Urs,verwaister Vatererzählt
Die Geschichte von Alia
Urs ist verwaister Vater. An einem ganz normalen Tag ist er unterwegs nach Hause, als ein Anruf alles verändert. Am anderen Ende der Leitung jemand von der Rettung, der ihn drängt, so schnell wie möglich heimzufahren. Noch weiss Urs nicht, wen es getroffen hat, nur dass jemand reanimiert wird. Während er mit überhöhter Geschwindigkeit nach Hause rast, überschlagen sich Gedanken und Ängste. Zu Hause, inmitten von Blaulicht, Helfenden und Fassungslosigkeit, erfährt er, dass seine kleine Tochter Alia beim Spielen gestorben ist. In dieser Geschichte erzählt Urs von diesem Moment, von der Ohnmacht, nicht dabei gewesen zu sein, von seiner ganz eigenen Art zu trauern und davon, wie unterschiedlich er und seine Frau ihren Verlust erleben – und doch gemeinsam mit der Leere weiterleben müssen.
Geschichte als Podcast hören
Zeit des Sterbens
Stephi: Berührend, spannend, enttabuisierend. Mein Kind ist tot. Wie weiter? Das ist der Podcast von Stefanie Stadelmann. Hallo miteinander, schön, seid ihr wieder dabei bei einem neuen Podcast. Heute wird es sicher eine sehr emotionale Geschichte, vor allem für mich. Und es wird auch spannend, weil heute mein Mann dazukommt. Ihr wisst, ich habe ein Buch geschrieben. Das wurde auch von den Medien aufgegriffen und hat hin und wieder zu einem Interview geführt. Ich durfte auch einmal in eine Schule gehen, und ich habe bereits eine Buchlesung gemacht. Dabei werden mir immer wieder Fragen gestellt, und es ist immer meine Version von dem, was ich erlebt habe. Aber mein Mann ist ebenfalls Teil unserer Geschichte. Er hat einfach etwas anderes erlebt. Wir haben den gleichen Verlust. Wir haben beide ein Kind verloren, Alia. Und doch mussten wir etwas völlig Unterschiedliches erleben. Immer, wenn ich mit meinem Mann über den Tod von Alia, über Trauer, Verarbeitung und alles, was damit zusammenhängt, gesprochen habe, war es für mich sehr spannend. Er hat für mich eine ganz andere Sicht darauf. Ich habe das immer als sehr bereichernd empfunden. Darum finde ich es schön, dass er heute da ist und von seiner Version erzählt. Davon, was er erlebt hat, wie es ihm gegangen ist und welche Emotionen er hatte. Damit ermöglicht er auch einen Einblick in die Sicht eines Mannes. Damit alle auf dem gleichen Stand sind und wissen, was bei uns genau passiert ist, erzähle ich kurz, wie Alia gestorben ist. Alia ist im Jahr 2018 bei uns zu Hause gestorben, beim Spielen mit ihrer grösseren Schwester Malea. Sie hat einen Luftballon erwischt und in den Mund genommen. Leider ist er aus ungeklärten Umständen in die Luftröhre gerutscht. Am Schluss ist sie daran erstickt. Ich habe Alia natürlich sofort geholfen. Ich habe versucht, sie zu reanimieren, aber es war tatsächlich chancenlos. Auch nach einer Stunde Reanimation durch die Rettungskräfte musste man sagen, dass der Luftballon oder der Gegenstand nicht mehr herauskam. Zu diesem Zeitpunkt wusste man ja noch nicht, was sie verschluckt hatte oder was genau los war. Man konnte sie schlicht nicht mehr wiederbeleben. Man konnte sie nicht mehr retten. Ich war allein zu Hause, und mein Mann war noch unterwegs. Darum haben wir Unterschiedliches erlebt. Ich habe die Reanimation miterlebt. Sie ist in meiner Obhut gestorben. Und mein Mann hat plötzlich vom Tod seines Mädchens erfahren. Ich finde, das sind sehr unterschiedliche Geschichten, obwohl es um dasselbe Lebewesen geht, um unsere Tochter, um die wir trauern. Ich freue mich wirklich sehr, dass er zu diesem Gespräch bereit ist, weil er normalerweise nicht so ist. Ich freue mich auf ein emotionales Gespräch mit meinem Mann. So, jetzt ist er da, mein Mann. Der Urs. Wir sind bei uns zu Hause und haben entschieden, nach draussen zu sitzen. Ich glaube, ich weiss, warum mein Mann gern draussen sein möchte, aber das ist natürlich auch nur eine Mutmassung von mir. Vielleicht gibt es ein paar Hintergrundgeräusche. In der Nähe haben wir Hühner, und vielleicht fährt auch einmal ein Auto vorbei. Das sollte nicht stören. Dann begrüsse ich dich.
Urs: Grüezi, hallo.
Stephi: Willkommen bei meinem Podcast. Es ist speziell, dass du heute dazukommst. Eigentlich bist du nicht so bereit, darüber zu sprechen, weil du mir immer sagst, du machst es nicht gern immer wieder zum Thema.
Urs: Ja, richtig.
Stephi: Und trotzdem haben wir festgestellt, dass mich immer wieder Leute auch nach dir fragen. Ich habe dir das einmal erzählt, und du hast zu mir gesagt, dass du manchmal schon gern dabei gewesen wärst oder manchmal gern etwas gesagt hättest. Darum ist das jetzt auch ein gutes Gefäss dafür.
Urs: So kann ich mich einmal mitteilen.
Stephi: Genau. Die Leute kennen meine Version. Sie wissen, was ich mit Alia erlebt habe. Deine Version kennen sie aus dem Buch, du hast deinen Teil darin. Aber du darfst jetzt gern auch einmal von dir erzählen, wie es dir ergangen ist und was du erlebt hast. Vielleicht erzählst du zuerst einfach, was passiert ist, damit alle auf dem gleichen Stand sind.
Urs: Ja. Grundsätzlich war es bei mir so, dass ich beim Unfall selbst nicht dabei war. Und damit muss ich jetzt auch klarkommen, sagen wir es einmal so. Ich war am Arbeiten, bin danach noch weggefahren und bekam einen Anruf von einer Nummer, die ich nicht kannte.
Stephi: Auf dem Heimweg.
Urs: Auf dem Heimweg, richtig.
Stephi: Im Auto, ja.
