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Anonym,verwaiste Muttererzählt

Die Geschichte von Anonym

Eine Mutter erzählt von ihrem ältesten Sohn, der sich das Leben genommen hat – ohne ein Wort über seine innere Not zu hinterlassen. In ihren Erinnerungen sucht sie nach den Momenten, in denen sie seine Verzweiflung vielleicht hätte erkennen können, und ringt mit überwältigenden Schuldgefühlen. Sie beschreibt, wie ihr Körper an jenem Tag reagierte, ohne zu wissen, was ihr Sohn zu Hause vorbereitete, und wie eine einzige Nachricht ihr bisheriges Leben zum Stillstand brachte. In den ersten Monaten und Jahren schwankt sie zwischen Funktionieren, rastloser Aktivität und der Weigerung, die Endgültigkeit zuzulassen. Später findet sie behutsam Wege, dem Schmerz zu begegnen, ohne den Suizid je zu akzeptieren – und spricht über hilflose, verletzende Reaktionen aus ihrem Umfeld.

TodesumstandSuizid
Erzählt am4. September 2026
Gesamtlesezeitca. 6 min
Für wen?Betroffene Eltern
TodesumstandSuizid
Erzählt am4. September 2026
Gesamtlesezeitca. 6 min

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  • Zeit des Sterbens
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Zeitabschnitt

Zeit des Sterbens

Lesezeit ca. 3 min
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Die: Oder doch? Es ging ihm nicht ganz so gut in dieser Zeit. «Solche Phasen gibt es», dachten wir. Wir waren zuversichtlich: «Es wird ganz sicher wieder aufwärts gehen.» Er hat so viele Ressourcen und so viele Talente und ein hohes Potenzial. Doch, wie tief dieser Abgrund tatsächlich war, in den er damals blickte, der ihn zu dieser ganz und gar kompromisslosen und definitiven Entscheidung bewog, erkannten wir nicht. Ahnten wir nicht. Wir ahnten nicht, was in ihm vorgegangen war, weil er uns mit keinem Wort, mit keinem Hinweis darauf an seiner Angst, seinem Schmerz und seiner Hoffnungslosigkeit oder seiner Abscheu gegenüber dem Leben und der Zukunft teilhaben liess. Der Sinn fürs Weiterleben war für ihn auf null gestellt. Nur ein Wort: Und ich wäre mit ihm ans Ende der Welt gegangen, um Hilfe für ihn und vielleicht ein neues Stück Mut zu finden. Ich sorgte mich damals um ihn, eigentlich immer schon. Aber nicht in dieser Dimension und Unfassbarkeit. Etwas stimmt nicht Am Tage seines Todes war ich innerlich stark mit ihm verbunden, ohne zu wissen, wie dieser ganz normale Tag enden würde. Ich war mit meinem Mann, meiner Schwerster und meinen Nichten auf einer Bergwanderung. Beim Aufstieg ging es mir plötzlich schlecht. Ich hatte das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Wir machten eine Pause. Doch dieses Herzrasen, dieser Schwindel und das Gefühl demnächst in einen tiefen Schlaf zu fallen, wurde nicht besser. Ich entschied mich zum Abstieg. Auf dem Weg zurück ins Dorf war ich in Gedanken wieder bei meinem Erstgeborenen. Es war der Nachmittag seiner letzten Vorbereitungen und des Vollzugs seines Austritts aus der Welt.

Der: Am Abend rief mich unser jüngster Sohn an. Ich freute mich, als ich auf dem Display seinen Namen sah. Er sagte: «Mama, das ist das Schlimmste, was ich dir je werde sagen müssen.» Ich weiss nicht weshalb, aber ich dachte, unser mittlerer Sohn hätte einen Arbeitsunfall gehabt. An etwas, das keine Hoffnung auf Heilung offenliess, konnte ich wohl nicht denken. Er sagte: «T. hat sich das Leben genommen.» Die Polizei und ein Careteam hatten ihm zuhause in unserer Wohnung aufgesucht und informiert. Er entschied sich, dass er mich persönlich benachrichtigen und das nicht der Polizei überlassen wollte. Für seinen unfassbaren Mut, dies selbst zu tun, werde ich ihm immer dankbar sein. Mit der Todesnachricht war mein Leben, dem ich bisher mit viel Dankbarkeit und dem Bewusstsein der vielen Privilegien, die wir haben, für lange Zeit zu einem abrupten, harten und gnadenlosen Stillstand gekommen.

