Franziska,Mère orphelineraconte
L'histoire de Jaël
Franziska raconte en tant que mère orpheline de sa fille Jaël, décédée peu après la naissance.
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Diagnose und Behandlungen
Danke viel mal, dass du bereit bist, uns an deiner Geschichte teilhaben zu lassen. Magst du dich kurz vorstellen?
Sehr gerne. Ich bin Franziska und 40 Jahre alt. Ich bin die Älteste von drei Kindern. Mit meinem jüngeren Bruder und meiner Schwester bin ich im Kanton Zürich aufgewachsen. Ich habe wundervolle Eltern, welche uns allen viel Liebe und Urvertrauen mit auf den Lebensweg gegeben haben. Auch heute, als erwachsene, eigenständige Personen, haben wir als Familie eine sehr schöne Beziehung. Nach der Schulzeit habe ich eine Ausbildung zur Drogistin gemacht. In diesem Beruf hatte ich mit vielen Menschen Kontakt und habe durch die Gespräche viele unterschiedliche Geschichten von Menschen in herausfordernden Situationen gehört. Danach habe ich mich im Bereich Marketing weitergebildet und für eine Apothekenkette lange Vertragsverhandlungen geführt - es war eine spannende Zeit. Mit 28 Jahren habe ich festgestellt, dass ich vertiefter verstehen möchte, wie Menschen denken, fühlen und handeln. Ich habe begonnen, Angewandte Psychologie mit den Schwerpunkten Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie zu studieren. Ich bin sicher, dass mir dieses Wissen aus dem abgeschlossenen Studium später in meiner Kindsverlustgeschichte sehr geholfen hat. Ich denke, dass ich dadurch ein tieferes Verständnis für Menschen in herausfordernden Situationen hatte und warum sie so handeln wie sie handeln. Aktuell arbeite ich als Ausbildungsspezialistin. In dieser Rolle konzipiere, plane und moderiere ich unterschiedliche Weiterbildungsformate für Führungskräfte. Zusätzlich sensibilisiere ich das Unternehmen für Veränderungsprozesse und begleite Teams sowie Mitarbeitende aktiv durch Phasen des Wandels. Privat pflege ich viele Freundschaften und verbringe gerne Zeit mit Menschen, die mir wichtig sind. Ausgleich finde ich in der Natur beim Spazieren oder einfach draussen unterwegs sein. Zudem treibe ich regelmässig mit grosser Freude Sport und lese sehr gerne Romane aller Art. Mit 34 Jahren habe ich den Vater meiner Tochter Jaël kennengelernt. Das war im Jahr 2019. In der Vorbereitung auf dieses Gespräch habe ich festgestellt, dass wir im Januar 2021 den Entscheid getroffen haben, dass wir gerne eine Familie gründen möchten. Das ist nun genau 5 Jahre her. Mir ist bewusst geworden, dass wir das Glück hatten, dass ich schnell schwanger werden durfte. Ich war nie eine Frau mit einem starken Kinderwunsch. Für mich war immer beides in Ordnung, Kinder zu haben oder kinderfrei zu bleiben. Zu dieser Zeit hatten meine beiden Geschwister bereits je ein Kind und ich durfte als Tante das Elternsein aus der Distanz erleben. Und auch in meinem Freundeskreis waren Kinder schon da oder ein Thema. Die Situation damals hat für mich gestimmt, um eine eigene Familie zu gründen. So hat meine Geschichte mit Jaël begonnen.
Möchtest du uns von der Schwangerschaft mit Jaël erzählen? – Schwangerschaft und erste Anzeichen von Komplikationen
Gerne. Ich wurde schnell schwanger, was wir als grosses Geschenk angesehen haben. Wir gingen gemeinsam in der neunten Schwangerschaftswoche zur ersten Ultraschall-Untersuchung. Es war total surreal zu sehen, dass in meinem Bauch ein Kind wächst und natürlich auch aufregend schön. Wir haben die Zeit genossen, uns gefreut und das Geheimnis noch für uns behalten. Dann kam der Trimestertest, den wir gemeinsam bei einer Berufskollegin meiner Gynäkologin hatten, da diese im Urlaub war. Wir waren sehr aufgeregt. Als die Gynäkologin auf das Ultraschallbild geschaut hatte, wurde sie einen Moment lang still und ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Sie erklärte uns, dass beim Fötus vermutlich etwas nicht ganz der Norm entspricht. Dieser "Ballon" beim Bauch neben der Nabelschnur sollte nicht sein. Ich konnte dies nicht einordnen, denn ich hatte noch kein Ultraschallbild so genau angeschaut. Sie meinte weiter, dass sie uns aktuell nicht mehr dazu sagen könne und dass sie uns in die Frauenklinik beim Inselspital in Bern überweist. Diese wird sich in den nächsten Tagen für einen Termin zur vertieften Abklärung melden. Wir sind aus dieser Gynäkologiepraxis raus und fühlten uns wie im falschen Film. Wir waren allein und unter Schock, hatten Angst. Nachdem mit dem positiven Schwangerschaftstest die Welt kurz vor Freude stillgestanden ist, stand sie nun vor lauter Schock wieder still. Wir waren ziemlich sprachlos, und diese Ungewissheit war schwer auszuhalten und irgendwie surreal - so sollte es doch nicht sein.
Als diese Trimesteruntersuchung gemacht wurde, hattet ihr keine Vorwarnung? Ihr habt in diesem Moment erfahren, dass etwas mit dem Fötus nicht stimmt?
Ja, wir haben es genau dann erfahren. Erschwerend kam hinzu, dass es nicht meine bekannte Gynäkologin war. Ich kannte diese Ärztin und die Praxis nicht und fühlte mich auch nicht so gut aufgehoben wie normalerweise. Danach waren wir wie in einem luftleeren Raum. Wir sind aus dieser Praxis hinausgegangen, haben uns angeschaut und nicht mehr gewusst, wo uns der Kopf steht. Wir wussten nur, dass wir warten müssen, bis sich die Frauenklinik meldet. Zum Glück ging das sehr schnell. Ich meine mich zu erinnern, dass wir bereits einige Tage später einen Termin hatten. Dann sind wir das erste Mal in die Frauenklinik in Bern gegangen. Wir mussten im Wartezimmer warten und links und rechts sassen Frauen mit fortgeschrittenen Schwangerschaften. Das war irgendwie ein komisches Gefühl. Im Untersuchungsraum waren wir sehr nervös, ich musste sogar weinen vor lauter Anspannung. Die Assistenzärzte holten relativ schnell Oberärzte dazu. Die Oberärztin hatte eine Ruhe ausgestrahlt und uns erklärt, dass der "Ballon" beim Bauch nicht so sein sollte. Sie ging davon aus, dass es eine Omphalozele ist, ein seltener Bauchwanddefekt. Beim Zusammenwachsen lag der Darm ausserhalb des Bauchs und wurde durch einen Sack geschützt. Darum sieht es aus wie ein Ballon. Damals hat mir diese Diagnose nichts gesagt. Die Ärztin hat sich sehr viel Zeit genommen, was mir in dieser unsicheren Situation Ruhe gegeben hat. Schon bei dieser ersten Untersuchung hat man uns geraten, mögliche Gendefekte abzuklären, weil diese Diagnose oft zusammen mit genetischen Auffälligkeiten vorkommt. Das haben wir dann nach kurzer gemeinsamer Diskussion auch vorgenommen. Wir hatten jedoch nicht darüber gesprochen, was wäre, wenn ein Gendefekt vorliegen würde. Wir wussten in dem Moment nicht, was für Auswirkungen diese Diagnose für unser Kind haben würde oder konnten es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aufnehmen und verarbeiten. Das Ganze zu verdauen war schon sehr schwierig.
Also sie haben auch nichts in der Art gesagt, was das bedeuten könnte? Keine Prognose gegeben?
So wie ich mich erinnere, nicht. Sie haben damals keine Prognose gegeben, denn sie wollten zuerst den genetischen Befund abwarten. Ansonsten war beim Fötus alles der Norm entsprechend. Meine damalige Gynäkologin hat aufgrund des Befundes nach ihren Ferien umgehend angerufen, und wir durften sofort zu ihr in die Sprechstunde kommen. Ein bekanntes Gesicht zu sehen, dem ich vertraut habe, war sehr beruhigend für mich. Sie hat mir dann sofort psychotherapeutische Hilfe zur Verfügung gestellt, welche in angenommen habe. Sie hat gesagt, dass vermutlich ein schwieriger Weg auf uns zukommen könnte. Es sei keine Schwangerschaft, die normal verlaufe, und ich würde sehr eng betreut werden. Einerseits durch die Frauenklinik in Bern, andererseits auch durch sie, wenn ich das wünsche. Und dies habe ich gewünscht.
Wie ist das für euch gewesen in diesem Moment? Ihr habt das ja als Paar erlebt, die Termine gemeinsam wahrgenommen. Und dann kommt ihr dorthin, und rückblickend wirkt es ein bisschen befremdend, dass nur dir als angehende Mutter psychologische Unterstützung angeboten wird. Ist euch damals schon aufgefallen, warum der Vater nicht auch Teil davon ist?
Nein, das ist mir damals nicht aufgefallen. Ich kann jedoch heute nicht mehr sagen, ob die Gynäkologin auch dem Vater von Jaël therapeutische Hilfe nahegelegt hat. Rückblickend wäre es gut gewesen, sowohl gemeinsam als auch einzeln psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Und für ihn, für den Vater von Jaël, war das auch kein Thema? Dass er gefragt hätte, ob er mitkommen kann?
Nein, das war kein Thema. Ich hatte schon vorher Berührungspunkte mit Unterstützungsangeboten. Durch mein Studium war die Hemmschwelle, Hilfe anzunehmen, für mich tief. Ich hatte auch schon Coaching-Erfahrungen gemacht. Immer, wenn ich in herausfordernden Situationen war oder mich beruflich neu orientiert habe, holte ich mir externe Unterstützung. Für mich war es ganz natürlich, diese Unterstützung anzunehmen. Und für ihn war klar: Nein, nein, geh du, du bist die Mutter und du bist schwanger. – Liminale Phase: Zwischen Hoffen und Bangen Nach diesen ersten Untersuchungen sind wir dann in diese "Maschinerie" der engen Betreuung hineingekommen. Alle zwei Wochen mussten wir in die Frauenklinik und der Vater von Jaël kam an jede einzelne Untersuchung mit. Und dies, obwohl er gerade eine neue Arbeitsstelle begonnen hatte. Ich war sehr dankbar dafür, ihn an meiner Seite zu wissen. Er hat die neue Arbeit mit viel Elan und Freude gestartet. Und dann war da parallel die Herausforderung, Eltern zu werden mit einer Schwangerschaft, welche nicht der Norm entsprach. Das war sicherlich ein enormer Spagat für ihn. Nicht zu vergessen, dass wir ja auch unserem Umfeld mitteilen mussten, dass die Schwangerschaft nicht ganz normal verläuft. Sich zu erklären und auch mit dieser Unsicherheit zu kommunizieren, war schwierig. Wie sage ich, dass etwas nicht stimmt, ohne selbst genau zu wissen, was dies für Auswirkungen auf das Kind hat. Unsere Familien und Freunde waren sehr unterstützend, was es jedoch genau mit ihnen gemacht hat, das weiss ich nicht. Wir haben in dieser Zeit mehrheitlich funktioniert. Wir haben uns an jeder kleinen positiven Nachricht festgeklammert. Die erste gute Nachricht war, dass kein Gendefekt vorliegt und wir nun wissen, dass wir ein Mädchen bekommen. Das war ein Aufatmen. Die Ärzte meinten, dass man diesen Bauchwanddefekt gut operieren könne und wir, wenn nichts Weiteres hinzukommt, nach ein paar Monaten in der Kinderklinik ein gesundes Mädchen nach Hause nehmen können. Leider haben wir kurz darauf auf dem Ultraschallbild sehen müssen, dass der Darm, statt im schützenden Sack, frei wie schwebende Luftschlangen im Fruchtwasser schwimmt. Ich verstehe ja, dass das Gefühl von Freiheit und Schweben schön sein muss, doch nicht in diesem Kontext. Der schützende Sack war gerissen und nun war die Diagnose eine rupturierte Omphalozele. Was das Ganze natürlich noch herausfordernder macht. Vorher hätte man einfach operieren können, doch jetzt wurde es komplexer. Durch meine Ausbildung als Drogistin hatte ich Wissen darüber, wie wichtig der Darm für den Menschen ist. Dadurch war für mich persönlich schnell klar, dass die rupturierte Omphalozele für die Lebensqualität problematisch werden könnte. Bildlich gesprochen ist der Darm wie bei einer Pflanze die Wurzel. Wenn die Wurzeln nicht intakt sind, hat das Auswirkungen auf die gesamte Pflanze - also auf den ganzen Menschen. Da habe ich realisiert, dass das eine viel herausfordernde Geschichte werden könnte, als zuerst angenommen. Lange war es kein Thema, dass Jaël sterben könnte. Während der Schwangerschaft hat sie sich in der ersten Zeit gut entwickelt, hat langsam an Gewicht zugenommen und ist gewachsen. Ich erinnere mich, dass ich bei den Ärztinnen und Ärzten immer wieder sehr stark nachfragen musste, was die Diagnose für die Lebensqualität meines Kindes bedeutet. Ich hatte das Gefühl, dass ich wie eine Löwin für mein Kind einstehen musste. Mir hat die volle Transparenz seitens der Ärzte damals gefehlt. Es sind oft sehr vage Aussagen gekommen. Vielleicht wussten es die Ärzte einfach nicht besser, was durchaus so sein könnte, da es unterschiedliche Entwicklungen mit derselben Diagnose geben kann. Und nicht zu vergessen: bis zur Geburt kann sich noch vieles verändern, was wir ja dann auch feststellen mussten. Während dieser Zeit gab es auch erste Differenzen zwischen mir und dem Vater von Jaël. Er war ein absoluter Optimist. Für ihn kam es nie in Frage, dass sie sterben könnte. Sein Vater war zwei Jahre zuvor verstorben. Und er fand, das Leben könne nicht so gemein sein, zuerst seinen Vater zu nehmen und jetzt auch noch das Kind. Für ihn war klar: sie wird leben, es kommt alles gut. Ich hingegen bin eher ein realistischer Mensch. Mit diesem Wissen habe ich in der Therapie sehr früh verschiedene Szenarien beleuchtet. Was ist, wenn sie auf die Welt kommt. Im optimalsten Fall hätte sie vielleicht drei bis vier Monate im Kinderspital bleiben müssen. Die Bauchwand wird verschlossen, der Darm muss lernen zu arbeiten, und danach hätte ich ein gesundes Kind mit nach Hause nehmen können - mit einer normalen Lebensqualität. Dann gab es jedoch auch ein anderes Szenario, bei dem die Lebensqualität nicht optimal ist. Dort habe ich mir die Frage gestellt, was das für mich als Mutter bedeutet, für uns als Eltern, für unser Leben und unser Umfeld. Und das dritte Szenario war der Tod.
Darf ich nachfragen: Du hast vorhin gesagt, die Fachpersonen hätten sich eher zurückgehalten mit Informationen. Aber wie bist du selber damit umgegangen? Hast du nachgelesen, dich informiert, oder hat doch jemand von den Fachleuten klar gesagt, dass auch die Möglichkeit besteht, dass sie daran sterben könnte?
Ich habe mal kurz im Internet recherchiert, doch die Diagnose ist sehr selten. Was ich dort herausgefunden habe, war, dass die Ursache dieses Bauchwanddefektes einfach eine Laune der Natur ist und ich oder wir nichts falsch gemacht haben. Das haben auch die Ärzte bestätigt. Meine Gynäkologin hat sehr ruhig und klar mit uns kommuniziert. Sie hat mit uns jeweils die Befunde nochmals besprochen, denn die Berichte haben wir manchmal nicht verstanden und waren während der Untersuchung auch nicht in der Lage alles aufzunehmen. Die vielen Informationen waren teilweise überfordernd. Vor allem, da gegen Ende der Schwangerschaft immer mal wieder kleinere Diagnosen dazu kamen. Ich habe den betreuenden Ärztinnen und Ärzten in der Frauenklinik nie einen Vorwurf gemacht. Sie schauen Bilder an, sie geben Einschätzungen ab, und jedes Elternpaar geht anders damit um. Ich weiss nicht, ob es mir etwas gebracht hätte, wenn sie mir beispielsweise von Anfang an gesagt hätten: Es gibt eine 70-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass ihre Tochter stirbt. Die mentale Verfassung der Mutter spielt ja auch eine Rolle im gesamten Prozess und ich wollte mein Kind und dass es ihm gut geht. Ich mag mich nicht mehr erinnern, dass die Ärzte von Beginn an davon gesprochen haben, dass diese Diagnose den Tod bedeuten kann. Ich glaube nicht.