Urs: Im Auto. Mein Vater fuhr hinter mir. Wir waren mit zwei Autos unterwegs. Dann sah ich diese Nummer. Ich hatte einfach das Gefühl, die Zahl neunundvierzig sage mir etwas. Die hatte ich noch im Kopf. Dann rief mich diese Nummer an. Ich nahm ab, und plötzlich hiess es, ob ich auf dem Heimweg sei. Ich fragte, was los sei. Ja, ich sei auf dem Heimweg, aber warum, worum es gehe. Dann sagte er, ich solle jetzt so schnell wie möglich nach Hause kommen. Ich dachte, warum jetzt genau, ich verstehe nicht, was los ist. Dann sagte er, sie seien am Reanimieren. Ich solle vorsichtig heimkommen, aber schauen, dass ich so schnell wie möglich komme. In diesem Moment ging alles sehr schnell. Ich weiss nicht mehr, ob er noch aufgelegt hat oder sie. Mein erster Gedanke war, um wen es geht. Ist es Malea, meine Tochter, oder ist es meine Frau Stephi, die reanimiert wird? Wer ist es genau? Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wer betroffen war und worum es ging. Ich drückte das Gaspedal durch und fuhr sehr schnell nach Hause. Wahrscheinlich habe ich auf der Strasse auch ein paar Leute unter Druck gesetzt. Ich fuhr links und rechts vorbei, einfach mit Vollgas, weil ich nur noch dachte, ich müsse so schnell wie möglich nach Hause. Alles andere war mir egal. Ob die Ampel rot war oder ob ich rechts überholte, darüber denkt man in diesem Moment nicht nach. Gleichzeitig oder einen Moment später rief mich Petra an, unsere damalige Nachbarin und eine Kollegin von uns. Sie sagte, ich müsse nach Hause kommen, sie seien dabei, Alia zu reanimieren. Ich sagte, ich hätte es gehört und sei unterwegs. In diesem Moment wusste ich, dass es um Alia ging. Ich fuhr zu unserer damaligen Wohnung. Mein erster Gedanke war, dass ich seit zehn Minuten, vielleicht seit einer Viertelstunde unterwegs war und dort immer noch zwei Krankenwagen standen. Die Rega war auch noch dort. Ich dachte, warum sind sie nicht schon weg? Ich war davon ausgegangen, dass sie kommen, Alia mitnehmen und losfahren. Aber sie waren noch dort. Ich dachte, ich sei jetzt eine Viertelstunde unterwegs gewesen, und sie seien immer noch da. Ich musste irgendwie parkieren und die Tür schliessen, weil alles vollgestellt war. Ich habe noch sehr genau im Kopf, wie alles rundherum stand. Als ich zur Wohnungstür lief, rannte mir meine Frau Stephi entgegen und sagte immer wieder, Alia stirbt, Alia stirbt. Das habe ich noch sehr genau im Kopf. Das war unglaublich einschneidend. Ich merke auch jetzt, wie sehr es mich berührt. Ich weiss noch genau, wie ich dachte, was? Alia stirbt. Schatz, sie stirbt. Und ich dachte, was ist los? Ich nahm sie in den Arm und dachte für mich, das glaube ich nicht. Das kann nicht sein. Sie sind doch jetzt da. Sicher ist die Sanität da und … Ich wollte in die Wohnung gehen. Vor der Tür stand eine Polizistin, die ich noch kannte. Sie sagte, Urs, geh nicht hinein, du musst draussen warten. Ich fragte irgendetwas, was denn sei. Sie sagte, sie seien am Reanimieren, ich solle bitte draussen warten und nicht hineingehen. Inzwischen kamen immer mehr Leute. Ich weiss nicht mehr, wie lange wir warten mussten. Es dauerte einfach sehr lange. Wir wollten immer wissen, wer es genau ist und was drinnen geschieht. Dann kam ein Mann vor die Haupteingangstür, nahm meine Frau und mich zu sich und sagte, wenn man wissen wolle, wie man reanimieren müsse, dann sei man schon relativ weit draussen. Ich dachte die ganze Zeit, warum redest du so langsam? Wir haben hier Stress. Du kannst nicht so langsam reden. Es war wie in einem Film, wenn jemand kommt und einem etwas sagen will, das man nicht hören will. Ganz langsam sagte er, wir könnten, wir müssten, also wir dürften zu ihr. Dann sagte er, es sehe nicht gut aus. Meine Frau und ich gingen hinein. Ich sah die Leute, und ich sah Alia auf der Liege. Sie waren am Reanimieren. Meine Frau und ich redeten mit ihr. Man hofft ja auf ein Wunder. Darum redet man so mit ihr, als könnte man sagen, komm wieder zurück. Als könnte man sie mit der eigenen Stimme zurückholen. Man betet, man redet zu Gott. Wir waren dort, Stephi und ich, und schauten uns an. Dabei merkten wir, ich glaube, sie ist … Wir müssen sie gehen lassen. Und wir entschieden irgendwie miteinander, ihr zu sagen, du darfst gehen, Alia. In diesem Moment hast du dein kleines Mädchen auf dem Arm oder darfst sie in den Arm nehmen und versuchst, dich irgendwie zu verabschieden. Am Morgen war noch alles gut. Dann ist sie bei dir, und dann ist einfach … Du bist so unschuldig. Du hattest so ein Lachen, du hast so viel Lebensfreude ausgestrahlt, und jetzt musst du gehen. Ja, das war ein Moment, den ich niemandem wünsche. Er hat dann einiges ausgelöst. In diesem Moment ist es einfach das Schlimmste, was jemandem passieren kann. Dann kamen Leute dazu, Freunde, die Familie. Alle kamen an diesem Abend noch zu uns. Vieles weiss ich nicht mehr genau. Wahrscheinlich ist das auch ein Schutz, den man aufbaut. Ich weiss noch, dass ich versucht habe, Malea aufzufangen und zu trösten, weil mir das wichtig war. Ich wusste, sie hat gerade ihre kleine Schwester verloren. Meine Frau hat dasselbe erlebt. Alle miteinander haben diesen Verlust, und du hast keinen Rückzugsort, an den du in diesem Moment gehen kannst. Jeder ist betroffen, ob es deine Eltern sind, deine Frau oder dein Kind.
Stephi: Ich hätte dich das nie gefragt, aber du hast es jetzt gerade am Anfang selbst gesagt. Du durftest nicht dabei sein, als der Unfall passiert ist. Für mich ist es so, dass man das eigentlich nicht erleben will. Aber ich frage mich, weshalb du gern dabei gewesen wärst. Das ist für mich so … War es, weil es so plötzlich war? Du bist gekommen, und sie hat einfach gesagt, dass sie tot ist. Wenn du dabei gewesen wärst, hättest du vielleicht noch einen Moment gehabt. Du wärst dabei gewesen.
Urs: In diesem Moment hast du als Mann das Gefühl, du willst beschützen. Du hast diese Rolle, und du hast das Gefühl, du hast nicht beschützt. Du warst in einer sehr schwierigen Situation nicht da. Gleichzeitig hätte ich auch ihre letzten Momente noch erleben wollen. Ich hätte sie vielleicht noch lebendig spüren wollen und für dich und für Malea da sein wollen. Ich habe auch gemerkt, dass wir da etwas Brutales erlebt haben. Für mich war es von null auf hundert. Manchmal bin ich froh, dass ich nicht dabei war, auch im Hinblick auf die Verarbeitung. Andererseits musst du es eben auch verarbeiten, wenn am Morgen noch alles gut war und am Abend nichts mehr gut ist.