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Zeitabschnitt

Unmittelbar nach dem Tod

Lesezeit ca. 4 min
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Schuld: Im Nachgang zu einem Suizid lässt man verflossene Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre (bis zurück zur Geburt) akribisch an einem vorbeiziehen. Auf der Suche nach Hinweisen, die einen hätten hellhörig machen können oder müssen. Solche Ereignisse gab es. Zweifellos. Eines davon gravierend, aber über ein Jahrzehnt zurückliegend. Deshalb wog ich mich ein Stück weit in Sicherheit, was seine psychische und physische Gesundheit anging. Doch wie diese krisenhaften oder teilweise auch einfach mühsamen Lebensphasen einzuordnen gewesen wären, bleibt letztlich sein Geheimnis und für uns Spekulation. Wozu dieses Forschen, diese Fehlersuche auf jeden Fall diente, ist das Nähren von Schuldgefühlen. Und die wuchsen in den ersten zwei Trauerjahren stetig an und nahmen Überhand, nein, sie übernahmen praktisch die Kontrolle über mein Leben: Ich hatte Schuldgefühle gegenüber jedem, jeder und allem. Ich fühlte mich als kleiner, schlechter Mensch. Aus diesem Dickicht bin ich nur dank einer speziellen Therapie herausgekommen. Die Schuldgefühle wichen einer brennenden Trauer. Einer Trauer, der ich mich wieder und wieder nicht gewachsen fühle. Einer Trauer, die mich in Panik versetzt. Aber das ist ok. Denn darum ging und geht es. Den Schmerz zu sehen, zu spüren und ihn auszuhalten. Seither kommt der Schmerz immer wieder unangekündigt, ohne anzuklopfen um die Ecke und trifft mich mit voller Wucht.

Weigerung: In der ganz ersten Phase nach seinem Tod war die Notwendigkeit, vieles zu organisieren, hilfreich. Auch die Familie, Freundinnen, Nachbarinnen, wunderbare tröstliche Gesten der Anteilnahme sowie die Gestaltung der Beerdigung gaben Struktur und waren eine Stütze. Da konnte ich funktionieren und musste mich der Endgültigkeit des Todes nicht stellen. Rastlose Aktivität versus Verlust. Und damit verbunden die Weigerung, der unverrückbaren Tatsache, der Trauer, dem Schmerz, dem Unbeschreibbaren und Unfassbaren ins Auge zu sehen. Bei der Arbeit war mein Vorgesetzter mein Kapitän und richtete für mich den Kompass immer wieder neu: Er hat mich Schritt um Schritt zurück zur Arbeit begleitet. Dabei hat er nie gefragt, wie es mir gehe, sondern immer: «Wo stehst du?» Dafür war und bin ich unglaublich dankbar.

Überforderung: Was mich bis heute sehr beschäftig sind zwei Dinge. Zum einen die unglaubliche Gewalt und dieser «Mut» und die Entschlossenheit, das Endgültige zu tun. Das bringe ich mit keinem Gedanken in Einklang mit dem Menschen, der T. war. Sensibel, intelligent, witzig, beliebt, grossherzig, rücksichtsvoll... Einfach viel zu still, viel zu verschwiegen, viel zu... Zum andern beschäftigten mich, die unglaublich unbedachten, mitunter gar bösen Dinge, die Menschen sagen können. Ich war immer wieder zutiefst erschrocken und konnte mich nicht wehren. Die häufigsten, vermeintlich harmlosen Ratschläge, die wir gesagt bekamen, waren: «Das musst du jetzt einfach akzeptieren» und «damit musst du leben lernen.» Dass Menschen nicht wissen, was sie zu einem solch riesigen Verlust sagen sollen: klar. Aber die Empfehlung, dass wir das «nun einfach akzeptieren müssen», ist schlimm. Ich werde das nie akzeptieren, denn das hiesse für mich, dass ich mit seinem Suizid einverstanden wäre. Damit werde ich nie einverstanden sein, er hätte das nicht tun dürfen. Bei diesem hilflosen Satz schwingt auch die Idee des Frei-Todes mit. Ein Suizid ist nie freiwillig, er ist aus einer abgrundtiefen Not geboren. Auch die Empfehlung, dass «man damit leben lernen muss», stimmt für mich nicht. Ich muss nicht damit leben lernen und tue es auch nicht. Ich lebe dagegen an. Jeden Tag und werde dabei oft so unglaublich müde, getrieben und ungeduldig. All dieses Kopflose, Ungeschickte, das Menschen den Angehörigen von Suizid-Opfern zumuten, ist eine Umkehr der Realität. Sie fordern Betroffene dazu auf, Verständnis für Leute aufzubringen, die überfordert sind. Doch dazu fehlte und fehlt mir einfach die Kraft. Betroffene beispielsweise zu einem wortlosen Spaziergang einladen, ist viel ehrlicher und hilfreicher. Keinen weiteren Tag: Dies hier ist meine Geschichte und der frühe Austritt meines Erstgeborenen aus dieser Welt. Dabei verkenne ich nicht, wie viele ebenso hart Getroffene in seinem Umfeld weiterleben müssen. Seine Geschwister, seine engsten Freunde, die ganze (erweiterte) Familie, Nachbarn und Bekannte… Für uns alle ist etwas auseinandergebrochen und das wird nie wieder heil. Das Mobile, als Sinnbild für unsere Familie (welches auch immer mal Schwankungen unterworfen war), kommt nun nie mehr ins Lot. Die grosse Dankbarkeit, dass T. bei uns war und unser Leben so sehr bereichert, erhellt und erfüllt hat, ist da, aber sie sitzt noch im Schatten des unendlich grossen Kummers. Und T. wird nie mehr älter. Keinen Tag, kein Jahr.

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Scharnachtalstrasse 12

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Zeitabschnitte

Diagnose und BehandlungenEnde absehbarZeit des SterbensUnmittelbar nach dem TodMit der Trauer leben

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