Wenn wir bei dem Bild bleiben, dass du vorhin erwähnt hast, dass du wie eine Löwin warst, die ihr Kind verteidigt und schützt. Selbst eine Löwin muss ja wissen, was auf sie zukommt. Ist das eine echte Bedrohung oder kann sie ruhig unter dem Baum entspannen. Man muss ja wissen, mit was man es zu tun hat, um das Kind entsprechend zu schützen.
Für mich war es so: Ich hatte das Wissen über den Darm. Der Darm ist frei im Fruchtwasser geschwommen, was ihn in der Funktion beschädigt - wie fest ist unklar. Später war auch noch ein Teil der Leber frei im Fruchtwasser, auch das ist nicht gut, weil auch die Leber eine wichtige Funktion im Körper hat. Jaël hat mit der Zeit nicht mehr so schnell an Gewicht zugenommen, was auch ein Faktor ist, um zu überleben. Gegen Ende der Schwangerschaft haben die Ärzte dann noch von einem kleinen Loch im Herzen gesprochen und beim Zwerchfell war man sich auch nicht ganz sicher, ob dort alles gut ist. Eine Bemerkung am Rande: sie war bei der Geburt 1500g schwer und 40cm lang. Eine Woche waren die Untersuchungen positiv, und dann kam wieder etwas Kleines dazu. Ein Wechselbad der Gefühle. Und die zu Beginn positiven Nachrichten, dass der Bauchwanddefekt operiert werden könne, wurden immer weniger. Da braucht es meiner Meinung nach nur gesunden Menschenverstand. Jedes einzelne Problem für sich wäre wahrscheinlich gut behandelbar gewesen. Aber die Kombination war einfach ein ungünstiger Mix. Der ungünstige Mix war meiner Meinung nach eine echte Bedrohung, welche mich bildlich gesprochen als Löwin nicht einfach unter dem Baum entspannen lässt. In vielen Gesprächen mit meiner wunderbaren Therapeutin habe ich nach jeder schlechten Nachricht geschaut, was das bedeuten könnte. Dort war für mich eine sichere Umgebung, in der ich alle Gedanken teilen konnte. Mit dem Vater von Jaël blieben die Gespräche nach solchen Diagnosen eher an der Oberfläche und in der Hoffnung, das kommt schon gut. Wo der Vater von Jaël und ich uns jedoch einig waren, war, dass wir viel für unsere Tochter tun, was ihrer Lebensqualität dienlich ist, aber nicht alles. Sie sollte kein Versuchskaninchen für die Wissenschaft sein. Mein damaliger Partner hat seinen Vater an Krebs verloren. Er hat gesehen, wie sich die Krankheit über Jahre hingezogen hat. Uns war ganz wichtig: Wir machen viel, aber nicht alles. Gegen Ende der Schwangerschaft hatte ich ein prägendes Erlebnis. Ich sass nachmittags auf dem Sofa zu Hause, wie ich das oft gemacht habe und habe mit Jaël gesprochen. Ich habe sie gefragt, wie es ihr geht. Ich habe ihr gesagt: Deine Mutter sitzt hier auf dem Sofa, die letzte Untersuchung war gut. Aber wir wissen beide, dass du noch an Gewicht zulegen musst, denn das wird dir bei den kommenden Operationen helfen. In diesem Gespräch habe ich ihr einmal mehr versprochen, dass wir viel für sie machen. Doch wenn sie keine Kraft hat, um auf dieser Erde zu leben, dann lassen wir sie gehen. Denn wir lieben sie und wollen sie umsorgt und beschützt wissen.
Wir haben nicht viel Zeit miteinander. Ich habe es einfach gewusst, meine Zeit mit ihr ist limitiert. Gleichzeitig habe ich gemerkt, sie macht alles, damit sie mich kennenlernen darf. Meinem damaligen Partner konnte ich nicht sagen, dass ich das Gefühl hätte, sie überlebt nicht. Einerseits hoffte ich, dass mich mein Gefühl trügt, andererseits wollte ich keine Diskussion lostreten, deren Ausgang zu diesem Zeitpunkt ungewiss war. Und dann war da auch noch unser soziales Umfeld. Unsere Familien, Freunde und Zugehörigen. In meinem Umfeld haben viele Anteil genommen an unserer Schwangerschaft und sich auf unser Kind gefreut. Sie haben mitgefiebert, wenn sie wieder einen kleinen Meilenstein geschafft hat. Sie haben nachgefragt, sie waren für uns da. Im späteren Verlauf der Schwangerschaft war ich mit meiner Familie und Freunden sehr offen. Ich habe angemerkt, dass die Wahrscheinlichkeit etwa fünfzig zu fünfzig Prozent beträgt, dass unsere Tochter überlebt. Also anders formuliert, dass die realistische Möglichkeit besteht, dass Jaël sterben könnte.
Hat dir diese Zahl irgendjemand mal konkret gesagt?
Nein, so konkret haben das die Ärzte nicht gesagt oder ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Ich möchte hier betonen, dass die Mitarbeitenden der Frauenklinik wunderbare Menschen waren. Wir haben uns dort aufgehoben und wohl gefühlt. Wenn wir zu den Untersuchungen kamen, dann sind wir am Empfang jeweils sehr freundlich begrüsst worden und die Mitarbeitenden haben Anteil genommen. Gegen Ende der Schwangerschaft haben die Ärzte dann gesagt, dass es kritisch werden könnte. Vielleicht war das im Fachjargon wohlwollend ausgedrückt, dass die Möglichkeit besteht, dass sie stirbt. Mit meiner Therapeutin habe ich immer mal wieder diese verschiedenen Szenarien beleuchtet. Für mich war das wichtig und gab mir die Sicherheit, dass ich, egal wie es kommt, handlungsfähig sein werde. Ich denke, was an dieser Stelle noch interessant ist, dass ich schon früh mit der Trauer in Berührung gekommen bin. Das erste mal habe ich darum getrauert, dass ich keine normale Schwangerschaft haben werde. Dann, dass ich nicht natürlich gebären konnte, weil es ein zusätzliches Risiko für den Darm von Jaël gewesen wäre. Ich hatte zudem grosse Angst vor dem Kaiserschnitt, doch auch diesem Thema konnte ich mich mit meiner Therapeutin behutsam annähern.
Was ist, wenn Jaël eine schlechte Lebensqualität hat? Was bedeutet das für mich, für uns als Paar? Das sind Fragen, die beantwortet man, glaube ich, relativ leicht, wenn man nicht selbst betroffen ist. Ich habe früher auch gesagt: Ja, wenn ein Kind einen genetischen Defekt hat, dann treibe ich es ab. Als ich das Kind dann aber selbst im Bauch hatte, war das eine ganz andere Geschichte. Diese Gedanken in der Therapie zu äussern und alle meine Emotionen rund um die Schwangerschaft und Partnerschaft besprechen zu können, war sehr befreiend für mich und gab mir Sicherheit, dass, egal was kommt, ich einen Weg finden werde damit umzugehen. Ich wollte mein Kind beschützen. Ich wollte, dass es umsorgt ist. Ich hatte Hoffnung. Ich wollte eine Mutter werden, ich wollte eine Familie mit Kind sein. Und gleichzeitig waren da wahnsinnig viele Emotionen, die, während den 33 Schwangerschaftswochen aufeinandergeprallt sind.
Das sind geballte Emotionen gewesen. Und du hast ja nebenbei noch gearbeitet. Darf ich kurz nachfragen: Wenn du von Emotionen sprichst, kannst du das beschreiben? Angst, Wut?
Wut hatte ich während der Schwangerschaft nicht. Und auch keine Schuldgefühle. Ich habe auch nie gefragt, warum ausgerechnet ich. Für mich war klar: Die rupturierte Omphalozele ist eine Laune der Natur. Ich habe nichts falsch gemacht. Das gibt es einfach. Wir haben jetzt dieses Los gezogen. Ich war sehr oft traurig und fühlte mich manchmal auch hilflos und unsicher. Meine Therapeutin hat oft gesagt: Alles, was da ist, darf da sein. Gefühle wollen nicht gelöst werden, sondern gesehen werden. Dann verlieren sie an Schwere. Also war ich traurig und auch glücklich. Ich wollte auch Normalität und wir haben während der Schwangerschaft auch nach vorne gelebt. Ich habe mich auf die nächsten kleinen Schritte konzentriert, das hat mir Halt gegeben. Wir haben Sachen fürs Kinderzimmer gekauft, wir haben gemeinsam eine Wand bemalt und kleine Glücksmomente, wie die sichtbaren Bewegungen von Jaël am Bauch, genossen. Nebst all den unangenehmen Emotionen fühlte ich auch Freude, Vorfreude und Stolz.
Hattest du auch Angst?
Angst habe ich auch gehabt, aber weniger um Jaël. Denn dort hatte ich das Vertrauen, dass es kommt, wie es kommen musste. Ich hatte eher Angst, vor dem was organisatorisch auf mich zukommen würde. Wie sieht das aus, wenn sie lange Zeit im Kinderspital ist? Kann ich dann bei ihr sein? Wie machen wir das, wenn der Vater von Jaël arbeitet? Schaffen wir das? Und trotzdem habe ich immer gewusst: Wir schaffen das. Irgendwie schaffen wir es.
Also ein Urvertrauen hattest du?
Ja. Das haben mir meine Eltern auf meinen Lebensweg mitgegeben. Es gibt immer eine Lösung. Mir war es sehr wichtig, handlungsfähig zu bleiben. Darum habe ich mit der Therapeutin auch die verschiedenen Szenarien angeschaut, um zumindest einen Ansatz zu haben, wie ich damit umgehen könnte. Ich wollte vieles genau wissen. Ich war vielleicht manchmal nicht die angenehmste Schwangere bei den ärztlichen Untersuchungen, weil ich Transparenz wollte: Was bedeutet das konkret? Bitte reden Sie nicht um den heissen Brei herum.
Du interpretierst das so, dass du für die Fachleute nicht immer angenehm warst, weil du nachgefragt hast, weil du genau wissen wolltest, woran du bist, wie du deine Tochter schützen kannst und dich selbst auch.
Ja. Ich wollte keine falschen Versprechungen. Ich wollte nicht, dass man mich anlügt. Ich wollte vollkommene Transparenz. Wenn sie während der Schwangerschaft gesehen hätten, dass es keine Möglichkeit mehr gibt, dann hätte ich das wissen wollen. Ich habe einfach klar nachgefragt und auch gesagt, wenn ich mit der Genauigkeit der Antworten nicht zufrieden war. Ich habe mich nicht geschämt, kritische Fragen zu stellen. Ich hatte manchmal das Gefühl, die Gesellschaft erwartet von mir, dass ich aufgrund der Situation traurig und hilflos bin. Aber den Erwartungen wollte und konnte ich nicht entsprechen, ich fühle mich nicht gern hilflos. Vielleicht bin ich dadurch bei einigen Personen, welche mich nicht gut kennen, manchmal emotionsarm oder sehr gefasst rübergekommen. Meine Emotionen habe ich eher versteckt ausgelebt. Meine Trauer zum Beispiel am Nachmittag auf dem Sofa, im Gespräch mit Jaël, oder draussen in der Natur, wo ich auch mal laut geweint habe. Aber selten vor meinem Umfeld, meiner Familie oder meinem damaligen Partner. Das habe ich mehr mit mir selbst ausgemacht oder bei der Therapeutin und mit ausgewählten Personen. Dort fühlte ich mich sicher und konnte meine Emotionen benennen und sichtbar machen. Und trotzdem, wenn ich zurückblicke, hatte ich eine schöne Schwangerschaft. Es war ein Leben, das in mir gewachsen ist. Vorfreude war da und auch Dankbarkeit, schwanger sein zu dürfen. Man sieht oft nur das Endprodukt im Kinderwagen, das gesunde Kind. Aber dass hinter so einem Kind auch viele unerfüllte Kinderwünsche stehen oder Geschichten wie meine, in denen während der Schwangerschaft nicht alles gut ist, das ist mir in dieser Zeit sehr bewusst geworden. Ich habe es wertgeschätzt, dass ich überhaupt so schnell schwanger werden durfte. Das war einfach Pech gewesen, dass meine Tochter nun diesen seltenen Bauchwanddefekt hatte.
Ihr seid also relativ schnell nach dem Schwangerwerden in diese langen Monate hineingekommen, mit viel Medizin, vielen Untersuchungen, viel Interpretation. Was bedeutet das für mich, für uns, für meine Tochter? Zwischen Hoffnung und emotionaler Achterbahnfahrt. Das ist diese liminale Phase. Und irgendwann ist dann die Geburt gekommen.
Stimmt, doch mir fällt gerade noch ein, dass es vielleicht interessant sein könnte, was mir in dieser Zeit geholfen hatte.
Ja, erzähl davon.
Als Schwangere wird man ja sehr oft gefragt: Und, wann kommt das Kind zur Welt? Ich habe mir dafür Standardsätze angeeignet. Ich habe diese sogar vor dem Spiegel geübt, mit vielen Tränen. Ich habe jeweils abgewogen, ob ich sage, dass etwas nicht gut ist oder nicht, je nachdem, wie meine eigene emotionale Verfassung war.
Ja, geplant ist die Geburt Anfang nächsten Jahres. Und dann habe ich ergänzt: Es ist aber nicht alles gut bei unserem Kind. Oft war dann erst einmal Schweigen. Und ich wusste zu Beginn nicht, wie damit umgehen. Das waren manchmal sehr schwierige Situationen. Diese Standardsätze haben mir geholfen, auch um das Gegenüber ein bisschen zu beruhigen. Zum Beispiel zu sagen: Wir sind sehr gut betreut, wir freuen uns auf unser Kind, es wird schon gut kommen, es kommt, wie es kommt. Das waren meine Standardsätze. Weiter hat mir ein Tipp meiner Hebamme geholfen. Ich hatte das grosse Glück, eine Hebamme zu finden, die Geburts- und Sterbebegleitungen macht. Sie hat mir während der Schwangerschaft gesagt: Sammle Erinnerungen. Alles Mögliche. Wenn wir zur Familie gefahren sind, haben wir immer an einer Raststätte angehalten und einen Burger gegessen. Weil ich auf längeren Autofahrten immer auf die Toilette musste, haben wir die Quittungen dafür behalten. Ich habe auf Notizzetteln schöne Erlebnisse aufgeschrieben, wie beispielsweise als der Vater von Jaël am ersten Arbeitstag nach Hause kam. Oder als sie das erste Mal im Bauch geboxt hat.
Im besten Fall sind das schöne Erinnerungen an die Schwangerschaft. Und im schlimmsten Fall sind es Erinnerungen, die dir helfen, zu verarbeiten und dich zu erinnern. Das hat mir unglaublich geholfen. Ich habe alles gesammelt, was für mich eine Bedeutung hatte, wie Steine oder auch kleine Zeichen und Notizen. Während dieser Zeit habe ich mir auch überlegt, mir ein Geburtsgeschenk zu machen. Der Vater von Jaël und ich waren nicht verheiratet und ich hatte den Wunsch nach einem Ring. Von meinen Grosseltern hatte ich noch Diamanten, aus welchen ich von einer Goldschmiedin einen Ring habe machen lassen. Ein Geburtsgeschenk an mich selbst. Als starke Frau. Ich dachte, ich ziehe ihn zur oder nach der Geburt an. Mein damaliger Partner hat dann gesagt: Zieh ihn jetzt schon an. Du bist jetzt schon stark. Und ich habe den Ring tatsächlich sofort nach Erhalt getragen. Im Nachhinein war das die beste Entscheidung. Heute ist er mein Kraftring. Immer wenn ich Kraft brauche, fasse ich ihn an. Ich trage ihn mit Stolz. Ja, das sind die zwei Dinge, die mir sehr geholfen haben während der Schwangerschaft. Mir Standardsätze anzueignen und einen offenen Umgang zu pflegen. Ich habe gerne darüber gesprochen, das hat mir geholfen, mit meinen Emotionen umzugehen.