Stephi: Mhm. Aber du hattest nie das Gefühl, ich sei schuld. Ich hatte dieses Gefühl. Ich hatte Angst, dass ich daran zugrunde gehe.
Urs: Das ist sicher so. Ich bin auch heute noch der Meinung, dass du überhaupt nichts dafür kannst und nichts falsch gemacht hast. Im Gegenteil. Du hast in dieser Situation sicher dein Bestes gegeben, auch für Malea. Ich bewundere, dass du so weit gekommen bist und so weitergehst, wie du jetzt weitergehst.
Mit der Trauer Leben
Stephi: Aber du gehst ja auch weiter. Du gehst ja auch gut weiter. Ich finde, wir machen das beide sehr gut, einfach auf ganz unterschiedliche Art.
Urs: Ja, aber wir müssen ja auch.
Stephi: Ja, wir müssen auch. Wir haben keine Wahl.
Urs: Mein erster Gedanke war, dass wir mit Malea noch eine andere Tochter haben. Wenn wir jetzt beide den Kopf in den Sand gesteckt hätten, wäre das ihr gegenüber nicht fair gewesen. Das war der Hauptgrund. Ich glaube, wenn ich allein gewesen wäre, wirklich ganz allein für mich, dann wäre ich vielleicht der Typ gewesen, der ins Flugzeug gestiegen und gegangen wäre.
Stephi: Ja, das wäre ich wahrscheinlich auch.
Urs: Aber wir konnten nicht. Wir mussten einfach auch. Und ich wusste, dass ich für dich da sein will. Das will ich immer noch. Das ist einfach … ja, da haben wir uns ja …
Stephi: Der Alltag mit Malea musste einfach weitergehen, oder?
Urs: Ja.
Stephi: Sie hat uns Struktur gegeben, finde ich. Und sie hat es nicht verdient. Ich habe immer gesagt, sie hat es nicht verdient, dass ich mich als Mami aufgebe.
Urs: Richtig. Bei mir ist es dasselbe. Ich wollte einfach nicht, dass sie uns so sehen muss. Klar, sie durfte sehen, dass wir trauern. Diese Momente hatten wir, und sie hat sie auch oft gesehen. Das hat sie wahrscheinlich extrem geprägt. Auch, dass Opa und Oma und alle rundherum traurig sein mussten oder traurig waren. Aber wir mussten weiter, und wir müssen immer noch weiter. Und wir sind ja beide auch positiv. Du kannst nichts mehr ändern.
Stephi: Nein, du kannst nichts mehr ändern. Du musst irgendwie lernen, es zu akzeptieren. Aber es war ein sehr steiniger und schwerer Weg, finde ich.
Urs: Ja. Ich habe immer das Gefühl, nur weil wir versuchen, es gut zu machen, und vielleicht auch versuchen, anderen ein bisschen Kraft zu geben, ist es trotzdem noch einmal etwas anderes. Vielleicht haben die Leute das Gefühl, es sei einfach. Aber es ist überhaupt nicht einfach.
Stephi: Nein, es ist nicht einfach.
Urs: Es gibt viele Momente, in denen du allein bist, in den Himmel hinaufschaust und denkst, ja … in denen es schwerfällt. Aber in diesem Moment bist du dann eben auch allein. Ich bin da vielleicht ein bisschen krass eingestellt, aber du kannst es nicht ändern. Und ich will vorwärtsschauen. Ich muss generell vorwärtsschauen. Ich habe für mich das Schlimmste erlebt. Es macht mich stärker, mich persönlich. Es kann nichts Schlimmeres mehr kommen. Definitiv nicht. Es kann vielleicht gleich schlimm kommen, aber nicht schlimmer. Und das gibt dir bei ganz vielen Themen … Da denke ich, ich habe den Lotto-Sechser im negativen Sinn gehabt. Dein kleines Mädchen, unschuldiger geht es nicht mehr, vollkommen gesund, verlierst du auf einen Schlag. Ja.
Stephi: Du hast das Buch eigentlich nie gelesen. Du weisst auch gar nicht, was ich über dich geschrieben habe. Ich finde, dass vieles, was ich über dich geschrieben habe, ein grosser Liebesbeweis von mir an dich ist. Eigentlich nervt es mich ein bisschen, dass du es nicht gelesen hast. \[lacht\] Aber ich verstehe es, weil ich dich kenne. Die Frage wird mir sehr oft gestellt, weshalb er das Buch bis heute nicht gelesen hat. Und ich sage immer, er wird es auch nie lesen.
Urs: Mhm. Da wäre ich mir nicht so sicher. Du findest mich gut, Schatz. Grundsätzlich kenne ich alles. Dieses ganze Thema, das wir haben, habe ich ja auch miterlebt. Ich war dabei. Wir haben sehr viel geredet. Bei gewissen Abschnitten des Buches war ich dabei, ich habe sie gelesen. Klar, nicht immer in der Tiefe. Schön, dass du mir da einen Liebesbeweis gemacht hast.
Stephi: Du weisst gar nicht, wie schön ich dich beschreiben kann. Ich habe gerade heute noch einmal hineingeschaut und habe das Gefühl, dass ich dich so beschrieben habe, wie du bist und wie ich dich wahrnehme. Ich habe auch einen Moment beschrieben, von dem ich gesagt habe, dass er für mich der grösste Liebesbeweis war. Jetzt muss ich schauen, dass ich nicht emotional werde. Es war der Moment, als du mit dem Auto vor unsere Wohnung gefahren bist, ausgestiegen und mir entgegengelaufen bist. Du hast mich in den Arm genommen, und ich hatte Angst, du würdest dich von mir abwenden.
Urs: Wirklich?
Stephi: Für mich war klar, dass ich schuld bin. Dein Kind ist unter meiner Obhut gestorben. Und du hast es in diesem Moment geschafft, mich in den Arm zu nehmen und mir die Sicherheit zu geben, dass zwischen uns alles gut ist. Ich glaube, du hast das unbewusst gemacht. Aber ich habe das als den grössten Liebesbeweis beschrieben, grösser als jeder Antrag, jeder Kuss oder jede Umarmung.
