchen, auch in schwierigen Situationen. Warum bereitet man sich nicht darauf vor? Obwohl man weiss, dass alle irgendwann sterben. Man kann sich wohl nicht wirklich vorbereiten, besonders nicht auf den Tod eines Kindes. Und trotzdem weiss man, dass es passieren kann. Was hindert einen daran? Was denkst du?

Livia: Ich nehme an, es ist schon auch eine Hemmung, eine Berührungsangst mit dem Thema. Es nimmt im eigenen Leben wenig Raum ein. Es ist etwas, das eigentlich alle angeht oder alle einmal betreffen wird, und trotzdem ist es nicht so sichtbar. Ich habe schon das Gefühl, wenn es einmal kurz sichtbar wird, ist man gleich wieder froh, wenn man das Thema zur Seite schieben kann. Wenn es vorbei ist. Wenn man denkt, Gott sei Dank ist es vorbei. Aber was ist denn vorbei? Es ist ja nicht vorbei. Es ist wie mit allem im Leben. Es kommt und geht. Und das ist ja auch das Schöne. Ich stelle mir das immer schön vor, wenn man das kann. Emotionen kommen und gehen. Traurigkeit kommt und geht. Dann darf auch der Gedanke an den Tod kommen und wieder gehen. Und auch wiederkommen. Ich habe einfach das Gefühl, dass das ein Thema ist, bei dem man froher ist, wenn es geht, als wenn es kommt. Darum lässt man es vielleicht auch nicht so gern kommen. Genau.

Chantal: Und was können wir von den Kindern lernen? Gerade wenn du an deine Kinder denkst, was können wir da lernen?

Livia: Dass es durchaus auch schön sein kann, darüber zu reden, obwohl es viel mit Traurigsein zu tun hat oder einem das Traurigsein manchmal als Erstes in den Sinn kommt. Das Thema ist sehr vielfältig, und vielleicht hat jeder eine andere Vorstellung. Es ist wichtig, diese Vorstellungen zu teilen, damit wir einander noch besser verstehen und sehen, wie wir uns die Welt erklären und was uns wichtig ist. Von den Kindern habe ich vor allem gelernt, einfach zuzuhören. Nicht beurteilen, nichts richtigstellen wollen, sondern einfach zuhören. Manchmal nachfragen. Manchmal habe ich nur gesagt, schön, schön, wie du dir das vorstellst. Und mehr nicht.

Chantal: Hast du eine solche Vorstellung? Haben sie dir einmal erzählt, was sie glauben, wo Aurel jetzt ist?

Livia: Ja, Unterschiedliches. Viele haben vom Himmel gesprochen, was wahrscheinlich auch geprägt ist, und davon, dass er von oben zuschaut. Ein Bub ist da sehr klar, auch heute noch. Er korrigiert mich, wenn ich zum Beispiel am Morgen im Kreis frage, wer alles da ist oder wer fehlt. Sein Name kommt immer noch vor. Er fehlt. Oder jemand sagt, er sei heute nicht da. Das ist ja logisch, aber er ist einfach nie mehr da. Einmal habe ich gesagt, abgesehen von ihm, wie viele sind wir denn? Da sagte er, nicht abgesehen von ihm, er ist da. Ich meinte, er sei eben nicht da. Und er sagte, doch, er ist da. Für mich ist er immer neben mir. Er ist immer da. Er sitzt neben mir. Bei den Kindern ist es wirklich unterschiedlich. Für die einen ist er oben, auf dem Regenbogen oder auf der Wolke. Für diesen Buben ist er einfach da, immer im Raum. Ja.

Chantal: Ich glaube, das nehme ich gerade als Abschluss. Ich muss schon wieder weinen. Hey, merci vielmals. Das war wirklich sehr schön.

Livia: Danke dir, dass ich erzählen durfte. Es hat mir gerade auch sehr, sehr gutgetan. Ja.

Chantal: Du hast vorhin noch gesagt, du könntest dir auch vorstellen, dabei zu sein, wenn jemand deine Erfahrung kennenlernen möchte und eine Art Peer sucht, der ein wenig unterstützen kann, oder wenn jemand aus euren Erfahrungen etwas mitnehmen möchte.

Livia: Ja, sehr gerne. Nein, ich wünsche niemandem, dass er diese Erfahrung machen muss. Das ist natürlich ... Aber wenn jemand in dieser Situation ist, darf man nachfragen.

Chantal: Schön.

Livia: Mir ist bewusst, dass es mein Erleben gewesen ist. Aber wenn das jemandem hilft, natürlich. Ja.

Chantal: Vielen, vielen Dank.

Teile deine Geschichte

Deine Erfahrung kann anderen helfen.

Du hast Ähnliches durchlebt? Wir suchen Betroffene, die bereit sind, in einem vertraulichen Gespräch über deinen Weg zu sprechen. Ohne Druck, in deinem Tempo und an einem Ort deiner Wahl. Dein Erfahrungswissen kann anderen Betroffenen Orientierung geben.

Meine Geschichte erzählen

Adresse

Schweizerische Gemeinschaft verwaister Eltern

Scharnachtalstrasse 12

3006 Bern

Für wen?

Betroffene ElternNahestehendePädagogische FachpersonenArbeitgebende

Zeitabschnitte

Diagnose und BehandlungenEnde absehbarZeit des SterbensUnmittelbar nach dem TodMit der Trauer leben

Weitere Inhalte

GeschichtenThemen

Über uns

Über diese PlattformÜber die SGVEKontakt
ImpressumDatenschutz

© 2026 SGVE — Schweizerische Gemeinschaft verwaister Eltern