Darf ich noch einmal kurz zu diesem Thema zurückkommen? Wie habt ihr informiert? Du hast vorhin gesagt, ihr habt regelmässig informiert, wo du stehst. Ich nehme an, das war in der Familie und im engen Freundeskreis. Vielleicht kannst du dazu noch etwas sagen. Und mich würde interessieren, mit welcher Haltung ihr informiert habt. War es eher das Gefühl, wir müssen informieren, weil die anderen das wissen wollen, oder weil wir ihnen etwas schulden? Oder war es wichtig für euch selbst, zu informieren, und warum? Und rückblickend gefragt: Hättest du mit dem Wissen von heute etwas anders gemacht in der Kommunikation?
Ich hatte nie das Gefühl, ich müsse informieren. Ich hatte das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Das hat mir geholfen, das Ganze rational besser zu verarbeiten. Sie waren da. Wenn es mir nicht gut ging, konnte ich anrufen, ohne mich erklären zu müssen. Sie wussten, wie der Stand ist. Dadurch, dass ich so offen war, habe ich mich wie in Sicherheit gefühlt. Sie sind mit uns mitgekommen auf diesem Weg und ich habe diese Menschen an meiner Seite gewusst. Meine Eltern habe ich zum Beispiel nach jeder Untersuchung angerufen.
Einfach, weil sie Grosseltern sind?
Ja, weil sie Grosseltern sind und mir sehr nahestehen, weil ich dort als Tochter aufgefangen worden bin. Meine Geschwister habe ich unregelmässiger informiert. Zu meiner Schwester hatte ich einen sehr engen Kontakt, auch weil sie damals noch in derselben Stadt gelebt hat. Während meiner Schwangerschaft ist sie selbst zum zweiten Mal schwanger geworden. Bei ihrem Mädchen wurde sehr früh die Diagnose Trisomie 18 gestellt, was eine Totgeburt zur Folge hatte. Wir waren und sind bis heute sehr eng verbunden. So haben wir unsere Familie auf dem Laufenden gehalten, aber auch meine engsten Freundinnen. Sie haben mit uns mitgefiebert, wie bei einem Countdown zur Geburt. Ich habe bei meinen engsten Freundinnen meine Emotionen nicht beschönigt. Gleichzeitig war ich auch hoffnungsvoll und habe viel Dankbarkeit gespürt. Dieses Gefühl der Dankbarkeit war von Anfang an da. Ich glaube, dadurch habe ich damals, wie später, auch keine Wut empfinden können. Rückblickend ist mir aufgefallen, dass ich damals nie wirklich gefragt habe, was meine Geschichte mit den Menschen um mich herum gemacht hat. Ich weiss heute nicht, ob sie sich manchmal allein gefühlt haben oder mit wem sie darüber sprechen konnten. Damals war ich so sehr in meinem eigenen Erleben, dass ich gar nicht auf die Idee gekommen bin, nachzufragen. Das würde ich heute anders machen. Ich würde bei meinen engsten Freundinnen und auch bei meiner Familie eher nachhaken, wie es ihnen mit all dem geht, mit meiner Geschichte, meinen Gefühlen, meinem Weg. Nicht aus Schuld, sondern aus einem Bewusstsein dafür, dass Verlust immer mehrere Menschen berührt, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Heute ist mir viel klarer, wie wertvoll es ist, diesen Raum bewusst zu öffnen.
Doch damals hat es sich stimmig angefühlt, oder?
Ja. In dieser Situation ist mir das nicht in den Sinn gekommen. Da war ich zu fest mit mir selbst beschäftigt.
Darf ich noch eine Frage stellen? Ihr habt ja als Paar die Schwangerschaft und die möglichen Ausgänge sehr unterschiedlich erlebt. Du hast deine Familie und deine Freundinnen informiert. Habt ihr das als Paar gemeinsam gemacht? Oder wie hat er seine Familie informiert? Habt ihr das getrennt gehalten?
Wir haben unsere Familien und Freunde eher getrennt informiert und vermutlich auch eher unterschiedlich. Er auf seine Weise und ich auf meine. Ich weiss, dass der Vater von Jaël einen sehr guten Kontakt zu seiner Mutter hatte, und wenn wir sie sahen, haben wir natürlich gemeinsam mit ihr gesprochen. Mit seiner Schwester war der Kontakt eher zurückhaltend. Mein Eindruck war, dass unsere Situation für sie herausfordernd war. Bei seinen Freunden ist er, dort wo er konnte, auch offen damit umgegangen. Bei mir haben meine engsten Freundinnen sehr viel nachgefragt. Wie geht es dir? Wie hältst du das aus? Bei ihm war das weniger so. Man hat ihn nicht gefragt, wie es ihm geht mit dem neuen Job oder wie es für ihn ist, dass er seine Partnerin an alle Untersuchungen begleitet und was ihn für Emotionen beschäftigen. Diese Anerkennung, dass er sich jeden einzelnen Termin freigeschaufelt hat und immer mit mir in die Untersuchungen gekommen ist, das ist nicht selbstverständlich. Das habe ich sehr wohl gesehen, und dafür bin ich ihm bis heute sehr, sehr dankbar. Ich glaube, er hätte sich rückblickend gewünscht, dass man auch bei ihm als angehenden Vater regelmässiger nachfragt: Wie geht es dir damit? Was löst das bei dir aus?
Das Ende wird absehbar
Deine Schwangerschaft neigte sich langsam dem Ende zu. Wie kam es zur Geburt?
In Bern haben wir im November einen Zwiebelmarkt, ein Highlight für die Stadt, und ich bin natürlich auch noch kurz dorthin gegangen. Ich wusste, dass es sein kann, dass ich vor der Geburt längere Zeit in der Frauenklinik bleiben musste. Ich habe noch die letzten Geschenke für den Adventskalender von Jaëls Vater organisiert. Beim Spazieren in der Stadt hatte ich immer mal wieder ein Ziehen im Unterleib. Ich wusste damals noch nicht, wie sich Wehen anfühlen. Jaël war ja mein erstes Kind. Am nächsten Morgen hatte ich dann Blutungen. Ich habe meine Gynäkologin angerufen und sie hat gesagt: Franziska, ab in die Frauenklinik. Wir haben meine Krankenhaustasche fertig gepackt und sind in die Frauenklinik gefahren. Ich weiss noch, wir hatten ein gutes Gefühl. Wir dachten, jetzt geht es los, jetzt lernen wir sie kennen. Wir waren wirklich sehr positiv. Es gibt auch noch Fotos, auf denen wir strahlen. Ich wurde dann in der Frauenklinik aufgenommen und musste dortbleiben. Die Ärzte haben mir Medikamente gegeben, um die Wehen zu stoppen, denn das Ziehen im Bauch waren tatsächlich schon Wehen. Zusätzlich wurde vorsorglich die Lungenreife von Jaël unterstützt, da ihre Lungen in dieser Schwangerschaftswoche noch nicht ausreichend für eine Geburt entwickelt gewesen wären. Der erste Tag in der Frauenklinik verging schnell und uns ging es gut. Wir haben sogar mit der Bettnachbarin und ihrem Mann noch Pizza ins Zimmer geschmuggelt und uns lange unterhalten. Danach veränderte sich mein Gesundheitszustand. Ich bekam immer schlechter Luft und wurde apathisch. Da Covid noch sehr präsent war, wurden unzählige Tests gemacht. Doch diese waren alle negativ. Wenn der Vater von Jaël mal kurz nicht anwesend war, hat mir meine Bettnachbarin beim Umziehen oder Toilettengang geholfen. Auch heute pflege ich mit ihr noch einen freundschaftlichen Kontakt und besuche sie mit ihren Kindern. Ihre Tochter ist in etwa gleich alt wie Jaël und so habe ich eine Referenz, was Jaël alles könnte. Mein Gesundheitszustand verschlechterte sich noch mehr. Doch ich hatte das Gefühl, dass man mir nicht glaubte. Zudem hatte ich trotz Wehenhemmer immer noch teilweise starke Wehen. Also ich bewundere Frauen, die natürlich gebären. Mir haben diese Wehen gereicht. Der Vater von Jaël hat dem Pflegepersonal assistiert und war, wann immer möglich, an meiner Seite. Als es mir in der Nacht richtig schlecht ging, hatte ich das Glück, dass eine Pflegekraft den Ernst der Lage erkannte. Mitten in der Nacht wurde bei mir eine atypische Lungenentzündung erkannt. Und ab diesem Moment ging es vor allem darum, meine Gesundheit zu schützen. Die Ärzte entschieden am Morgen, wegen meiner Gesundheit und weil sich auch Jaëls Werte verschlechterten, den Kaiserschnitt nachmittags anzusetzen. In den vielen Vorgesprächen mit den verschiedensten Ärzten sagten sie uns immer, dass wenn die Geburt ansteht, sie alle anwesend sind. Und sie alle waren an diesem Sonntag, dem 28. November 2021, da. Während sie mich für den Kaiserschnitt vorbereitet haben, hat der Vater von Jaël im Korridor gewartet. Im Nachhinein weiss ich, dass dies für ihn eine unglaublich angespannte Situation war. Einerseits hatte er Angst um mein Leben und gleichzeitig auch um das Leben seiner Tochter. Und dann war da sicherlich noch die Anspannung Vater zu werden. Die Ärzte rannten in Privatkleidern an ihm vorbei, teilweise noch mit dem Velohelm in der Hand. Der Kinderarzt liess seine Familie den Weihnachtsbaum alleine aussuchen und kam zu uns. Alle haben ihr Versprechen gehalten. Das war für uns ein grosses Geschenk. Das berührt uns noch heute. Als ich in den Operationssaal geschoben wurde, flüsterte mir der Vater von Jaël ins Ohr, dass alle da sind und alles gut wird. Der Kaiserschnitt selbst war etwas schwierig wegen meiner Lungenentzündung. Sie mussten die Narkose immer sehr gut regulieren. Und dann wurde Jaël geboren, um sechzehn Uhr fünfzehn, während draussen die Schneeflocken tanzten. Die Ärzte haben sie sofort mitgenommen. Das wussten wir, darauf bin ich auch psychisch vorbereitet gewesen. Ich wusste, ich werde Jaël nach der Geburt nicht halten können. Sie musste sofort von den Ärzten umsorgt und der Darm geschützt werden. Darum habe ich in diesem Moment vertrauensvoll loslassen können.
Also man hat sie nicht direkt operiert?
Nein. Das wäre ein schrittweiser Prozess gewesen. Zuerst schützen, stabilisieren, analysieren, was wirklich alles betroffen ist. Und dann Schritt für Schritt operieren. Die Ärzte haben uns informiert, dass Jaël zweimal reanimiert werden musste. Der Vater von Jaël durfte sie besuchen, sobald sie stabilisiert war. Unsere Hebamme hat damals gesagt: Mach Fotos. Von den Händen, den Füssen, dem Gesicht. Der Vater von Jaël hat diese Fotos gemacht. Im Nachhinein ein wertvolles Geschenk. Als ich dann ebenfalls stabilisiert war, haben sie mein Bett zu ihr herangerollt. Ich habe keine Erinnerungen an ihr Gesicht nach der Geburt, das kenne ich nur von Fotos. Ich kann mich daran erinnern, dass ich ihre Hand genommen habe und an den Druck von ihrer Hand um meinen Daumen. Wie ein: Hallo Mama, ich bin da. Ich erinnere mich an diesen Druck und gleichzeitig an eine unglaubliche Erschöpfung. Ich wusste, meine Tochter ist gut umsorgt. Es ging ihr in diesem Moment gut. Es war alles sehr surreal. Vielleicht stand ich wegen der Narkose noch ein bisschen neben mir.
Zeit des Sterbens
Sie haben uns dann in ein Zimmer gebracht. Jaël war weiterhin bei den Ärzten, und der Vater von Jaël hat begonnen, die Familie zu informieren, dass wir Eltern von einem Mädchen geworden sind. Wir haben das Geschlecht während der Schwangerschaft für uns behalten, vermutlich auch ein wenig als Selbstschutz. Ich habe das Gefühl, das hat eine gewisse Distanz geschaffen. Wenn man weiss, es ist ein Mädchen oder ein Junge, wird es vielleicht noch konkreter. Ob das richtig oder falsch war, weiss ich nicht. Aber es war wie ein Schutzmechanismus. Während der Schwangerschaft haben wir sie immer «Ameisli» genannt. Ameisen können ja ein Vielfaches ihres eigenen Körpergewichts tragen, sie sind extrem stark. Passend zu ihr. Danach haben wir zuerst einmal Ruhe gebraucht. Irgendwann gab es ein interdisziplinäres Konsil, also ein Treffen aller beteiligten Fachrichtungen. Neonatologie, Kinderchirurgie und alles, was dazugehört. Sie haben uns dann gesagt, es wird kritisch. Jaël braucht wirklich alles Glück der Welt, um die erste Nacht zu überleben. Wir haben den Ärztinnen und Ärzten gesagt, wir seien so müde, wir wollten einfach schlafen; bitte weckt uns nicht. Sie ist ja gut umsorgt. Wir haben die kritische Situation gar nicht richtig wahrgenommen. Im Nachhinein bin ich unendlich dankbar, dass die Leiterin der Neonatologie nicht auf uns gehört hat. Sie hat uns gegen elf Uhr nachts geweckt und gesagt, es gehe Jaël nicht gut. Der Vater von Jaël ist sofort von der Frauenklinik Richtung Kinderklinik gegangen, wo sie nun war. Mein Transport wurde organisiert, und man hat mich durch die unterirdischen Gänge in die Kinderklinik gefahren. Während der Fahrt habe ich zum Fahrer noch gesagt, er soll schneller fahren, ich will zu meiner Tochter. Als ich ins Zimmer gekommen bin, habe ich den Vater von Jaël an ihrem Bett stehen sehen. Wir haben uns angeschaut, und ich habe gewusst: Game Over. Das war genau das, was wir vorher immer besprochen hatten. Wir machen viel, aber nicht alles. Es hat in diesem Moment keine Diskussion gebraucht. Kein Abwägen mehr, kein Weiterprobieren. Wir haben uns angeschaut und gewusst: Jetzt ist der Punkt erreicht. Im Fachjargon heisst das Therapieabbruch. Sie haben mir Jaël auf die Brust gelegt. Sie war wunderschön. Das Pflegepersonal hat von diesem intimen Moment unbemerkt Fotos gemacht. Das war für mein Verarbeitungsprozess ein unglaublich wichtiges Geschenk. Auf diesen Fotos sieht man, wie meine Augen leuchten, als sie mir Jaël auf die Brust legten und sie mir frech die Zehen entgegenstreckt. Alles, was in diesem Moment gezählt hat, war, für sie da zu sein, sie zu halten, sie beschützt zu wissen. Ich habe eine unglaubliche Liebe gespürt und einen tiefen Mutterstolz. Ich fand sie immer noch wunderschön. Und gleichzeitig habe ich in ihrem Gesicht gesehen, dass ihre Lebenskraft schwindet. Den Vater von Jaël habe ich in diesem Moment nicht richtig wahrgenommen, obwohl er neben mir gestanden ist. Wir haben zusammen geweint, wir haben zusammen gebetet, wir haben mit ihr geredet. Ich habe ihr gesagt: Jaël, ich bin da. Du darfst loslassen. Ich bin bei dir bis zu deinem letzten Atemzug. Ich war sogar besorgt, dass sie geblendet wird vom Licht und dadurch nicht ruhig sterben konnte. Ich bat den Arzt, ihr die Augen zu schliessen. Völlig surreal. Aber für mich war nur wichtig, dass es ihr gut geht, dass ich sie beschützen und begleiten kann.