Urs: Für mich ist das bis heute klar. Ich weiss, wie gern du Alia gehabt hast. Ich weiss, dass du immer alles für unsere Familie machst, auch jetzt noch, für Keana, für Malea und auch für mich. So bist du. Und ich weiss zu tausend Prozent, dass du alles versucht hast, weil es Alia war. Mir ist nie durch den Kopf gegangen, dass du schuld sein könntest. Das ergibt für mich keinen Sinn. Ich könnte nicht nachvollziehen, dass irgendjemand seiner Tochter irgendetwas Schlechtes will. Unfälle passieren. Und auch andere, die etwas erlebt haben … Ich meine, ja. Mir war in diesem Moment schon wichtig, dass wir weiter funktionieren können. Und ich habe das Gefühl, dass sich in diesem Sinn nichts zwischen uns verändert hat, eher im Gegenteil. Wir haben natürlich etwas erlebt, das niemand erleben will. Wir sind schon lange zusammen und waren damals schon lange zusammen. Ich kenne dich gut. Für mich ist das so klar.
Stephi: Hast du das Gefühl, es hat sich nichts zwischen uns verändert? Diese Frage wird mir auch oft gestellt, wie wir es als Paar schaffen, zusammenzubleiben, das zu verkraften und gut weiterzugehen. Ich sage immer, wenn wir uns einmal trennen sollten, dann nicht deswegen. Das wäre nicht der Grund, warum wir jemals auseinandergehen würden, falls es einmal so weit kommen sollte. Ich finde, wir haben das miteinander wirklich gut gemacht.
Urs: Ich finde auch, dass es noch nicht vorbei ist. Generell ist es …
Stephi: Nein, es ist ja immer Thema.
Urs: Es ist immer Thema.
Stephi: Aber der schlimmste Prozess, der schlimmste Teil am Anfang, dieses Begreifen und Realisieren, dass ein Kind nicht mehr da ist, der ist schon vorbei, finde ich.
Urs: Ja.
Stephi: Ich beschreibe es immer so, dass wir das Gleiche erlebt haben, den gleichen Verlust und den gleichen Schmerz. Wir hatten auch das gleiche Ziel, nämlich das zu schaffen und diesen Rucksack im Alltag tragen zu können. Aber wir sind unterschiedliche Wege gegangen.
Urs: Ja, das ist so. Aber dadurch hat sich bei uns nichts verändert, weil wir einander die Freiheit gelassen haben. Definitiv. Ich wusste, dass ich dich nicht da herausholen muss. Du brauchtest die Zeit zu Hause, und ich wollte hinaus.
Stephi: Ja, man muss sagen, ich war viel zu Hause. Ich wollte viel in der Wohnung bleiben. Ich wollte bei Alia bleiben. Ich hatte das Gefühl, wenn ich aus der Wohnung gehe, gehe ich von ihr weg. Bei dir war es genau umgekehrt, oder?
Urs: Ja, genau. Ich brauchte Luft. Am liebsten ging ich in die Höhe oder war einfach ein bisschen draussen. Dann hast du das Gefühl, ihr ein bisschen näher zu sein. Das habe ich heute noch, wenn ich auf einem Berg bin oder irgendwo in der Höhe. Ja, so oft gehe ich nicht.
Stephi: Ja, aber wenn, dann sagst du, dass wir Alia jetzt näher sind.
Urs: Ja, oder wenn ich fliege und in die Höhe steige. Es fühlt sich einfach so an.
Stephi: Ja.
Urs: Oder ich schaue oft in den Himmel hinauf und verbinde das ein bisschen mit Alia. In solchen Momenten brauche ich Luft. Ich will weg und kann mich nicht zu Hause verschanzen. Das konnte ich noch nie. Allgemein brauche ich Bewegung, wenn etwas ist.
Stephi: Hast du das Gefühl, das ist ein bisschen der Mann an sich? Oder ist das individuell?
Urs: Ich glaube, Männer sind da sicher ein bisschen anders als Frauen. Aber es ist auch typabhängig.
Stephi: Also dass es eher eine Art Flucht ist, oder? Ich habe das Gefühl, ich rede mehr darüber. Ich wollte alles wissen, was passiert ist. Ich hatte hunderttausend Fragen. Und ich hatte das Gefühl, für dich ist das gar nicht relevant. Du weisst, was passiert ist. Du musst es nicht im Detail wissen, und du musst es auch nicht zu Tode reden. Ich weiss noch, dass ich so viel darüber sprechen musste.
Urs: Ja, aber das ist vielleicht auch ein Schutz. Vielleicht ein Eigenschutz. Je mehr Details du hast, desto mehr beginnst du, dir alles im Kopf auszumalen. Und ich weiss, wie ich sie in meinen Armen gehalten habe. So habe ich sie in Erinnerung, und diese Erinnerung wollte ich mir nicht kaputt machen. Damit konnte ich irgendwie umgehen. So habe ich es mir im Kopf zurechtgelegt.
Stephi: Aber darüber redest du jetzt auch nicht wirklich. Wir reden schon ab und zu darüber, das schon. Manchmal kommen wir in dieses Gespräch hinein, aber …
Urs: Ja.
Stephi: Du bist nicht jemand, der stundenlang darüber reden muss …
Urs: Nein, aber da ist …
Stephi: Um es zu verarbeiten. Oder hast du das Gefühl, du hast es noch gar nicht richtig verarbeitet?
Urs: Nein. Ich glaube, es kann schon sein, dass das später noch kommt. Aber …
Stephi: Das ist auch eine Frage, die mir oft gestellt wird. Weil ich dann sage, dass ich in Therapie bin.
Urs: Ja.
Stephi: Ich habe darüber geredet, und ich musste dich immer ein wenig mitziehen. Du bist ja nicht oft mitgekommen, vielleicht zweimal. Aber danach hast du jeweils gesagt, es sei gut gewesen und es sei jetzt okay gewesen.
Urs: Wenn es dir gut ging, dann wusste ich …
Stephi: Wo ich stehe.
Urs: Wo du bist, ja.
Stephi: Ja.
Urs: Und dann konnten wir in diesem Moment auch miteinander reden.
Stephi: Und ich glaube, du warst auch froh, dass ich versorgt war.
Urs: Ja.
Stephi: Das sage ich auch immer. Ich glaube, er war froh, dass ich bei einem Profi war.
Urs: Ja, das stimmt.
Stephi: Und dass du dir nicht so viele Gedanken um mich machen musstest.
Urs: Das hat dir gutgetan. Ich bin nicht jemand, bei dem ich das Gefühl habe, man könne mich therapieren. Nein, das geht nicht. Irgendwo erlebst du das, und du musst damit zurechtkommen. Du kannst Methoden anwenden, du kannst Dinge anhören, bei denen gewisse vielleicht sagen, das könnte ein Weg sein, um es zu verarbeiten. Aber ja.
Stephi: Das ist so der …
Urs: Mir kann da niemand sagen, du musst es jetzt so oder so machen. Irgendwie muss ich selbst damit zurechtkommen. Und …
Stephi: Das sehe ich schon auch so wie du. Bei mir war es einfach auch das Trauma, das wichtig war.
Urs: Genau, das war bei dir so. Und das hatte ich in diesem Sinn nicht. Ich habe auch die Bilder, ich bekomme sie auch nicht weg. Und je nachdem, jetzt, wo wir darüber reden, kommen sie natürlich wieder hoch. Aber ich bin generell nicht jemand, der …
Stephi: Der spricht. Aber das ist schon …
Urs: Meinst du, ob du mich spürst, ob du mich fühlst?
Stephi: Aber das ist schon ein bisschen ein Männerding. Für mich ist das schon …
Urs: Ja, das kann sein. Bei Männern ist es auch so, dass du nicht immer angesprochen wirst. Ich sehe das auch bei uns. Dich fragen sie, du bist da, und bei mir interessiert sich niemand. Also, ein Kollege schon, aber …
Stephi: Belastet dich das?
Urs: Nicht belastet.
Stephi: Würdest du als Mann manchmal gerne gefragt werden? Ich habe wirklich einmal von jemandem gehört …
Urs: Ja, aber das …
Stephi: Von einem Mann, der auch ein Kind verloren hat. Er hat gesagt, dass er als Mann nie darauf angesprochen werde.
Urs: Das stimmt.
Stephi: Und dass er sich das von seinen Kollegen wünschen würde.
Urs: Es ist nicht so, dass meine Kollegen das nicht machen würden. Ich glaube, wenn ich auch ein wenig auf sie zukäme, wäre ich gut aufgehoben. Nur ist es schon so, dass ich oft denke, ja, es ist dein Verlust. Und dann denke ich, es ist in diesem Moment ja auch der gleiche Verlust. Aber du redest nicht darüber, und wenn du aktiv nach aussen gehst, kommt auch mehr zurück. Das ist so. Und vielleicht merken die Leute das bei mir.
Stephi: Dass sie nicht darüber reden müssen, oder?
Urs: Ja, oder ich weiss es auch nicht. Aber manchmal sehen sie nur den Namen und nicht den Menschen dahinter.
Stephi: Ja, das ist schon so.
Urs: Das musste ich auch lernen. Du weisst nie, welchen Rucksack jemand mitträgt. Du siehst ihn, wie er ist, aber du weisst nie, was mit ihm war. Und wenn er in gewissen Situationen komisch reagiert, dann vielleicht, weil er etwas erlebt hat. Das ist bei uns auch so.
Stephi: Hattest du in der Gesellschaft manchmal auch das Gefühl, dass andere Menschen komisch zu dir sind? Ich hatte das oft, und du hast immer zu mir gesagt, ich spinne und nur ich sehe das so. Nein.
Urs: Komisch … Sie wissen einfach nicht, wie sie damit umgehen sollen.
Stephi: Aber hast du das auch erlebt?
Urs: Ja, sicher.
Stephi: Auch du als …
Urs: Ja, das erlebst du auch. Aber ich wollte die Leute immer aus dieser Situation herausholen, damit sie nicht so verunsichert sind.
Stephi: Damit sie auch nicht, ja.
Urs: Oder dass du …
Stephi: Aber ist nicht auch das verrückt, dass du, der ein Kind verloren hat, auf andere schauen musst, damit sie gar nicht erst in eine Situation kommen, in der sie komisch werden könnten?
Urs: Ja, aber ich weiss, wie ich früher mit dem Thema Tod umgegangen bin. Ich war nicht anders. Ich konnte auch nicht gut damit umgehen. Darum kann ich manchmal nachvollziehen, wenn jemand nicht weiss, was er sagen soll. Eigentlich kann man nichts falsch machen, aber ja.
Stephi: Eben, eigentlich kann man wirklich nichts falsch machen, oder?
Urs: Nein. Das haben wir doch auch gelernt. Wenn heute jemand einen Menschen verliert, habe ich überhaupt kein Problem mehr damit, mein Beileid auszusprechen, vielleicht ein paar schöne Worte mitzugeben oder aktiv auf die Person zuzugehen. Ich weiss inzwischen, dass es nicht schaden kann. Ich habe eigentlich noch nie erlebt, dass man damit etwas falsch macht.
Stephi: Mhm.
Urs: In diesem Moment wünscht man mir ja nur etwas Gutes.
Stephi: Mhm. Und ich sage immer, wenn man es nicht aussprechen kann, kann man auch sagen, dass man gerade nicht weiss, was man sagen soll.
Urs: Genau.
Stephi: Und das reicht schon.
Urs: Das ist auch normal.
Stephi: Ja.
Urs: Ich meine, ich wüsste es jetzt auch nicht.
Stephi: Das zeigt ja schon, dass das Gegenüber betroffen ist.
Urs: Ja.
Stephi: Und mit …
Urs: Das Schwierige ist, dass dieses Ignorieren fast das Schlimmste ist. Wenn man vom Gegenüber gar nichts spürt, wirklich gar nichts, dann denkt man auch, okay. Manche Menschen wirken dann etwas kälter, obwohl sie es vielleicht gar nicht sind. Und bei vielen hätte man es nicht erwartet. Manche überraschen einen, weil sie so herzlich sind, obwohl man das nie gedacht hätte.
Stephi: Mhm.
Urs: Und andere, von denen man eher erwartet hätte, dass sie herzlich reagieren, wirken in diesem Moment etwas kälter.
Stephi: Mhm.
Urs: Das ist schon eindrücklich, dieser Moment, in dem man das wirklich merkt.
Stephi: Du bist ja auch sehr schnell wieder … Ich habe das im Buch auch so beschrieben. Eigentlich muss ich es dir immer erklären, weil du es nicht gelesen hast. \[lacht\] Ich habe im Buch beschrieben, dass du ziemlich früh wieder mit deinen Jungs weggegangen bist. Du bist auch ziemlich früh wieder arbeiten gegangen. Mich hat das nicht gestört, im Gegenteil. Ich war sehr froh darum. Du warst für mich so etwas wie ein Vorbild. Du hast mir gezeigt, dass man weitergehen kann und dass man das Leben auch wieder spüren darf, auf eine gute Art, aber trotzdem mit dem Schmerz. Ich habe im Buch beschrieben, dass ich gesehen habe, dass du den Schmerz trotzdem hast und dass du sie trotzdem unendlich vermisst. Aber bei dir durfte irgendwie beides nebeneinander da sein.
Urs: Ja, weil …
Stephi: Und es war auch eine Ablenkung. Es hat dir einfach gutgetan.
Urs: Ja.
Stephi: Und du hast dich dafür nicht geschämt. Ich weiss noch, als ich das erste Mal weggegangen bin und zurückkam, habe ich mit dir darüber gesprochen. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich an einen grösseren Anlass hätte gehen sollen. Ich habe zu dir gesagt, dass ich Angst davor habe, weil ich nicht weiss … Beim letzten Mal hatte es sich so schlecht und falsch angefühlt. Da hast du zu mir gesagt, Alia habe nichts davon, wenn ich jetzt nur noch zu Hause sitze und nicht mehr vorwärtsgehe.