Ich darf sie zum ersten Mal halten und sie wird sterben. Und trotzdem hat die Mutterliebe alle Gefühle überlagert. Ich beschützte sie. Das war stärker als alles andere. Dieser Moment war tieftraurig und auch unendlich schön. Ich kann heute ruhiger darüber sprechen. Es schmerzt immer noch, und doch bin ich unendlich dankbar, dass sie mir dieses Geschenk gemacht hat und in meinen Armen gestorben ist. Ich durfte mich so für einen Moment als "echte" Mutter fühlen. Als sie um Mitternacht gestorben ist, haben die Ärzte mir gesagt, dass ich sie kurz loslassen muss, damit sie die Geräte entfernen konnten. Ich wollte sie nicht hergeben. Ich durfte sie danach nochmals halten und dann habe ich sie nach einiger Zeit abgegeben.
War es für dich ein Unterschied, dein lebendiges Kind und dein totes Kind zu halten? Und hat man dir gesagt, dass ihr auch noch die Möglichkeit habt, Jaël später zu sehen?
Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Doch ich glaube, dass es für mich in diesem Moment keinen Unterschied gemacht hat. Sie war mein Kind, das ich im Arm gehalten habe. Und nein, in diesem Moment wurden wir nicht über die Möglichkeit informiert, sie danach noch einmal zu sehen. Es war ja mitten in der Nacht. Ich denke auch, dass ich dies in diesem Moment nicht hätte einordnen oder aufnehmen können. Im Verlauf des ersten Tages wurden wir dann informiert, dass wir sie jederzeit im sogenannten Sternenkind-Zimmer besuchen dürfen. Als ich aus dem Zimmer gerollt wurde, ist die Welt stehen geblieben. Es gab ein Davor und ein Danach. Eine komplett neue Realität. Ich hatte den gleichen Fahrer, der uns zurück in die Frauenklinik gebracht hat. Er hat gefragt, wie es meiner Tochter geht. Und ich habe gesagt: Sie ist tot. In diesem Moment habe ich es zum ersten Mal rational begriffen, dass Jaël tot war.
Unmittelbar nach dem Tod
Die Erinnerungen an die ersten Tage nach dem Tod von Jaël sind verschwommen. Ich weiss nur, dass ich am nächsten Tag irgendwie die Kraft hatte, eine Nachricht zu formulieren, mit der wir unsere Familien und Freunde über den Tod informieren konnten. Der Vater von Jaël hat diese dann per WhatsApp an sie versendet. Darin stand, dass wir unendlich dankbar sind, Jaël beim ersten Schneefall kennengelernt zu haben, und unendlich traurig, dass wir sie wieder loslassen mussten. So haben wir unsere Familien informiert. Und während diesen Tagen hatten wir auch spezialisiertes Pflegepersonal an unserer Seite, die unseren ersten Schock aufgefangen haben und uns durch diese Stunden begleitet haben.
Wann hast du dann Jaël zum ersten Mal wieder gesehen?
Am Morgen nach dem Tod von Jaël hat man uns informiert, dass es in der Kinderklinik ein Sternenkind-Zimmer gibt, wo wir Jaël jederzeit besuchen konnten. Sobald ich die Freigabe hatte, haben wir uns mit dem Rollstuhl auf den Weg zu ihr gemacht. Das Zimmer war wirklich liebevoll gestaltet, Kerzen waren angezündet und es lief leise Musik. Sie lag in einem kleinen Bett und sah aus, als ob sie schlafen würde. Sie hatte einen schönen Body und eine hübsche Mütze an. Wir haben sie angeschaut, wir durften sie berühren. Sie ist einfach dort gelegen. Ich musste lachen, weil ich gegen die Schmerzen ein starkes Schmerzmittel erhalten hatte, das mich schon auf dem Weg hat farbige Punkte fliegen sehen lassen. Ich habe zu ihr gesagt: Jetzt kommt dich deine Mutter besuchen und sie ist ein wenig berauscht. Mir war sehr bewusst, dass ich nicht ganz klar bei Sinnen bin.
Okay. **Franziska: **Wir sassen einfach neben ihrem Bett und haben sie angeschaut. Der Vater von Jaël hat dann auf dem Tisch ein Buch entdeckt, in das Betroffene und Angehörige ihre Gedanken hineinschreiben konnten. Er hat begonnen, den Baum, welchen wir im Kinderzimmer an die Wand gemalt hatten, hineinzuzeichnen. Und wir beide haben dann je einen schönen Text dazu geschrieben, das hat sehr gut getan. Parallel dazu war Jaël mit uns im Raum dabei. Wenn es für uns genug war, konnten wir den Raum verlassen. Wir durften das zwei-, dreimal am Tag machen. Im Verlauf des ersten und zweiten Tages hatten wir immer Menschen um uns herum. Auch die Ärztinnen und Ärzte sind persönlich zum Kondolieren vorbeigekommen, das habe ich sehr geschätzt. Meine Schwester hat uns ebenfalls besucht und durfte Jaël kennenlernen. Das Pflegepersonal war sehr erstaunt sie hier zu sehen. Und als sie die Verbindung von ihrer Geschichte zu meiner machten, hatte sie das doch sehr mitgenommen. Solche Geschichten machen emotional auch etwas mit den Pflegekräften; wenn zwei Schwestern kurz nacheinander zu Sternenkindmüttern werden. Mein Schwager kam ebenfalls vorbei. Er brachte Chai-Tee mit und wir haben neben Jaël das warme Getränk genossen, geplaudert und geweint. Es war sehr stimmig und schön, die Zeit zu haben, sich zu verabschieden. Und ich habe Jaël natürlich mit Stolz gezeigt, denn für mich war sie das schönste Baby. Mein Vater und mein Bruder haben Jaël nicht kennengelernt - vielleicht war der Schmerz für sie einfach zu gross. Wir wussten, dass wir definitiv Abschied nehmen mussten, denn der Körper verändert sich nach dem Tod. An den ersten Tagen war sie sehr frisch, danach wirkte die Haut von Tag zu Tag eingefallener. Meine Mutter kam am letzten Tag ebenfalls zu Besuch, um ihre Enkelin zu sehen und auch, um mir beizustehen. Sie liess uns noch einen Moment mit Jaël alleine im Zimmer, da es unser endgültiger Abschied von ihr war. Danach war sie nicht mehr "greifbar", sondern unsichtbar. Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich schmerzlich geweint habe, als ich aus dem Zimmer kam und es ihr fast das Herz gebrochen hat, mich so zu sehen. Zudem hatte sie auch Angst um mich und meinen Gesundheitszustand, und natürlich hatte sie auch ihre Enkelin verloren. Die Mutter von Jaëls Papa war zu dieser Zeit leider im Ausland und konnte ihm nur aus der Ferne beistehen und mittrauern. Während dieser ganzen Zeit hatte ich trotz der Trauer überwiegend ein Gefühl von Dankbarkeit. Dankbar für die Anteilnahme um mich herum, dankbar für das Pflegepersonal und die Ärzte, das uns so gut aufgefangen hat, dankbar für meine Schwangerschaft, dankbar für den Moment, wo ich Jaël halten durfte. Ich wusste, dass es ihr dort, wo sie ist, gut geht. Trotzdem fehlte sie mir und gleichzeitig spürte ich sie ganz nah bei mir. In den Tagen in der Frauenklinik haben wir auch eine Care-Box mit Informationen zum Thema Kindsverlust erhalten. Ich war in Trauer, mein Körper musste sich von der atypischen Lungenentzündung erholen und dann kamen noch organisatorisch Aufgaben auf uns zu. Einerseits kam ein Bestatter vorbei, um zu fragen, wie wir Jaël beerdigen wollen. Wir haben also eine Urne ausgesucht, um sie kremieren zu lassen und uns entschieden, sie anschliessend nach Hause zu nehmen. Dann mussten wir schauen, dass der Vater von Jaël krankgeschrieben wurde, denn mit dem Tod des Kindes erlischt der Vaterschaftsurlaub. In kann mir nur sehr schwer vorstellen, dass in einer solchen Situation ein Mann wirklich fähig ist, direkt wieder zu arbeiten. Gegen Ende des Klinikaufenthaltes habe ich mich alleine aus dem Zimmer gewagt, als der Vater von Jaël kurz zu Hause war. Ich bin mit dem Tropf an der Hand raus auf den Korridor spaziert. Mir kam eine Mutter mit einem dieser typischen Neugeborenen-Wagen mit Baby drin entgegen. Da habe ich realisiert, dass ich auf der Neugeborenen-Station bin. Mir hat es das Herz zerrissen bei diesem Anblick. Ich bin dann in den nächsten freien Raum geflüchtet und habe aus tiefstem Herzen geweint. Dieser Anblick war richtig schlimm für mich, wo ich doch einfach nur meine Tochter halten möchte und sie ist verdammt nochmal tot. Ich werde das nie haben, was diese Mutter hat. Dort habe ich realisiert, dass mir künftig noch viele solche Begegnungen bevorstehen werden und dass das meine neue Normalität ist. In diesem Moment hat sich bei mir mein Motto manifestiert: "Der Weg hinaus führt hindurch". Ich muss mich mit schmerzhaften Situationen konfrontieren, um für mich schnellstmöglich einen Umgang mit dem Schmerz zu finden und handlungsfähig zu sein. Denn das Leben geht weiter, so brutal das klingt. Diese Frau und ihr Kind können nichts dafür, dass wir unsere Tochter verloren haben. Gar nichts. Sie sollen ihr Glück und ihre Liebe geniessen, so wie ich es auch kurz durfte. Also muss ich lernen, damit umzugehen. Das war ein extrem prägender Moment für mich, indem parallel zur Trauer etwas Kämpferisches in mir erwacht ist.
Noch eine Frage. Du hast gesagt, sie ist kremiert worden. Da wart ihr nicht dabei?
Nein. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir diese Option angeboten bekommen hätten. Diese Tage im Spital waren sehr surreal und rückblickend sehr nebulös. Wir waren in diesem Trauerfilm, darum kann ich heute schwer sagen, ob wir auch einen Sarg hätten aussuchen können oder nur die Option mit der Urne hatten. Was für uns klar war, ist, dass wir keine Beerdigung im klassischen Sinne wollten.
Und dann ist sie kremiert worden, und ihr habt die Urne bekommen?
Die Urne haben wir einige Tage später abgeholt, als wir schon wieder zu Hause waren. Der Vater von Jaël und ich sind zusammen ins Bestattungsinstitut gegangen, das direkt neben dem Inselspital liegt. Der Bestatter hatte irgendwie auch nicht gewusst, was er sagen soll. Es war eine komische Situation. Ich hätte mir gewünscht, dass er ein paar schöne Worte sagt oder fragt, wie es uns geht. Nicht einfach: Die Kremierung von Babys ist kostenlos, da ist die Urne, alles Gute. Das war irgendwie sehr schräg. Und dann haben wir Jaël statt im Autokindersitz auf meinen Knien in der Urne nach Hause geholt. Apropos nach Hause gehen. Die etwa fünf Tage in der Frauenklinik vergingen gefühlt sehr schnell und es kam der Moment, in dem ich entlassen wurde. Der Vater von Jaël holte das Auto, denn ich war noch nicht so flink auf den Beinen wegen der Kaiserschnittnarbe. Ich sass mit meinem Koffer und einem Blumenstrauss in der Hand in der Lobby und schaute zu, wie andere Eltern ihre Kinder nach Hause nahmen. Und ich sitze hier mit einem Blumenstrauss. Es hatte schon fast etwas Komödiantisches.
Mit der Trauer Leben
Wie war es, wieder in der Wohnung anzukommen?
Wir sind Anfang Dezember 2021 nach Hause gekommen, in eine leere Wohnung, die eigentlich für ein Kind vorbereitet war. Der Stubenwagen stand im Wohnzimmer, das Kinderzimmer war bereit, die Kleidung war gewaschen und in der Kommode bereit. Wir sind reingekommen, und als ich beim Anblick des Stubenwagens in Tränen ausgebrochen bin, hat der Vater von Jaël als Erstes, im gemeinsamen Einverständnis, den Stubenwagen in den Keller gestellt. Danach sind wir gemeinsam ins Kinderzimmer in der zweiten Etage gegangen. Wir haben uns auf den Boden gesetzt und unsere schön bemalte Wand angeschaut, welche eine Eulenfamilie zeigte. Das Kinderzimmer wirkte still und leer. Im Wohnzimmer haben wir einen Ort eingerichtet mit einem Foto von ihr, Kerzen, Blumen und der Mütze, welche sie anhatte. Eine Art kleiner Altar, der dann auch mit der Urne ergänzt wurde. Danach waren wir lange Zeit selten einen Tag alleine, denn Familien, Freunde und Nachbarn kamen auf Besuch. Von einer Nachbarin haben wir ein Essenspaket erhalten, damit wir nicht einkaufen und kochen mussten. Wir konnten fast eine Woche davon essen. Das war unglaublich wertvoll und hilfreich in dieser Situation. Andere Nachbarn haben Kerzen und Blumen gebracht. Eine Nachbarin hat mir bunte Socken geschenkt. Als Zeichen, dass der Lebensweg, trotz all der Traurigkeit, auch ein bisschen farbig bleiben darf. Ich trage bis heute nur noch bunte Socken. Mein Vater und Bruder haben mich dann auch besucht. Meine Schwester und mein Schwager kamen ebenfalls mit meinem Neffen vorbei. Sie hatten einen kurzen Moment ein schlechtes Gewissen ihn mitzunehmen. Doch mein Neffe kann nichts dafür, dass ich Jaël verloren habe, er gehört zur Familie. Und er hat sich während der Schwangerschaft so sehr auf unser Ameisli gefreut, und oft an meinem Bauch gelauscht und ihn gestreichelt. Mein Neffe mit seinen zwei Jahren ging sehr natürlich damit um. Er wusste, dass ich traurig bin, weil Jaël jetzt im Himmel auf den Wolken statt bei uns ist. Er hat sich mein Plüschtier Tiger geschnappt und hat Jaël alles gezeigt, als würden sie miteinander reden. Auch danach fragte er regelmässig nach ihr und zog sie bei unseren Ausflügen mit ein. Die Mutter von Jaëls Vater kam uns nach ihrer Rückkehr aus dem Ausland ebenfalls besuchen. Wir hatten ihr bewusst nicht gesagt, dass wir an ihrem Abflugtag in die Frauenklinik mussten. Wir haben ehrlich gesagt auch nicht mit diesem Verlauf gerechnet. Das hat sie meines Wissens im Nachhinein sehr belastet, dass sie nicht da sein konnte, als das passiert ist, und dass sie Jaël nicht mehr besuchen konnte. Heute würden wir das anders machen und ihr die Entscheidung überlassen. Bei all diesen Besuchen hatte ich auch manchmal das Gefühl, die Besuchenden trösten zu müssen. Zwischendurch bin ich fast wütend geworden. Ich habe gedacht: Hey, ich bin diejenige, die trauert. Ich habe mein Kind verloren. Und du weinst und ich beruhige dich und sage dir, dass das Leben irgendwie weitergeht und dass es Jaël dort, wo sie ist, gut geht. Viele waren einfach sehr hilflos und überfordert mit dieser Situation. Und ehrlich gesagt habe ich mir damals keine Gedanken gemacht, was meine Geschichte mit ihnen macht. Ich war zu fest mit mir selbst beschäftigt.
Musste der Vater von Jaël danach schon wieder arbeiten?
Nein. Dank meiner Therapeutin war er weiterhin krankgeschrieben. Er hatte eine sehr kulante Arbeitgeberin. Obwohl er erst im Herbst eine neue Stelle angefangen hatte, waren sie sehr menschlich und verständnisvoll. Er selbst hatte aber nach etwa sechs Wochen plötzlich einen starken Drang wieder arbeiten zu gehen. Vermutlich aus Schuldgefühlen gegenüber der neuen Arbeitgeberin und auch als Ablenkung. Denn so gemeinsam plötzlich 24/7 zusammen in Trauer zu sein, war auch nicht einfach. Rückblickend, hat er mir gesagt, hat er wohl zu schnell wieder angefangen zu arbeiten und dass es besser gewesen wäre, mit einem kleinen Teilzeitpensum langsam zu starten und dieses zu steigern.