Urs: Ja, richtig.
Stephi: Du hast mir also auch ein wenig einen Anstoss gegeben und gesagt, ich solle wieder einmal fortgehen und das wieder einmal machen.
Urs: Da …
Stephi: Und da waren wir als Paar schon sehr verschieden.
Urs: Ja, das stimmt. Aber da wusste ich, dass ich das auch ein wenig einbringen kann. Alia war so herzlich, so lustig, und sie wollte einfach ein bisschen Blödsinn machen. Ich glaube nicht, dass sie gewollt hätte, dass wir, du oder ich, uns abschrecken lassen oder das Leben nicht mehr geniessen können. Vielleicht war es auch eine Flucht, eine Ablenkung, um einmal aus der ganzen Trauer herauszukommen. Ich verbinde es auch nicht mit ihr. Wenn ich lache, hat das in diesem Sinn nichts mit ihr zu tun. Und wenn jemand das Gefühl gehabt hätte, ich dürfe jetzt nicht so sein, dann meine ich …
Stephi: Das war dir irgendwie egal, oder?
Urs: Ja, das ist mir wirklich egal.
Stephi: Ja.
Urs: Der soll mich einmal anschauen, und dann kann er den Schmerz einmal … \[lacht\]
Stephi: Mhm.
Urs: Auf Personen, die das Gefühl haben, sie müssten sich in so einer Situation ein Urteil bilden, kann ich gut verzichten.
Stephi: Mhm.
Urs: Und das ist generell so. Ja.
Stephi: Jetzt kommt mir gerade noch eine Frage in den Sinn. Die hat mir letztens jemand gestellt. Ich springe ein wenig zurück, aber das ist egal. Vorhin ging es ja um Therapie, Gespräche und darüber, darüber zu reden. Du redest ja eigentlich gut. Also, du redest darüber. Wenn man dich darauf anspricht, dann redest du darüber. Aber du bist nicht wie ich, und das muss man auch nicht sein. Du bist einfach nicht so. Mich hat letztens jemand gefragt, ob dich das nicht irgendwann einholt. Man müsse das doch verarbeiten.
Urs: Ja, das kann ich noch nicht sagen. \[lacht\] Das kann ich noch nicht sagen.
Stephi: Weisst du, was ich gesagt habe? Nein, das glaube ich nicht, weil das deine Strategie ist. So gehst du schon immer durchs Leben. Du bist grundsätzlich positiv. Bei dir ist das Glas nie halb leer.
Urs: Nein, aber das kann sein. Darum beschäftige ich mich auch nicht mit negativen Themen.
Stephi: Ja, genau, das machst du gar nicht.
Urs: Wenn es nicht sein muss, nicht. Es zieht mich sonst nur herunter.
Stephi: Ja.
Urs: Das ist mein Weg. Aber ich kann es nicht genau sagen. Es gibt schon Momente, in denen es mich einholt.
Stephi: Das ist bei mir ja auch so. Das ist die Trauer, die kommt, oder? Wenn man wieder traurig ist und …
Urs: Ja.
Stephi: Oder wenn wir Momente mit den Kindern haben, in denen ich oder auch du denken, dass es jetzt schön wäre, wenn sie da wäre.
Urs: Ja, da gibt es Hunderte solcher Momente.
Stephi: Ja. Nach diesen Sommerferien wäre sie in die Schule gekommen, in die erste Klasse.
Urs: Ja.
Stephi: Das ist schon auch ein Moment, in dem ich manchmal leer schlucken muss. Wenn du die Kinder aus dem Quartier in die Schule laufen siehst, tut es weh, weil du weisst, sie wäre jetzt dabei. Das sind solche Momente, die kommen.
Urs: Ja, und das sehen die Leute eben nicht.
Stephi: Nein.
Urs: Ich schaue dann vielleicht dorthin und denke in diesem Moment, Alia müsste eigentlich da sein. Hier, in unserem Leben. Und sie fehlt. Sie fehlt einfach. Ja. Das sind ganz viele Momente. Da holt es einen schon ein, und ich glaube, das kann man manchmal nicht stoppen. Ich merke bei mir, dass ich dann gern ein wenig für mich allein bin, wenn ich so einen Moment habe. Das lässt sich nicht immer steuern. Aber diese Momente sind da. Und dieses Einholen, ja, vielleicht sitzt man später einmal auf einem Bänkli und weiss es einfach nicht. Aber dann ist es so. Was macht man?
Stephi: Mhm.
Urs: Aber weisst du, dieses Einholen … Wenn du diesen Schmerz hast, dann hast du ihn sowieso immer. Er ist da und er geht nicht weg. Er ist da.
Stephi: Ja, er ist da. Die Wunde heilt einfach nie, wenn du ein Kind verloren hast. Das ist halt so. Was würdest du einem Paar oder einer Familie mitgeben, die auch so etwas erlebt hat? Was könnte guttun, was könnte helfen?
Urs: Das ist schwierig, weil es bei allen so verschieden ist, auch die Konstellationen. Aber was sicher wichtig ist, für mich das Wichtigste, ist, dass man dem anderen Freiraum lässt. Dass jeder auf seine Art trauern darf, oder auch nicht. Dass man dem anderen keine Vorschriften macht und nicht sagt, du musst jetzt, oder du darfst doch nicht, oder das kannst du doch nicht. Das möchte ich mitgeben. Dem anderen einfach Luft geben.
Stephi: Ja, und keine Angst haben, dass man sich dadurch entfremdet, oder?
Urs: Ja, richtig. Es ist …
Stephi: Weil man ja gleich ist. Das Ziel ist dasselbe.
Urs: Ja, und der …
Stephi: Aber der Weg, oder jeder Weg … Es gibt verschiedene Wege, die zum Ziel führen, und die muss man finden.
Urs: Ja, und vielleicht geht es auch um die Erwartung. Ich meine, das ist wieder typabhängig, wer mit was umgehen kann und wer sich dann aufgibt. Ich meine das jetzt mehr auf das Paar bezogen. Dass man sagt, der andere darf so sein und es so machen, wie es für ihn richtig ist. Denn in diesem Moment bist du sowieso allein. Du musst zuerst für dich selbst mit dir klarkommen, möchtest aber, dass rundherum auch alles funktioniert. In einem Moment hast du vielleicht mehr Kraft, um dem anderen zu helfen, und vielleicht ist es einen Tag später umgekehrt.
Stephi: Mhm.
Urs: Und wenn es in diesem Moment miteinander ist, dann ist es miteinander. Das ist ja auch nicht schlimm.
Stephi: Für mich gibt es noch eine Frage, die mir ab und zu gestellt wurde. Es ist irgendwie lustig, das gehört wohl zu einem Interview, oder? Schön.
Urs: Ja. Wirklich, diese Fragen, die du schon hattest.
Stephi: Ja, wirklich, mir kommt immer wieder etwas in den Sinn.
Urs: Frag.
Stephi: Wir haben ja noch einmal ein Kind bekommen, Kiana. Ich sage immer, dass ich lange gebraucht habe, bis ich mit Kiana schwanger wurde. Und ich weiss, du hast immer zu mir gesagt, ab dem Moment, in dem du noch einmal ein drittes Kind haben wolltest, habe es auch geklappt.
Urs: Genau.
Stephi: Ja.
Urs: So ungefähr.
Stephi: Und letztens hast du zu mir gesagt, du hättest ein Interview von mir gelesen. Du hast gesagt, du erfährst in diesen Interviews immer wieder Neues über mich. Ich glaube, du hast gelesen, dass ich in der Schwangerschaft Mühe hatte, oder so etwas.
Urs: Ja.
Stephi: Ist das an dir vorbeigegangen?
Urs: Nein, nein, aber …
Stephi: Oder hattest du diese Ängste nicht? Oder war das für dich einfach …
Urs: Nein, vielleicht habe ich es ein wenig unterschätzt. Ich habe es mitbekommen und auch gewusst. Aber dass es dich so stark beschäftigt hat, habe ich wahrscheinlich unterschätzt. Darum war ich verblüfft, als ich es gelesen habe. Es war natürlich speziell, auch für mich.
Stephi: Für dich war, glaube ich, eher die Geburt speziell. An die Schwangerschaft selbst erinnere ich mich bei dir nicht so stark.
Urs: Nein, das stimmt. Ja, genau.
Stephi: Aber bei der Geburt habe ich schon gemerkt …
Urs: Ich glaube, bei einem Mann ist es oft so, dass es erst richtig beginnt, wenn das Kind da ist. Vorher bist du noch nicht so dabei, noch nicht so mittendrin.
Stephi: Es wächst einfach der Bauch.
Urs: Ja, natürlich. Aber du spürst es ja. Vorher spürst du als Mann gar nichts. Und später schiessen dir viele Gedanken durch den Kopf. Auch dann, wenn Kiana in ein Alter oder in Situationen kommt, in denen Alia gewesen ist. Dann vergleichst du vielleicht automatisch.
Stephi: Hat Kiana bei dir noch einmal etwas verändert? Würdest du sagen, es war gut, dass wir noch ein drittes Kind bekommen haben?
Urs: Ja, sicher.
Stephi: Dass wir noch einmal ein drittes hatten.
Urs: Ja, klar. Das war wirklich sehr gut. Ich habe das Gefühl, dass es wieder etwas verändert hat. Als Familie fühlt man sich sonst irgendwie nicht mehr ganz vollständig.
Stephi: Ja, gell?
Urs: Weil etwas fehlt. Und wir haben da …
Stephi: Aber dann ist es ja eigentlich wie ein Ersatz.
Urs: Nein, das ist es nicht. Das ist es nicht.
Stephi: Dann ist es das nicht.
Urs: Nein, definitiv nicht. Es war ja sowieso nicht so, dass wir den Kinderwunsch abgeschlossen hatten.
Stephi: Nein, wir haben immer gesagt, dass es vielleicht noch ein drittes Kind gibt, oder?
Urs: Genau. Und Kiana war wirklich wichtig, um wieder ein Stück mehr Leichtigkeit in unsere Familie zu bringen. Sie ist als Person noch einmal anders, obwohl sie Alia sehr gleicht und auch eine gewisse Art hat, die Alia hatte. Aber sie sind eben auch Geschwister. Ich würde es nicht anders wollen, auch heute nicht. Sie ist jemand, der uns so viel gibt.
Stephi: Ja, sie …
Urs: Wie Malea auch. Und Malea hat auch wieder jemanden, auch wenn zwischen ihnen natürlich ein Altersunterschied besteht.
Stephi: Ja, sie hat eine …
Urs: Das merkt man. Und das wird man immer merken, wir werden es immer merken, dass zwischen ihnen jemand fehlt.
Stephi: Aber ich finde das manchmal auch … Ich weiss nicht, ich habe es kürzlich jemandem gesagt. Ich finde es irgendwie schön, dass Alias Platz immer so präsent ist.
Urs: Ja.
Stephi: Gerade durch den Altersunterschied. Dieser Platz ist immer so präsent. Wenn wir als Familie kommen, sieht man, dass dazwischen eine Lücke ist.
Urs: Ja, das kann man nicht …
Stephi: Vielleicht kann man sich nicht erklären, warum.
Urs: Nein, in diesem Moment vielleicht nicht.
Stephi: Ja, aber …
Urs: Ja, aber es ist so. Und unser Umfeld weiss es ja.
Stephi: Und sie hat immer ihren Platz. Das finde ich. Sie ist in der Familie einfach immer so präsent.
Urs: Ja. Mit Kiana kommt das ja erst noch. Sie weiss, dass sie noch ein Geschwister hat. Alia ist für mich immer präsent. Später, wenn man mit Kiana darüber sprechen kann, wie sie das sieht, wird das schon noch spannend. Da kommt noch etwas auf uns zu. Weisst du, wie sie da …
Stephi: Mhm.
Urs: Ob sie sich ein wenig … sie hat es noch präsent, und wir reden ja noch viel davon.
Stephi: Ich glaube, wir reden immer viel davon.
Urs: Ja, wir sicher, oder?
Stephi: Ja.
Urs: Ja, wir werden es sehen.
Stephi: Wir müssen noch einmal an den Anfang zurück, weil du mir diese Frage noch nicht beantwortet hast, oder noch nicht fertig beantwortet hast. Warum hast du das Buch noch nicht gelesen?
Urs: Die Frage ist relativ einfach zu beantworten. Wenn man sich vorstellt, dass das mein schlimmster Tag war, der schlimmste Moment in meinem ganzen Leben, dann habe ich grossen Respekt davor, das noch einmal zu lesen und noch einmal einzutauchen. Manchmal frage ich mich, warum manche Leute nicht nachvollziehen können, dass man das vielleicht nicht möchte. Ich bin die Person, die neben dir und Malea am meisten betroffen ist.
Stephi: Mhm.
Urs: Das ist der Grund, weshalb ich Angst habe, es zu lesen. Weil es für mich sehr, sehr schwierig ist.
Stephi: Angst, weil du nicht weisst, was es mit dir macht?
Urs: Ja. Und weil man noch einmal ganz in dieses Ereignis eintaucht. Ich war dabei, und ich habe die Emotionen noch vor mir. Ich weiss ja, worum es gegangen ist. Vielleicht lese ich es irgendwann, wenn es etwas länger her ist. Aber grundsätzlich ist das ein schwieriges Thema, und ich will nicht noch einmal an diesen Punkt zurückgehen.