Wie hat dein Arbeitgeber reagiert? Mein Arbeitgeber hat mir eine Karte gesendet mit persönlichen Worten. Dazu beigelegt waren auch die Formulare für den Mutterschaftsurlaub. Geplant wären sechs Monate gewesen. Doch mit der aktuellen Situation stellte sich die Frage, ob ich das wirklich brauchte. Ich entschied mich, nach dem regulären Mutterschaftsurlaub wieder arbeiten zu gehen. Ich habe, in Rücksprache mit meiner Therapeutin, mit einem niedrigen Teilzeitpensum gestartet und dieses über drei Monate langsam gesteigert. In den ersten zwei Wochen zu Hause habe ich meine Therapie wieder aufgenommen und auf Anraten meiner Therapeutin Jaëls Vater zur ersten Sitzung nach ihrem Tod mitgenommen. Im Nachhinein ein grosser Fehler - er hätte selbst einen Therapeuten haben müssen. Menschlich hat es zwischen ihnen nicht gepasst. Zudem hat er nicht verstanden, dass sie kurz mit mir zusammen geweint hat, als wir uns wiedergesehen haben. Das war für ihn komisch, dass Therapeuten Emotionen zeigen. Für mich war das stimmig, denn sie hat mich und Jaël während der Schwangerschaft begleitet und unterstützt. Kurz darauf standen schon die Weihnachtstage an. Meine ganze Familie war versammelt; meine Eltern, Geschwister mit ihren Partnern und dann meine beiden Neffen. Doch Jaël fehlte. Wir haben nichtsdestotrotz lecker gegessen und zusammen Weihnachtslieder vor dem Baum gesungen. Beim Anblick meiner beiden Neffen beim Geschenke Aufreissen, schmerzte mein Herz. Wie schön wäre es jetzt, Jaël mit ihren beiden Cousins zu sehen. Das wird nicht eintreffen, sie wird unsichtbar bleiben. Wir haben auch als Familie geweint und um unsere beiden Sternenmädchen getrauert.
Und wie ging es dann weiter im neuen Jahr?
Ich hatte auch anfangs Jahr das Gefühl, wie in einem Film zu sein. Wir kamen irgendwie langsam in einer neuen Realität an. Es gab ein Davor und Danach. Am Anfang hatten wir sehr viel Besuch, sehr viel Anteilnahme. Unzählige Kerzen, Blumen, Karten. Und irgendwann wurde es dann wieder ruhiger. Der Vater von Jaël nahm seine Arbeit wieder auf und ich erholte mich weiterhin körperlich. Meine Hebamme kam regelmässig zu Besuch, um nach mir zu schauen. In einem Gespräch fragte sie mich: Schreibst du auch ein Geburtskärtchen für Jaël? Ich habe sie angeschaut und gesagt: Wieso soll ich ein Geburtskärtchen schreiben - sie ist tot. Und sie hat gesagt, sie wolle mir einfach den Gedanken mitgeben. Manchmal sei es schön, den Menschen mit etwas Konkretem für ihre Anteilnahme zu danken. Meine Mutter erzählte mir später, dass sie mich dasselbe in der Frauenklinik gefragt hatte und ich mit völligem Unverständnis darauf reagiert habe. Ich fand auch damals den Gedanken völlig skurril. Aber der Gedanke wurde platziert, und ich habe ihn wirken lassen. Und dann habe ich gemerkt, dass meine Hebamme und meine Mutter Recht haben. Wie sage ich all diesen Leuten danke? So habe ich angefangen, eine Gedenkkarte zu gestalten. Das war ein sehr schöner, heilsamer Prozess mit vielen Tränen. Parallel dazu hatte ich plötzlich ein Bedürfnis zu malen. Ich bin überhaupt nicht künstlerisch kreativ. Der Papa von Jaël hat mich nur angeschaut und gesagt: Du hast ein Bedürfnis zu malen? Okay. Wir gingen in den Baumarkt, in dem Wissen, dass wir die Materialien vermutlich nur kurz brauchen würden. Aber ich habe dann im Kinderzimmer Bilder gemalt. Ein Bild zeigt einen Stern mit einem Herzensfaden. So fühlte ich mich verbunden mit meiner Tochter. Ich ging weiterhin in Psychotherapie. Ich habe alternative Therapieformen ausprobiert und von jeder Therapie das mitgenommen, was mir gutgetan hat. Das darüber sprechen hat meine Gedanken sortiert und mich entlastet. Dann bin ich in eine Aktionitis verfallen. Mein Motto war: Der Weg hinaus führt hindurch. Ich habe mich mit allen unangenehmen Situationen konfrontiert, die es gab. Ich habe den Kinderarzt angerufen und Jaël im Patientenstamm wieder abgemeldet. Es war emotional schwierig mitzuteilen, dass sie tot ist. Ich habe die Geburts- und Sterbeurkunde abgeholt. Irgendwie war das für mich wichtig zu lesen, dass sie existiert hat. Ich bin zum ersten Mal wieder einkaufen gegangen und die erste Frage war: Und, was hat es gegeben? Mädchen oder Junge? Ich bin sofort in Tränen ausgebrochen. Danach habe ich mich an meine Standardsätze erinnert, die ich zu Hause vor dem Spiegel geübt hatte. Ich habe gesagt: Ich bin Mami von einer Tochter. Sie durfte nur acht Stunden leben und ist jetzt im Himmel. Meistens war dann erst einmal Ruhe. Je nachdem, wie nahe mir die Person war, habe ich mehr erzählt oder weniger. Manchmal habe ich einfach gesagt: Gell, das ist Mist. Und dann war da plötzlich das Eis gebrochen, um darüber zu sprechen. Einige haben gefragt, was passiert ist. Andere haben sofort abgelenkt und gesagt: Ja, meine Kollegin hat auch ein Kind verloren. Dieses Abwerten oder Normalisieren meines Verlustes hat mir damals nicht geholfen. Doch ich wusste aus dem Studium, dass dies eine natürliche Reaktion ist. Die unangebrachteste Reaktion hatte ich von einem älteren Ehepaar, das mich vom Sehen her kannte. Sie sagten: Ach, Sie sind noch jung, sie können ja nochmal ein Kind bekommen. Ich habe sie angeschaut und gedacht: Ich will kein anderes Kind. Ich will meine Tochter. Rein sachlich hatten sie recht - ich bin jung. Aber hallo?… Ich habe dann angefangen, ein Erinnerungsalbum zu gestalten, mit all meinen gesammelten Dingen während der Schwangerschaft. So wie meine Hebamme es empfohlen hatte. Das alles ist während der Mutterschaftszeit passiert, in der Phase zwischen Trauer, Therapien und dem langsamen Zurückfinden in den Alltag. Bevor ich dann im Frühling 2022 wieder zu arbeiten begonnen habe. Ich habe gemerkt, dass alle ersten Male herausfordernd waren. Mir war es extrem wichtig, schnell wieder handlungsfähig zu werden, Selbstvertrauen aufzubauen und mich nicht hilflos zu fühlen. Ein erstes Mal war zum Beispiel, wieder Freunde zu treffen. Manchmal war mir gar nicht danach.
Wenn euch nicht danach ist, sagt ab, ohne euch zu entschuldigen. Wenn ihr vor der Tür steht und merkt, es geht nicht, dreht um. Seid lieb zu euch selbst. Fragt euch: Was ist mein Bedürfnis, was ist unser Bedürfnis als Paar? Das haben wir uns zu Herzen genommen. Wenn jemand gefragt hat, ob er auf Besuch kommen darf, haben wir geschaut: Ja oder nein. Dann kam der erste Geburtstag vom Vater von Jaël, ohne Jaël. Danach wurde es zwischen ihm und mir immer schwieriger. Ich habe meine Emotionen immer mehr dosiert. Ich habe sie gezeigt bei Freunden, bei meiner Therapeutin, in all meinen Therapien. Aber immer weniger zu Hause in der Paarbeziehung. Parallel zu meinem Aktionismus wurde der Vater von Jaël immer stiller, passiver. Auf der Arbeit wahrte er den Schein, doch zu Hause hatte er Herzschmerzen und richtige Panikattacken. Anfangs Jahr ging er erstmals zum Arzt, weil er fand, dass seine Symptome sicher keinen psychischen Ursprung haben, das müsse organisch sein. Körperlich war alles gut und er hat ein Beruhigungsmittel bekommen, aber keine Psychotherapie. Das machte mich wütend, denn wirklich geholfen hat es nicht. Weil ich Angewandte Psychologie studiert habe und auch Einblick in das Fach Klinische Psychologie erhalten habe, führte ich innerlich eine Checkliste und konnte bei ihm praktisch alle Symptome einer depressiven Episode erkennen. Das wollte er natürlich nicht hören. Und ich war ja auch keine Therapeutin. Ich war eine trauernde Mutter und seine Partnerin. Zu Hause wurde es dadurch immer schwieriger. Im Nachhinein weiss ich nun, dass es so starke Trauerreaktionen gibt, die sich in depressiv ähnlichen Symptomen zeigen können. Der Vater von Jaël hat nicht verstanden, wie ich dankbar sein kann, wie ich positiv sein kann, rausgehen, darüber reden, während er immer mehr in die Dunkelheit abrutsche. Das hat sich für mich wie Selbstmitleid angefühlt. Da sind zwei völlig unterschiedliche Bewältigungsmechanismen aufeinandergeprallt. Für mich war das extrem belastend, für ihn vermutlich auch.
Wie kannst du dankbar sein, deine Tochter ist tot. Und ich dachte: Wie kannst du dich so gehen lassen? Das Leben geht weiter, sehe doch die schönen Seiten. Dazu kam, dass er seine starke Trauerreaktion nicht anerkannt und sich keine Hilfe geholt hat. Ich habe für ihn Arzttermine organisiert, versucht, alles am Laufen zu halten. Ich habe alles Organisatorische alleine geregelt. Ich habe mich sehr allein gelassen gefühlt. So wie er sich vermutlich auch von mir. Wenn unsere zwei Welten zu stark aufeinandergeprallt waren, gab es emotionale Verletzungen. Ich habe mir immer wieder gesagt: Es ist seine starke Trauerreaktion oder damals sprach ich noch von seiner Depression, die aus ihm spricht, nicht er. Das hat mir geholfen, etwas Distanz zu schaffen. Aber dies hat es nicht einfacher für mich gemacht.
Ein Paar trennt sich doch nicht nach so etwas. Man verlässt doch keinen Partner nach einem solchen Schicksalsschlag. Man verlässt doch niemanden, der so stark trauert. Wenn es ihm gut ging, konnten wir nicht darüber reden, wie es für mich war, ihn in den schlechten Momenten zu erleben und was das mit mir macht. Vor allem, wenn er seine Gedanken zum Nachsterben äusserte. Er wollte weg von dieser Erde und zu Jaël. Und wenn es ihm schlecht ging, konnten wir ja auch nicht darüber sprechen. Das war für mich schwierig, mich plötzlich in einer solchen Beziehungsdynamik wiederzufinden und meinen damaligen Partner so zu erleben. Viele meiner Therapiesitzungen drehten sich weniger um meine eigene Trauer als darum, wie ich in der Beziehung mit dieser Unterschiedlichkeit umgehen konnte. Wie schon gesagt, habe ich mir aus verschiedenen Therapieformen Unterstützung geholt. Das war mein Weg, denn für mich war Psychotherapie die Basis. Doch ich brauchte auch andere Zugänge zu mir. Ich habe beispielsweise auch Traditionelle Chinesische Medizin ausprobiert. In einer Sitzung wurde ich durch eine Meditation geleitet. Ich sollte mir vorstellen, ich stehe unten am Fusse eines Berges. Dann wandere ich langsam den Berg hinauf und komme oben auf der Spitze an. Neben mir hat es eine kleine Wolke. Auf dieser Wolke kommt Jaël zu mir und wir sitzen in aller Ruhe gemeinsam dort oben. Auch wenn die Trauerwellen mich überrollen, sitzen wir dort. Es darf sein, was ist. Manchmal haben wir miteinander gesprochen, manchmal haben wir zusammen geschwiegen. Dann haben wir uns wieder verabschiedet, weil wir wussten, wir sehen uns wieder auf diesem Berg. Und dann bin ich wieder hinuntergewandert. Diese Meditation habe ich danach jeden Abend gemacht, bis ich eingeschlafen bin. Jeden Abend habe ich mir auch gesagt, wofür ich dankbar bin. Für die kleinsten Fortschritte, für einen Sonnenstrahl im Gesicht oder für den Besuch an diesem Tag. Das habe ich konsequent gemacht. Diese kleinen Routinen gaben mir Struktur und Stabilität, als innerlich manchmal alles gewankt hatte. Ich habe ebenfalls angefangen, mich mit meiner Kaiserschnittnarbe anzufreunden, denn hübsch war sie nicht. Ich habe sie jeden Abend massiert. Das waren meine zwei Minuten, die ich ganz bewusst für mich und mit Jaël hatte. Die Narbe ist eine Erinnerung an meine Geschichte und ich trage sie mittlerweile mit Stolz und sehe zu, wie sie immer mehr verblasst. Doch weg sein wird sie nie, und dass darf auch so sein. Ich habe mich natürlich auch um die Rückbildung nach der Geburt gekümmert. Für mich war klar, dass ich sicher nicht in einen normalen Kurs mit anderen Müttern gehe. Mein Motto war ja schon "Der Weg hinaus führt hindurch", doch diesen Schmerz habe ich mir erspart. Ich konnte die Rückbildung individuell machen und habe nach der Schwangerschaft und Geburt wieder ein ganzheitliches Körpergefühl gelernt. Das tat gut. Mit meinen engsten Freundinnen habe ich auch viel gesprochen. Sie haben nicht aufgehört regelmässig anzurufen, auch wenn ich das Telefon nicht abgenommen habe. Wir haben vereinbart: Wenn ich mag, nehme ich ab, und wenn nicht, dann nicht. Aber sie sollen bitte nicht aufhören. Und das haben sie gemacht. So konnte ich immer wieder ein bisschen darüber reden, manchmal auch über ganz Alltägliches. Eine Kollegin hat plötzlich aufgehört von ihren Kindern zu erzählen. Als mir das aufgefallen ist, habe ich gesagt: Das ist dein Alltag, du hast zwei Kinder, erzähl mir von ihnen. Du musst mich nicht in Watte packen. Ich bin eine erwachsene Frau. Wenn ich nicht zuhören mag, habe ich einen Mund und kann Stopp sagen. So habe ich durch andere auch wieder eine gewisse Normalität aus dem Alltag mitbekommen. Wir konnten uns treffen wie früher, zum Abendessen, zum Telefonieren. Beim Papa von Jaël hingegen hat das Nachfragen seiner Kollegen und Freunde sehr schnell aufgehört. Auch wenn wir zusammen unterwegs waren, wurde ich gefragt: Wie geht es dir? Und nicht er: Wie geht es dir mit dem Verlust? Das hat mich manchmal wütend gemacht. Manchmal war ich nicht besonders nett und habe gesagt: Frag doch mal den Papa, wie es ihm geht. Das fand ich nicht ganz fair. Dass das Nachfragen sich verändert, war mir bewusst, denn das Leben von allen anderen geht auch weiter. Und es muss auch weitergehen. Es ist wie ein Scheinwerfer, der in den ersten Monaten voll auf dem Verlust war und irgendwann wieder andere Themen beleuchtet. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste immer nur mit dem Thema Kindsverlust leben, das wäre für mich schwierig. Ich habe dem Wandel vertraut. Auch wenn es sich im ersten Moment so angefühlt hatte, als ob das Leben nie mehr weitergeht, arbeitet die Veränderung leise im Hintergrund. Nichts bleibt wie es ist und das ist in meiner Geschichte auch gut so. Es gibt Momente, wie dieses Gespräch heute oder den Jahrestag, da ist der Scheinwerfer wieder voll auf Jaël. Und danach geht auch für mich der Alltag wieder weiter. Die Trauerwellen kommen sowieso, wenn sie wollen. Nun in immer grösseren Abständen. Doch die Trauer hat immer einen Fuss in der Tür und zeigt sich oft dann, wenn ich es nicht erwarte. Ich habe die Trauer jedoch nie aktiv herbeigerufen. Ich habe immer darauf reagiert. Wenn sie gekommen ist, habe ich gesagt: Hallo, schön bist du da. Und irgendwann habe ich gemerkt: So, jetzt darfst du wieder gehen. Ich weiss ja, du kommst wieder. Ich wollte Normalität. Eine neue Normalität. Das war für mich wichtig. Natürlich gibt es Ereignisse, wie beispielsweise der Muttertag. Der erste Muttertag ohne Jaël war besonders, vor allem da mein Neffe und Göttibub an diesem Tag getauft wurde. Die Kirche war gefüllt mit Kindern und Kinderlachen. Die Schwester meiner Schwägerin war auch da und ebenfalls frisch gebackene Mutter. So wusste ich, wie es hätte sein können mit Jaël. Das war eine schwierige Situation. Wir waren an einem schönen Fest und wir standen ohne Jaël in Trauer da.
Darf ich fragen, was genau schwierig war? War es, dass Jaël jetzt nicht auch Teil von diesem Haufen Kinder ist? Oder dass ihr dort sitzt, auf einer Bank, einfach unter Eltern, ohne Jaël?
Sie fehlte einfach. Sie sollte doch jetzt auch bei diesen Kindern sein. Und dann kam eine Wehmut hinzu. Wie würde sie wohl aussehen? Ich wäre doch auch gerne Mutter von einem sichtbaren Kind gewesen.
Und das tut dir weh?
Ja, das tat mir damals sehr weh. Und dann war ich wütend auf mich selbst, dass es mir weh tut. Weil ich ja dankbar bin für alles, was ich erlebt habe. Andere Frauen können vielleicht nie schwanger werden. Ich durfte schwanger sein. Ich durfte ein Kind in den Armen halten. Ich war oft frustriert über meine eigenen Emotionen, weil ich dachte: Ich habe doch ein gutes Leben, mir geht es gut.
Aber trotzdem hast du ein Kind verloren.
Ja, ich habe mein Kind verloren. Und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, Jaël würde nicht wollen, dass ich traurig bin. Sie würde wollen, dass ich die schönen Momente des Lebens geniesse, dass mein Leben weitergeht. So wie ich Jaël umsorgt und beschützt habe, wollte sie das auch für mich. Ich habe mir vorgestellt, sie sagt: Mami, ich bin da für dich. Ich bin nicht weg. Du darfst glücklich sein. Ich habe mir sehr schnell bewusst erlaubt, wieder glücklich zu sein. Das war eine Entscheidung. Ich habe das Gefühl, dass die Gesellschaft teilweise erwartet, dass man jetzt einfach traurig ist. Und man erwartet es auch von sich selbst. Ich habe den Verlust, mein Kind ist tot. Und wenn ich dann zwischendurch Freude empfunden habe, auch nur kurz, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Doch das hat mir nicht gutgetan. Also habe ich mir bewusst erlaubt, Freude zu empfinden. Auch wenn ich die Kinder dort in der Kirche angeschaut habe, habe ich gedacht: Das ist doch eigentlich ein wunderschönes Bild.
Als solches, ja.
Als solches.
Aber aus deiner Perspektive heraus?
Ich hatte wie zwei Perspektiven. Einerseits war es ein schönes Bild. Ich habe mich gefreut für die Eltern in diesem Raum, deren Kinder lachen. Und andererseits hat mir meine Tochter gefehlt, welche ich nie werde aufwachsen sehen. Diese Wehmut, dieser Schmerz. Es ist eine Dualität, die ich in ganz vielen Situationen erlebt habe. Freude und Schmerz. Parallel. Gleichzeitig. Ich habe gerade zu Beginn des Verlustes meine Emotionen dosiert und sie nur punktuell rausgelassen, weil ich es sonst emotional nicht geschafft hätte. Wenn man den Papa von Jaël fragen würde, würde er es wahrscheinlich anders beschreiben. Er würde sagen: Ich habe dich gar nicht mehr weinen sehen. Du warst ja gar nicht traurig. Du wolltest einfach, dass das Leben weitergeht. Ja, ich wollte, dass mein Leben weitergeht. Für mich war die Traurigkeit kein Dauerzustand, den ich haben wollte, sofern es auch anders geht. Meine Hebamme hat mir dazu etwas sehr Wertvolles gesagt, als ich diese Thematik bei ihr angesprochen habe. Sie hat gesagt, Trauer sei wie die Fahrt auf einer Autobahn. Man ist als Paar auf derselben Strecke, aber der eine fährt manchmal mit 80 Stundenkilometern, der andere mit 100. Manchmal holt man sich wieder ein, manchmal gibt es Abzweiger. Aber bei der nächsten Auffahrt kommt man wieder zusammen. Wichtig sei, dass man auf derselben Autobahn bleibt, ungefähr im gleichen Abschnitt.
Und wart ihr das?
Also ehrlich gesagt irgendwann nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, ich sei bereits gefühlt in München angekommen und der Vater von Jaël war noch in Zürich. Diese Distanz und der unterschiedliche Umgang haben das gemeinsame Trauern sehr herausfordernd gemacht. Irgendwann im Frühling 2022, habe ich nach dem Mutterschaftsurlaub wieder angefangen zu arbeiten. Also Urlaub war das ja nicht, ich hatte viele Therapietermine und trauern kostet Kraft. Den letzten Arbeitstag vor dem Mutterschaftsurlaub bin ich sehr bewusst gegangen, und den ersten Arbeitstag danach auch. Ich habe schon an der Bushaltestelle vor lauter Überforderung geweint. Ich wusste ja, was mir bevorstand. Wenn ich das Büro betrete, gibt es Mitarbeitende, die nicht wissen, dass ich mein Kind verloren habe. Ich wusste, ich wurde, ohne darum zu bitten, einmal mehr mit meinem Schmerz konfrontiert. Im Alltag konnte ich dem ausweichen, wenn ich wollte. Aber hier nicht. Ich wusste auch, dass ich diese Situation meistern werde und dann wieder einen Meilenstein geschafft hatte. Ich war sehr dankbar, dass mich mein guter Arbeitskollege im Büro empfangen und mich herzlich umarmt hat. Das gab mir Sicherheit und Ruhe. Ich musste mich bei ihm nicht erklären, da er mich auch schwanger kannte und wir uns damals schon viel über meine Situation ausgetauscht hatten. Was ich damals noch nicht wusste, ist, dass mein Arbeitskollege später mein heutiger Herzensmensch werden würde. Es dauerte im Büro nicht lange, bis ich mit meiner neuen Realität konfrontiert wurde: Schön bist du wieder da, und was hat es gegeben? Da konnte ich wieder auf meine Standardsätze zurückgreifen. Das hat mir Sicherheit verliehen. Trotzdem war ich am Mittag schon völlig erschöpft. Ich habe mit einem tiefen Arbeitspensum begonnen und dann über knapp drei Monate langsam gesteigert. Was ich dort sehr klar kennengelernt habe: Trauern macht müde. Trauern braucht Hirnkapazität. Ich wollte leisten, aber ich war nicht leistungsfähig. Das hat mich wahnsinnig frustriert, weil ich wusste, was ich könnte, aber ich konnte die Leistung nicht abrufen. Ich ging gegenüber meiner vorgesetzten Person sehr offen damit um und signalisierte, wenn ich einen emotional schwierigen Tag hatte. Nicht, weil ich etwas von ihnen erwartet habe, sondern, weil es mir Sicherheit gegeben hat. Wenn die Trauer kommt, hat sie Raum. Das habe ich auch bei Freunden und in der Familie gemacht. Überall. Das mache ich heute noch. So muss ich keine Energie darauf verschwenden, die Tränen zurückzuhalten, falls sie kommen. Es hat Monate gebraucht, bis mein Gehirn beim Arbeiten wieder richtig leistungsfähig war. Danach bin ich wieder zurück im Arbeitsalltag angekommen. Eine neue Normalität war wieder da. Irgendwann kam der erste Sommer. Ich bin an Sommerfeste gegangen und habe den Vater von Jaël als meinen Partner eingeladen, mitzukommen, weil ich wieder eine gewisse Normalität wollte. An einem Stadtfest in Bern hatte es gefühlt überall schwangere Frauen und Mütter mit Kinderwagen. Ich konnte das mit einem Lächeln anschauen, weil ich mich für diese Frauen gefreut habe und gesehen habe; was für ein Geschenk, ein gesundes Kind zu haben. Immer im Bewusstsein, dass das nichts an meinem Verlust ändert. Der Papa von Jaël hingegen hat das emotional sehr belastet. Seine Tochter war tot und alle anderen sollten dieses Glück auch nicht haben. Ich nehme an, diese Bilder zu sehen, hat ihn immer an seinen Schmerz erinnert. Rückblickend war es vermutlich nicht optimal, ihn mit solchen Situationen zu konfrontieren. Doch ich wusste mir nicht besser zu helfen. Ich wollte, dass unsere Paarbeziehung irgendwie wieder funktioniert. Ich wollte, dass wir wieder ein Paar waren wie früher. Eine Leichtigkeit und das Leben spüren. Später hat er mir gesagt, dass er in mir oft Jaël gesehen hat und ich ihn nonstop an den Verlust erinnert habe. Er wusste rational, dass ich nichts dafürkonnte. Doch für ihn war das sehr schwierig, nach diesem Ereignis mit mir eine normale Paarbeziehung zu führen. Im Spätsommer sah ich auf der Homepage vom Verein Kindsverlust, dass ein Seminar angeboten wird, wenn Betroffene anderen Betroffenen helfen wollen. Ich habe mich angemeldet. Ich wollte irgendwie, dass ich anderen Betroffenen mit meiner Geschichte Mut machen konnte. Denn, beispielsweise Selbsthilfegruppen, waren für mich nicht das Richtige. Dieser Seminartag war intensiv. Ich war zum ersten Mal mit anderen Betroffenen konfrontiert. Deren Geschichten zu hören, war schmerzvoll. Ich habe jedoch in Gesprächen auch festgestellt, dass ich für mich auf einem guten Weg bin, mit meinem Umgang mit der Trauer und dem Verlust. Dass es einfach Zeit braucht und jeder seinen eigenen Fahrplan hat. Die grösste Erkenntnis für mich war jedoch, dass, wenn ich anderen Betroffenen helfen möchte, mein eigener Schmerz sehr gut verarbeitet sein muss. Und ich wusste, dass die Wunde irgendwann verheilen wird, doch die Narbe bleibt. In diesem Seminar hatten wir auch eine angeleitete Meditation, in der wir im Gespräch mit dem eigenen Kind waren. Ich habe mir wieder vorgestellt, dass ich zu Jaël auf unseren Berg wandere und sie oben treffe. In den Meditationen davor hatte sich die Gestalt von Jaël für mich auch schon verändert; vom Baby zu einer jungen Frau. Ich habe mich immer erfreut, ihrem Wachstum zuzusehen. Die Zeit vergeht und ihr geht es gut, dort wo sie ist. Normalerweise waren wir auf dem Berg immer mit einem sichtbaren Herzensfaden verbunden. Doch bei dieser Meditation hat der Faden gefehlt, als ich auf dem Berg ankam. Ich bekam kurz grosse Angst, da ich Jaël nicht gesehen habe. Ich dachte sie war weg. Fragte mich, wo sie war. Doch auf einmal kommt sie auf mich zugeflogen, schwirrte um mich herum und hüpfte auf den Wolken. Ich war erleichtert, sie war da. An unserem Platz, hoch oben auf dem Berg, über den Wolken.
Mami, auch ohne diesen Faden sind wir verbunden. Du musst mich nicht festhalten. Ich komme immer wieder, wenn du mich rufst. Vielleicht nicht sofort, weil ich gerade beschäftigt bin. Aber ich komme. Ich bin da. Das hat mir damals nochmals eine grosse Sicherheit gegeben, mein Leben wieder richtig zu leben. Freude zu empfinden und nach vorne zu schauen. Loslassen ist vielleicht das falsche Wort. Aber einen Umgang für mich mit dem Verlust und der Trauer im Alltag zu finden, der nur für mich stimmen muss. Für manche klingt das vielleicht spirituell. Aber mir hilft es. Auch heute rede ich viel mit ihr. Sie ist in meinen Gedanken dabei, manchmal präsenter und manchmal weiter weg. Auch heute, vier Jahre später, sage ich meinem Herzensmensch oder Freunden manchmal noch: Schau, das hätte Jaël gefallen. Dies passiert mit einer solchen Natürlichkeit und ohne negative Gefühle. Anfangs Oktober, also etwa 10 Monate nach Jaëls Tod, war die Beziehung mit meinem damaligen Partner so richtig in Schieflage und hat zur schlussendlichen Trennung geführt. Wir sind als Paar gescheitert. Und das so kurz nach einem solchen Schicksalsschlag. Das zu akzeptieren und zu gehen, war schwierig. Vor allem, da die Trauerreaktionen von Jaëls Vater mit Panikattacken und dem Wunsch nach Nachsterben sehr akut und fast täglich präsent waren. Doch ich musste mich und meine psychische Gesundheit an die erste Stelle stellen. Ich bin innerhalb von zwei Wochen ausgezogen und habe eine tolle Wohnung, nur 15 Fussminuten von ihm entfernt, gefunden. Es war mir wichtig, nicht zu weit weg von meinem gewohnten Umfeld zu sein. Ich habe den gemeinsam geplanten Mexikourlaub über den Jahrestag vorverschoben, damit ich alleine reisen kann und zum Jahrestag wieder zu Hause bin. Der Vater von Jaël war mir trotz Trennung wichtig, ich habe mich um ihn gesorgt. Er ist die einzige Person, mit der ich so viele Erinnerungen an Jaël teile. Mein eigener Vater hat mal gesagt: Er ist der Vater deiner Tochter. Das wird er immer bleiben. Er gehört damit zu unserer Familiengeschichte. Er wird, wie Jaël, immer Teil unserer Familie ein. Und das handhaben wir bis heute so. Auch meine Eltern pflegen den Kontakt zu ihm, was wunderbar für uns alle ist. Wir fühlten auch nach der Trennung eine grosse Verbundenheit, die bis heute anhält. Wir gingen dann vor meinen Mexikoferien gemeinsam zum Sternenkind-Gottesdienst in der Heiligengeist Kirche in Bern. Wir sind Eltern. Eine Einheit, einfach kein Paar mehr. Damals hat sich der Besuch dieses wunderbar gestalteten Gottesdienstes richtig angefühlt. Das Jahr danach auch noch. Doch aktuell haben wir kein Bedürfnis mehr. Das zeigt auch sehr schön, dass Bedürfnisse und Trauer wandelbar sind und leise passieren.
Und du, bist du tatsächlich allein in den geplanten Paarurlaub nach Mexiko geflogen? **Franziska: **Ja, ich habe diese Auszeit gebraucht, um endlich zur Ruhe zu kommen. Zu verarbeiten, dass wir als Paar gescheitert sind. Um endlich nur für mich trauern zu können, ohne zu Hause Rücksicht zu nehmen. Ich hatte das starke Bedürfnis zu schreiben, meine Gedanken zu sortieren und mein Gehirn zu entlasten. So fing ich in Mexiko an Tagebuch zu schreiben. Ich habe reflektiert über die Beziehung mit Jaëls Papa, darüber, was der Verlust mit uns gemacht hatte. Über meine Wut, die ich auf sein Verhalten hatte, weil seine Trauerreaktion so stark war, dass ich vieles im Alltag abgefangen hatte und dabei selbst auch getrauert hatte. Und ich fühlte starke Wut und Traurigkeit, weil ich mir in diesen Momenten einen starken Mann an der Seite gewünscht hätte, bei welchem ich mich fallen lassen könnte und aufgefangen würde. Ich fühlte mich alleingelassen. Ich wurde nicht mehr als Frau gesehen. Mein Umgang mit der Trauer wurde nicht verstanden. Und ich war wütend, dass er sich keine Hilfe geholt hatte. Wobei das nicht ganz korrekt war. Er ging in eine ganzheitliche Körper- und Energiearbeit (Polarity), das hat ihm damals gutgetan. Sein Bewältigungsmechanismus war ganz anders als meiner, was für mich eine zusätzliche Herausforderung darstellte. Es war für uns beide eine schwierige Situation, doch ich kann hier nur meine damaligen Gefühle aus meiner eigenen Perspektive beschreiben. Parallel dazu bin ich in Mexiko nochmals Tante geworden. Meine Schwester hat ein Regenbogenmädchen geboren. Ich war somit nun stolze dreifache Tante. Ich habe mit meiner Schwester videotelefoniert und dabei lag das Baby auf der Brust seines Vaters. Das wunderschöne Bild war schmerzhaft für mich, jedoch auch einfach schön, wenn ich meine eigene Geschichte aussen vorlasse. Ich war in Mexiko, allein. Geplant als Paarurlaub, und jetzt frisch getrennt mit unsichtbarem Kind. Freude und Leid lagen dort so unglaublich nahe beieinander. Wenn ich heute zurückdenke, war es eine ganz absurde Situation. Als ich nach zwei Wochen aus Mexiko zurückkam, bin ich direkt zu meiner Schwester gefahren. Ich durfte meine Nichte auf der Brust spüren, ihr Bruder lang daneben und wir haben gemeinsam dieses kleine Wesen bestaunt.