Stephi: Mhm.
Urs: Das ist aber kein Verdrängen. Es ist einfach so. Andere Menschen haben ja auch Dinge, die sie nicht mehr wollen.
Stephi: Mhm. Wie wichtig waren für dich die Angehörigen?
Urs: Sehr wichtig.
Stephi: Die Menschen rundherum.
Urs: Ja, sie sind sehr wichtig. Im ersten Moment geben sie dir Halt. Deine Familie ist da, auch wenn alle gleichzeitig trauern. Sie sind sehr wichtig, auch die Freunde. Neben der Familie sind sie in diesem Moment das Wichtigste. Sie geben dir Halt. Was war noch die andere Frage?
Stephi: Mir gehen die Fragen aus. Ich habe keine mehr. Nein, ich möchte einfach fragen, ob es etwas gibt, das du noch mit auf den Weg geben möchtest. Oder ob es etwas gibt, das du noch erzählen magst. Vielleicht auch etwas, bei dem du schon immer gedacht hast, wenn du etwas von mir gelesen hast, dass du das gerne richtigstellen oder loswerden würdest.
Urs: Ja, es gab schon Momente, in denen ich dachte, hey, was ist mit mir? Ich bin auch noch da.
Stephi: Ja.
Urs: Ich weiss nicht. Aber wenn ich merke, dass Leute manchmal dich etwas über mich fragen, habe ich zuerst gedacht, sie könnten grundsätzlich auch mich fragen. Nur weil du nicht immer darüber sprichst oder nicht immer dieses Gefühl vermittelst … Es ist nicht immer einfach.
Stephi: Mhm.
Urs: Und eben, die …
Stephi: Das hast du mir einmal gesagt. Dir ist es sehr wichtig, dass nicht vermittelt wird, uns gehe es wunderbar.
Urs: Ja, ich mag es nicht, wenn es heisst, es sei alles super.
Stephi: Ja, als wäre alles super. Denn das ist es nicht.
Urs: Nein, definitiv nicht.
Stephi: Das ist es definitiv nicht.
Urs: Ja, und eben.
Stephi: Ich finde trotzdem, und das habe ich dir auch gesagt, dass wir miteinander einen guten Weg eingeschlagen haben. Für das, was wir erlebt haben, sind wir gut weitergegangen. Niemand von uns ist psychisch angeschlagen oder hat sich aufgegeben. Und wir haben uns nicht getrennt.
Urs: Das stimmt.
Stephi: Wir sind immer noch eine Familie. Wir können schöne Momente erleben, mit Alia im Herzen. Und ich finde, das ist unglaublich wertvoll. Darauf dürfen wir auch stolz sein.
Urs: Ja, das stimmt. Ich glaube auch, dass wir es gut machen. Ich bin froh, wie wir es machen und dass wir weiterhin sehr viele schöne Dinge erleben können. Aber eben, wie du gesagt hast, wenn die Leute das Gefühl haben, es gehe uns so gut und wir hätten keine Probleme, dann denke ich, hey, hallo. Wir haben es angenommen. Wir haben es angenommen, und wir müssen das auch. Wir haben gar keine Wahl.
Stephi: Ja.
Urs: Entweder kann ich die ganze Zeit traurig draussen stehen, oder ich versuche, trotzdem noch …
Stephi: Das Leben zu leben.
Urs: Das Leben zu leben, ja genau. Das ist das Thema. Manchmal nervt mich dieses Gefühl, jetzt gehe es uns so gut, also könne man noch ein bisschen … Dann denke ich, ja, das würde ich vielleicht richtigstellen. Es ist manchmal nicht so einfach, auch wenn es vielleicht so wirkt. Aber man hat ja auch gehört, dass sehr viele Menschen solche Geschichten haben.
Stephi: Ja.
Urs: Wir sind nicht allein, und …
Stephi: Es gibt ganz viele …
Urs: Es gibt sehr viele solche Schicksale. Darum will ich es auch immer … ja, das Spezielle, oder ich weiss nicht. Ich glaube, es gibt Hunderte, wenn nicht mehr, die es gut machen.
Stephi: Das stimmt. Es gibt sehr viele Familien, die das unglaublich gut machen.
Urs: Ja, genau. Und sie müssen es auch nicht sagen. Wir machen …
Stephi: Und ich finde, der Podcast ist eine Riesenchance, auch für viele Familien, zu erzählen, wie sie es gemacht haben und welchen Weg sie gegangen sind. Und viele können vielleicht zuhören und sagen, ja, es gibt auch diese Möglichkeit, so kann man auch damit umgehen.
Urs: Ja, das ist nicht …
Stephi: Es ist nicht der Weg und auch nicht der einzig richtige Weg.
Urs: Nein, auf keinen Fall.
Stephi: Es ist einer von vielen. Und …
Urs: Ja, es kommt ohnehin, wie es kommen muss, in dem Sinn.
Stephi: Ja.
Urs: Und …
Stephi: Ja.
Urs: Ja, und das ist nur ein ganz kurzer Ausschnitt. Ich meine, da könnten wir noch sehr lange erzählen.
Stephi: Ja, wer weiss, vielleicht lade ich dich wieder einmal ein.
Urs: Ja, das kannst du machen, wenn wieder Fragen kommen.
Stephi: Wenn wieder Fragen kommen, dann lade ich dich wieder ein.
Urs: Ja, du kannst wiederkommen. Ich gebe wieder Antwort.
Stephi: Oder vielleicht hole ich dich auch einmal dazu.
Urs: Ja, das …
Stephi: Vielleicht gibt es jetzt auch einige, die sagen, es sei so schön gewesen mit ihm und sie wollten ihn immer dabei haben. Ihn müsse ich immer bei mir dabeihaben.
Urs: Oder sie sagen, es sei gut gewesen, danke.
Stephi: Oder dass sie ihn nie mehr hören wollen.
Urs: Das ist gut. Das war jetzt gut. Jetzt wissen wir, weshalb er sonst nicht redet.
Stephi: Jetzt wissen wir es, ja. Nein, danke, Schatz. Es war wirklich schön, dass du dabei warst und zu diesem Gespräch mit mir bereit warst.
Urs: Ja, sehr gern. Sehr gern.
Stephi: Also.
Urs: Gut, adieu, tschüssli.
Stephi: Ich weiss nicht, wie es euch gegangen ist, aber für mich war das Gespräch mit meinem Mann wieder einmal sehr, sehr bereichernd. Es war schön, seine Emotionen zu hören und seine Gedanken zu diesem Thema. Ich finde, mein Mann hat etwas Schönes gesagt. Wir sind nicht die Einzigen. Es gibt leider wirklich sehr viele Eltern, die ihr Kind verloren haben. Und es gibt so viele unterschiedliche Arten, damit umzugehen. Menschen sind individuell, und jeder geht anders damit um.
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