So hätte es mit Jaël auch sein können. Das wären jetzt also die kleinen Füsschen und Hände. Ah so ist das beim Stillen. Ich habe ja medikamentös abgestillt, ich hatte nie Milch. Ich habe mir ausgemalt, wie es gewesen wäre - etwas, das ich nie erleben durfte. Dadurch hatte ich immer wieder Anhaltspunkte dafür, wie es hätte sein können. Und jedes Mal, wenn die Kleine geschrien hat, habe ich auch gedacht: Oh, zum Glück kann ich jetzt auf meinem Sofa in Ruhe eine Tasse Tee trinken. Beide Gefühle waren da und es durfte sein was ist. Dann kam der erste Geburtstag von Jaël, der Jahrestag. Dem Vater von Jaël und mir war es wichtig, diesen gemeinsam zu verbringen. Das haben wir auch getan. Wir waren in unserem ehemaligen gemeinsamen Zuhause, wo er immer noch wohnte. Wir haben etwas gegessen und auf dem Sofa noch etwas im TV geschaut. Dazwischen mit einer grossen Verbundenheit geweint, gelacht, geplaudert und geschwiegen. Wir verbrachten einfach Zeit miteinander. Seit der Trennung habe ich dem Vater von Jaël meine Gefühle offen mitgeteilt. Das konnte ich davor nicht mehr richtig. Manchmal war es ein regelrechter Eiertanz, weil ich nie wusste, welche Trauerreaktion mich erwartete. Das Motto war nun: Hau raus mit Respekt. Doch mir war es einfach gesagt egal, was er mit diesen Informationen machte. Ich habe ihm Emotionen gezeigt, die ich mich all die Monate davor nicht mehr getraut hatte zu zeigen, weil ich ihn schützen und unterstützen wollte. Ich wusste für mich, dass er als Mann emotional sehr tief fallen musste, bis er sich Hilfe holte. Das war dann gegen Ende des Jahres soweit. Trotz der Trennung blieben wir in stetigem Kontakt. Wenn er abends eine Panikattacke hatte, war ich übers Telefon bei ihm und habe ihn beruhigt. Ich wusste ja mittlerweile, was funktioniert. Ich fühlte mich trotzdem enorm entlastet, als er Hilfe angenommen hatte. Kurz vor Weihnachten verliebte ich mich unerwartet in meinen Arbeitskollegen. Ungeplant und mit voller Wucht. Mein Herzensmensch. Da wurde ich aufgefangen, es durfte sein was ist und ich musste mich nicht erklären. Er kannte mich während der Schwangerschaft, nach Jaëls Tod, und bekam auch die Herausforderungen im Umgang mit der Trauer und der Paarbeziehung mit dem Vater von Jaël mit. Er war einfach da. Da muss ich gleich schmunzeln. Denn zu Jahresbeginn gab es eine interessante Situation. Mein Herzensmensch wollte am ersten Januar zu mir auf Besuch kommen. Doch der Vater von Jaël rief mich an, dass es ihm nicht gut ging. Da war ich ganz schön in einer Zwickmühle. Doch ich hätte es mir nicht verziehen, wenn er den Wunsch nach Nachsterben wahrgemacht hätte, vor allem so kurz vor dem ersten Termin beim Psychotherapeuten. Also sagte ich meinem Herzensmensch ab und nahm mir Zeit für den Vater von Jaël. Mein Herzensmensch sagte nur: Das verstehe ich, du machst das Richtige und halte dabei immer im Blick, was dir guttut. Ich bin da für dich. Er verstand, dass da ein Band war zwischen dem Vater von Jaël und mir, das unantastbar ist. So ist das erste Trauerjahr vorbei gegangen. Intensiv. Alles passierte zum ersten Mal. Das Leben mit unsichtbarem Kind. Man sagt, das erste Trauerjahr sein das Schwierigste. Ich weiss nicht, ob ich das so pauschal unterschreiben würde. Bei mir war das Zweite auch intensiv, einfach anders.
Bei uns war es auch das zweite Jahr. Ganz klar das zweite Jahr. Im ersten Jahr ist, wie du sagst, alles neu. Man funktioniert, man tut, man läuft vorwärts. Im Zweiten weiss man, was auf einen zukommt, und man erlebt alles zum ersten Mal ein zweites Mal. Man beginnt zu realisieren.
Ja, das stimmt. Ich habe gewusst, was auf mich zukommt.
Im zweiten Jahr kommt auch das Realisieren. Es findet die Einordnung statt. Und diese gewisse Befreiung aus dem sehr verzweifelten, intensiven Erleben des ersten Jahres ist dann wie weg und macht Raum für das Realisieren, dass es definitiv einfach so ist. Man sieht das Kind nie mehr.
Ja. Das emotionale Akzeptieren. Rational habe ich sehr schnell begriffen, dass meine Tochter tot ist. Emotional hat es relativ lange gedauert, um wirklich zu verstehen, was das für mich als Mutter bedeutet.
Du bist ja nach etwa 1.5 Jahren von zwei Maturandinnen zu einem Podcast *"Ein Podcast für Sterbliche - Der Tod"* eingeladen worden, wo du über den frühen Kindstod sprichst. Dieser ist auf Spotify verfügbar. Du hast in diesem Podcast mehrfach formuliert oder darauf hingewiesen, dass es für dich erstaunlich war, wie schnell du einen Zustand der Akzeptanz erreicht hast. Wenn du heute, Jahre später, zurückblickst: Wie schätzt du das ein? Ist das immer noch so? Wie würdest du das, rückblickend, beschreiben? Viele Betroffene, vor allem in der Anfangsphase, in der diese grosse Verzweiflung herrscht, fragen sich ja: Muss ich jetzt bis ans Lebensende mit dieser Verzweiflung leben, oder wird es irgendwann besser? Sehr viele stellen sich diese Frage. Und darum gibt es dieses Bedürfnis, Menschen zu hören, die vier, fünf Jahre später stehen. Was sagst du, wird es besser?
Wird es wirklich besser? Ich denke es wird anders.
Das ist das, was immer alle sagen. Es wird anders. Aber was bedeutet das konkret? Oder anders gefragt: Am Anfang ist es wie nicht aushaltbar. Man hat das Gefühl, so kann ich nicht leben, das ist nicht ertragbar. Ist es dir nach einem Jahr, nach zwei, drei, vier Jahren anders gegangen? Alle sagen immer, es wird anders, aber wird es auch lebbarer, aushaltbarer?
Ich kann nur von mir reden, von meinem Verlust und meinem Umgang damit. Meine Tochter kam nach etwa acht Monaten Schwangerschaft zur Welt und lebte nach der Geburt noch acht Stunden. Geburt und Sterben waren nah beieinander. Ich weiss heute, wie Trauer bei mir funktioniert. Sie hat sich ein Stück weit in meinen Alltag integriert. Ich weiss Bescheid, mein Umfeld weiss Bescheid. Ich fühle mich in Sicherheit, dass die Trauer stattfinden darf, wenn sie kommt. Ich muss mich nicht erklären, ich darf mir erlauben zu fühlen. Die Trauerwellen kamen am Anfang in kurzen Abständen und waren sehr intensiv und erschöpfend. Mit der Zeit wurden bei mir die Abstände dazwischen länger und die Intensität nahm ab. Dazwischen habe ich eine natürliche Distanz zum Kindsverlust. Und in diesen Phasen lebe ich für mich einen ganz normalen Alltag. Ich arbeite, ich führe eine Partnerschaft, ich pflege meine Freundschaften, ich mache Sport, ich bin viel in der Natur unterwegs. Und während dieses normalen Alltags ist Jaël trotzdem immer in meinem Herzen dabei. Doch der Fokus ist nicht mehr permanent auf dem Verlust, wie zu Beginn. Wenn ich manchmal unterwegs bin, sage ich zum Beispiel: Das ist ein toller Spielplatz, das würde ihr gefallen oder da würden wir gemeinsam die Blüten vom Löwenzahn wegpusten. Sie ist in meinen Gedanken da, aber es liegt weniger Schmerz auf der Seele. Vielleicht eine Art Wehmut, dass ich das nicht mit ihr gemeinsam erleben kann. Zu Beginn hatte der Schnee eine grosse Bedeutung für mich, weil sie ja mit den ersten Schneeflocken des Jahres geboren wurde. Ich sprang bei jedem Schneefall nach draussen, egal um welche Uhrzeit, und habe die Schneeflocken auf meinem Gesicht gespürt. Die waren symbolisch Berührungen und Küsse von Jaël. Mittlerweile springe ich nicht immer nach draussen, sondern nehme es wahr und lächle. Ausser es ist der erste Schneefall des Jahres. Da ist für mich klar, Jaël begrüsst den Winter. Wenn die Trauerwellen kommen, ist das natürlich immer noch schmerzhaft. Wobei, wie gesagt, die Dauer und die Intensität variieren kann. Manchmal dauern sie nur ein paar Stunden, manchmal begleiten sie mich über mehrere Tage bis hin zu einer Woche. In solchen Phasen merke ich deutlich, dass meine Leistungsfähigkeit sinkt und ich mich eher zurückziehe, um Raum für diese Emotionen zu haben.
Diese Wellen frustrieren mich manchmal auch. Ich weiss zwar, dass sie kommen und wieder gehen, und trotzdem ist es jedes Mal schwierig, das wirklich auszuhalten. Gerade weil ich grundsätzlich ein sehr fröhlicher Mensch bin und es mir in meinen Fundamenten wirklich gut geht, fühlt es sich besonders ungewohnt an, wenn eine Trauerwelle mich aus dieser inneren Stabilität herausreisst. Ich habe gelernt, dass Wegdrücken nicht funktioniert. Im Gegenteil. Je länger ich versuche, die Trauer zu ignorieren, desto heftiger kommt sie später zurück. Deshalb versuche ich heute, diesen Wellen bewusst zu begegnen, statt sie wegzuschieben. Das hilft mir, besser durch sie hindurchzugehen und schneller wieder in meine Kraft zu kommen. Vor dem zweiten Muttertag ohne Jaël, noch vor dem Podcast, hatte ich eine richtig intensive Trauerwelle über zehn Tage. Ich hatte das grosse Bedürfnis, meine Geschichte und mein Erleben niederzuschreiben. Ich hatte plötzlich die irrationale Angst, viel Wichtiges zu vergessen. Also nahm ich alle Unterlagen, welche ich zu Jaël hatte, und mein Tagebuch aus Mexiko, und begann zu schreiben. Von dem Moment, als ich den Schwangerschaftstest in der Hand hatte, bis zum Muttertag 2023. Daraus ist ein Manuskript entstanden, was für mich unglaublich wertvoll ist. Denn so kann ich gelassen "vergessen", denn ich weiss, das für mich Wichtige ist niedergeschrieben. Ich darf diesen Platz im Gehirn frei machen für anderes. Für schöne neue Erinnerungen. Und immer, wenn ich das Bedürfnis habe in meine Geschichte einzutauchen, dann kann ich sie lesen. Dieses Interview zum Beispiel hilft mir auch, bewusst mit meinem Verlust umzugehen und hoffentlich anderen Betroffenen Mut zu machen. Eine solch intensive Trauerwelle hatte ich beispielsweise danach bis heute nicht mehr.
Bildlich gesprochen ist die Trauer wie der Inhalt einer Coca-Cola Flasche. Wenn der Inhalt in der Flasche zu lange durchgeschüttelt und verschlossen gehalten wird, dann kommt der Inhalt zum ungünstigsten Zeitpunkt und mit viel Druck raus. Also, wenn die Emotionen zu lange gefangen gehalten und unterdrückt werden, dann kommen sie immer dann, wenn es am wenigsten passt. Ungefragt. Daher lüfte ich heute regelmässig bewusst meine "Emotionsflasche". Sei es, dass ich einen emotionalen Film schaue, bei dem ich weinen kann, oder dann lasse ich mal die Tränen in einem Gespräch mit Freunden laufen. Wenn ich zudem darüber nachdenke, was sich beispielsweise zwischen 2022 und 2025, also während vier Jahren verändert hat, sind das kleinere und grössere Sachen. Es hat sich beispielsweise für mich letztes Jahr stimmig angefühlt, die Bilder von Jaël in der Wohnung abzuhängen. Sie ist nur noch an einem Ort mit einer Kerze präsent. Ich massiere beispielsweise meine Narbe nicht mehr, was lange Zeit sehr wichtig für mich war. Die Meditationen und Gespräche sind nicht mehr täglich, sondern phasenweise mehr oder weniger. Wenn ich mit Freunden spreche, ist der Verlust und der Umgang nicht mehr das prioritäre Thema, sondern was sonst gerade in meinem Alltag aktuell ist. Ich habe auch festgestellt, dass ich letztes Jahr aktiv begonnen habe, wieder viel mehr Selbstfürsorge zu pflegen. Ich habe mich und meine Gesundheit ins Zentrum gerückt. Nicht, dass ich das vorher vernachlässigt habe. Doch ich hatte plötzlich wieder genügend Energie neben dem Arbeiten, den Sport intensiver zu verfolgen. Das tut mir gut. Ich plane aktiv meine Freizeit. Ich habe das Ferienhaus meiner Familie in der Natur gekauft und verbringe dort viel Zeit. Jaël hat mir einen anderen Zugang zu mir geschenkt, den ich langsam aber sicher entdecke. Ich bin mir selbst lieb. Vorher waren das Trauern und Funktionieren im Vordergrund, mit dem Wunsch nach Normalität. Jetzt ist diese neue Normalität da und ich frage mich viel öfters: Was stimmt für mich gerade? Mag ich das unternehmen oder nicht? Passt mir die Person oder nicht?
Wieso denkst du, dass das so ist?
Wie ich gesagt habe, glaube ich, in der neuen Normalität angekommen zu sein. Zum Beispiel bei der Arbeit. Wenn sich Mitarbeitende aufregen, denke ich manchmal: Wieso regst du dich auf? Meine Tochter ist tot. Viel schlimmer kann es nicht werden. Es stirbt jetzt kein Mensch, nur weil beispielsweise ein Wort im Text falsch ist. Das hat für mich vieles relativiert. Es gibt so viel Schlimmeres. Also warum soll ich Energie verschwenden und mich unnötig aufregen? Und warum müssen mich alle Leute mögen? Ich mag ja auch nicht alle Anderen. Wenn sie mich fragen, und das passiert doch ab und zu, ob ich noch Kinder möchte oder ob ich ein Kind habe, sage ich manchmal: Ja, ich bin Mutter von einem Sternenkind. Und es ist mir mittlerweile egal, was das beim Gegenüber auslöst. Wenn du so eine Frage stellst, musst du auch mit der Antwort umgehen können. Ich finde es übergriffig, eine Frau, um die 40 Jahren zu fragen, ob sie noch Kinder will. Gerade wenn man weiss, wie viele Frauen/Paare mit unerfülltem Kinderwunsch umgehen müssen. Das ist meiner Meinung nach etwas sehr Privates, obwohl ich natürlich manchmal auch neugierig bin. Ich bin dort klarer geworden. Ich sage viel mehr, was ich denke. Irgendwie habe ich das Gefühl, Jaël gibt mir die Erlaubnis, viel mehr für mich einzustehen. Wenn ich für sie eingestanden bin, darf ich auch für mich selbst einstehen. Für das, was mir guttut. Das heisst nicht, dass ich mir Vorteile verschaffe oder dass ich nicht mehr Anteil nehme. Ich nehme sehr gerne Anteil. Ich bin mitfühlend. Ich lasse alles stehen und liegen, wenn jemand aus meinem engen Umfeld mich braucht. Ich höre gerne zu. Doch ich habe wirklich bewusst angefangen, mich, nach der Zeit der intensiven Trauer und dem Lernen mit der Trauer umzugehen, wieder selbst als Person ins Zentrum zu rücken.
Darf ich noch kurz nachfragen. Du sagst, du hast dich mehr ins Zentrum gestellt. Du formulierst das so, als hättest du das aktiv gemacht. Hat dich dieses Erlebnis dazu gezwungen, dich so stark mit dir selbst auseinanderzusetzen? Zuerst war ja alles auf deine Tochter fokussiert, alles andere wurde ausgeblendet. Dann ist sie gestorben, und du bist übriggeblieben, mit ihr als Verstorbene. Es dreht sich in diesem Erleben ja vieles um dich. War das wie eine Erkenntnis, dass du schlussendlich nur dich hast?
Ich weiss nicht, ob ich diesen Prozess bewusst und aktiv angestossen habe. Aber ich habe mich ganz klar dafür entschieden, mir zu erlauben, wieder glücklich zu sein. Gleichzeitig war es einfach an der Zeit, mich selbst stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Durch das Erlebnis mit Jaël habe ich einen neuen Zugang zu mir gefunden. Dieser Zugang war zuvor durch die akute Trauer und das mühsame Zurückfinden in den Alltag verdeckt. Viele der Emotionen, die ich in dieser Zeit erlebt habe – oder erleben musste – hätte ich früher vermutlich nicht zugelassen. Alle Erfahrungen dieser Phase, die Begegnungen mit Menschen, das Einstehen für jemand anderen, die Beziehung zu einem Partner mit einem völlig anderen Bewältigungsmechanismus, die Therapien, die ich gemacht habe – all das hat mich verändert. Ich glaube, diese Summe an Erlebnissen hat mir geholfen, einen neuen, ehrlicheren Zugang zu mir selbst zu finden. Und genau das meine ich, wenn ich vom "Erbe von Jaël" spreche. Sie hat mir unglaublich viel geschenkt. Durch sie habe ich einen neuen Zugang zu mir als Frau gefunden, einen, den ich ohne sie nie entdeckt hätte. Ich möchte nicht, dass die Gesellschaft mir vorschreibt, wie ich zu trauern habe. Nur weil ich ein Kind verloren habe, bedeutet das nicht, dass ich mein Leben lang traurig sein muss. Und es heisst auch nicht, dass andere von mir erwarten dürfen, dass ich nicht lachen oder Freude empfinden darf. Ich habe einmal gelernt, dass zwischen einer Situation und meiner Reaktion darauf ein Entscheidungsspielraum liegt. Und genau dort entscheide ich, wie ich mit etwas umgehen möchte; positiv oder negativ. Diese Wahl liegt bei mir. Und wann immer es möglich ist, entscheide ich mich bewusst für eine positive Reaktion.
Wenn man an deinem Büro vorbeiläuft, strahlst du. Du bist fröhlich, du lachst. Selbst in stressigen Phasen versprühst du Positivität. Das freut mich sehr, denn es zeigt mir, dass meine Haltung nicht nur mir guttut, sondern auch meinem Umfeld. Andri: Was hat sich sonst noch verändert in den Jahren? Ganz klar die Intensität und Dauer der Trauerwellen haben sich im Laufe der Jahre verändert. Der ursprüngliche, rohe Schmerz ist mit der Zeit eher einer Wehmut gewichen. Schmerz fühlt sich für mich sehr akut und überwältigend an; als würde etwas im Moment zerreissen. Wehmut hingegen ist leiser, tiefer und vielschichtiger. Sie trägt eine gewisse Sanftheit in sich, weil sie nicht nur den Verlust selbst umfasst, sondern auch die Liebe, die dahintersteht. Diese Wehmut entsteht oft in Momenten, in denen mir bewusst wird, was hätte sein können. Es wäre schön gewesen, sie aufwachsen zu sehen und all die kleinen und grossen Augenblicke mitzuerleben, die das Leben prägen. Das löst keine Hilflosigkeit mehr aus wie früher, sondern eher eine zarte, bittersüsse Sehnsucht. Etwas, das gleichzeitig schmerzt und verbindet.
Der Verlust ist nicht weg, aber er hat eine andere Form angenommen. Er begleitet mich weniger als Stich und mehr als eine stille Erinnerung daran, wie viel sie mir bedeutet hat. Vor dem vierten Geburtstag war die Trauer zum Beispiel viel stärker als im Jahr zuvor. Das hat mich überrascht, denn vor dem dritten Geburtstag war es ganz still, da war praktisch nichts spürbar. Am dritten Geburtstag sind der Vater von Jaël und ich zusammen nach Lugano gefahren, eine Stadt im Kanton Tessin. Bei strahlendem Sonnenschein haben wir am See gesessen und auf einem kleinen Stück Kuchen drei Kerzen angezündet. Für uns ist es nach wie vor wichtig, diesen Tag gemeinsam zu verbringen. Es ist unser Weg, ihre Präsenz und unsere Verbindung zu ihr zu würdigen. Manchmal ist die Trauer an solchen Tagen stärker, manchmal leiser. Doch das Ritual, den Tag bewusst miteinander zu gestalten, gibt uns Halt und schafft Raum für das, was jeweils da ist. Und wir sind auch während des Jahres oft miteinander unterwegs. Wir gehen zusammen essen, trinken einen Kaffee oder telefonieren einfach zwischendurch: Hey, wie geht es dir? Manchmal sprechen wir über Jaël, manchmal überhaupt nicht. Das ergibt sich ganz natürlich. Mit der Zeit hat die Frequenz solcher Treffen etwas abgenommen, was ja normal ist. Aber die Verbundenheit bleibt. Und genau diese tut mir unglaublich gut. Verändert hat sich auch, dass der Vater von Jaël nun aus der ehemaligen Familienwohnung ausgezogen ist. Und so haben wir gemeinsam die bemalte Wand im Kinderzimmer überstrichen. Jetzt wurde das Kapitel zu dieser Wohnung, wo so viele Erinnerungen daran hangen, geschlossen. Auch das zeigt, es geht weiter. Alles hat seine Zeit und sein Tempo.
Du hast mir im Privaten gesagt, dass nicht nur deine Schwester und du einen Kindsverlust erlebt haben, sondern auch dein Bruder. Was hat das mit dir damals gemacht?
Etwas mehr als ein Jahr nach Jaëls Tod wurden mein Bruder und seine Frau zum zweiten Mal Eltern. Nach der Geburt hat man bei ihrem Mädchen einen seltenen Gendefekt festgestellt. Sie durfte nur etwa drei Wochen leben. Ich durfte sie vor ihrem Tod besuchen und konnte mich von ihr verabschieden. Das war schön und ich wusste, Jaël würde auf sie warten und sie begrüssen. Dann können die drei Frauen, also Jaël, das Mädchen meines Bruders und das Mädchen von meiner Schwester, gemeinsam Zeit verbringen, wo immer das auch ist. Und in dem Moment wusste ich jedoch auch, was auf meinen Bruder und seine Frau zukommen könnte. Und gleichzeitig wollte ich mich nicht wieder mit diesem Thema konfrontieren. Diese Balance - zwischen ihnen Beistehen und festzustellen, dass ich das emotional kaum konnte - war schwierig. Denn hier trauerte ich um meine Nichte und fühlte mit meinem Bruder, seiner Frau und ihrem kleinen Sohn mit.
Du wusstest, was in ihnen vorgeht.
Ja. Ich konnte gut nachempfinden, was sie durchmachen oder es mir zumindest vorstellen. Ich habe meinem Bruder und seiner Frau einfach zugehört. Ich habe ihnen bewusst keine Ratschläge gegeben. Nur wenn sie konkret gefragt haben, habe ich erzählt, wie ich es erlebt habe und was mir geholfen hat. Aber ihren eigenen Weg und Umgang damit, mussten sie selbst finden. Und das tun sie bis heute gemeinsam. In der Zwischenzeit bin ich nochmals Tante geworden. So habe ich heute vier sichtbare gesunde Neffen/Nichten, was eine grosse Freude ist.
Wenn alle, also du und deine beiden Geschwister, genau wissen, wovon die andere Person spricht, dann kommt man natürlich automatisch auf dieses Thema. Früher, vor hundert Jahren, war das wahrscheinlich alltäglicher, dass ein Kind verstirbt. Heute ist es etwas Besonderes. Und es hat ja auch etwas sehr Verbindendes. Habt ihr gemeinsam ein Ritual? Oder hat sich jemand von euch Gedanken darüber gemacht?
Nein, wir haben kein gemeinsames Ritual.
Ihr wollt das auch nicht?
Wir haben uns ehrlich gesagt nie wirklich Gedanken darüber gemacht. Die drei Sternenkinder sind bei unseren Treffen ganz selbstverständlich präsent, ohne dass wir etwas dafür tun müssen. Und jedes Geschwisterteil hat seinen eigenen Umgang mit der Trauer gefunden.
Schön.
Ja. Meine Eltern sagen auch immer, sie haben vier lebende Enkel und drei Sternenkinder. Gerade für meine Mutter ist das sehr wichtig, das so zu sagen. Sie hat nicht nur vier Enkel, sie hat sieben.
Sie gehören zur Familie dazu. Das bringt mich dazu zu fragen, wie geht eigentlich dein Umfeld damit um? Deine Mutter und dein Vater? Ich bin ja selber Vater einer Tochter und hatte eine ganz spezielle Beziehung zu ihr. Ich war Hausmann, habe so viel Zeit mit ihr verbracht - sie ist mein Ein und Alles. Du hast gesagt, du bist die Älteste. Ich kann mir gut vorstellen, dass dein Vater zu dir auch eine sehr intensive, innige Verbindung hat. Jetzt, traurigerweise, haben deine Eltern, so wie du erzählt hast, dreimal erleben müssen, dass ein Grosskind zwar auf die Welt gekommen ist, aber danach auch wieder gestorben ist. Und er hat das einzige Kind, das du bekommen hast, auch wieder verloren. Und er hat sich ja sicher so gewünscht, dass seine Tochter ein Kind bekommt, sein Grosskind. Und er hat dieses Grosskind über alles geliebt. Und es war auch noch ein Mädchen.
Das war für meine Eltern bestimmt nicht leicht. Ich habe sie lange nicht danach gefragt, was das mit ihnen macht. Zum vierten Geburtstag von Jaël sind ihr Vater und ich in mein Ferienhaus gegangen. Meine Eltern sind uns besuchen kommen. Es war ihnen ein Bedürfnis, den Vater von Jaël auch wieder zu sehen. Meine Eltern sind also Mittagessen gekommen und wir haben uns unterhalten. Beim Kaffee hatte ich meinen Vater euphorisch gefragt, ob er das Album von Jaël anschauen mag. Ich habe ihm und meiner Mutter das Album auf die Knie gelegt und angefangen zu blättern. Ich habe gesagt: Schau mal, da war sie noch im Bauch. Oh, da waren wir kurz vor dem Kaiserschnitt. Und da durfte ich sie halten, schau mal, da streckt sie ihr Füsschen entgegen. Für mich ist es so natürlich geworden, dieses Album anzuschauen. Und je länger ich erzählt habe, desto mehr habe ich bemerkt, wie bei meinem Vater die Augen wässrig wurden und die Tränen liefen. Mir war nicht bewusst gewesen, wie viel das auch heute noch mit ihm macht. Mir ist da erst bewusst geworden, dass sie eigentlich doppelt Anteil nehmen. Einerseits fühlen sie mit ihrer Tochter mit und andererseits wäre da Jaël, ihre Enkelin, die nun nicht da ist. Mein Vater und ich sprechen oft miteinander, wie meine Mutter und ich auch. Jaël ist auch immer wieder ein Thema. Aber ich habe ihn nie konkret gefragt, auch zwei, drei Jahre danach nicht: Wie geht es dir wirklich? Was hat das mit dir gemacht? Was hättest du gebraucht? Sie waren eigentlich sehr allein mit diesem Thema.
Und mit deinen Geschwistern? Haben sie sich dort gegenseitig gestützt? Sie hatten ja, so wie wir es nennen, fast einen Erfahrungsvorsprung, wenn es dann wieder passiert ist.
Wir haben ja das Glück, dass sie sichtbare Enkel haben. Meine Eltern haben regelmässig Kontakt mit ihnen und ich nehme an, dass sie dadurch einen anderen Bezug zu meinen Geschwistern haben. Dort geht es viel um die Enkel, um deren Entwicklung, um Alltag.
Und bei dir gibt es nur noch …
… bei mir gibt es jetzt einfach mich. Und sie hatten, so glaube ich, schon auch Sorgen. Wie verkrafte ich das, wie gehe ich damit um? Aber ich glaube, sie sehen mittlerweile, dass ich einen guten Umgang gefunden habe. Sie sehen, dass ich eine schöne Beziehung zum Vater von Jaël habe. Und auch, dass ich seit mehr als drei Jahren mit einem wunderbaren Herzensmenschen durch das Leben gehe. Sie sehen, dass ich mein Leben lebe und geniesse.
Haben deine Eltern Austausch mit anderen Grosseltern?
Mit anderen Grosseltern schon. Aber ich glaube nicht mit solchen, die auch ein Enkelkind verloren haben.
Was habt ihr eigentlich mit der Urne von Jaël gemacht? Wo ist diese?
Bis zu ihrem vierten Geburtstag war die Urne beim Vater. Für mich war die Urne nie ein wichtiger Bezugspunkt. Ich habe eine schöne Kerze in der Wohnung, welche ich anzünde, wenn ich das Bedürfnis habe. Jetzt, wo der Vater von Jaël umgezogen ist und ich das Ferienhaus in der Natur habe, haben wir gemeinsam entschieden, dass sie dorthin kommt. Sie hat im Haus einen dezenten Platz. Wenn man unsere Geschichte nicht kennt, denkt man, es sei einfach ein Kunstgegenstand.
Ich weiss, du hast vorhin gesagt, es gibt Fragen, die du nicht gerne hast oder die du "frech" findest, gerade in Bezug auf den Kinderwunsch. Trotzdem stelle ich sie jetzt. Für dich ist klar, du willst keine Kinder mehr? Kannst du dazu noch etwas sagen, wieso sich das für dich so stimmig anfühlt?
Ich möchte es vielleicht so formulieren: Direkt nach dem Tod von Jaël konnte ich mir sehr gut vorstellen, noch ein zweites Mal Mutter zu werden. Doch aufgrund der Paardynamik war das damals kein Thema mehr. Und nach der Trennung war ich 38 Jahre. Ich hätte also schnell einen passenden Partner finden müssen. Und für mich waren schon immer beide Lebenswege in Ordnung, mit oder ohne Kinder. Mein Herzensmensch, in den ich mich nach der Trennung verliebt habe, hat bereits einen Sohn und wünschte sich keine weiteren Kinder. Er hätte mich jedoch nie daran gehindert, meinen Kinderwunsch, falls ich noch einen gehabt hätte, mit jemand anderem zu leben. Doch dieser Wunsch ist bei mir seither nicht mehr zurückgekommen. Ich habe ein Kind. Ich bin Mama, und das werde ich mein Leben lang sein. Auch wenn ich diese Rolle nicht aktiv ausfüllen kann, begleitet sie mich. Gleichzeitig habe ich heute andere Wege gefunden, Fürsorge und Verbundenheit zu leben. Manchmal sage ich schmunzelnd: Ich bin die Mutter von vielen. Nicht im biologischen Sinn, sondern weil ich für viele Menschen eine verlässliche, warme Bezugsperson bin. Ich kann Tante sein. Ich kann eine zusätzliche, liebevolle Präsenz im Leben des Kindes meines Herzensmenschen sein – eine Art "Bonus-Bezugsperson", ohne Verpflichtungen, aber mit viel Herz. Auf Anraten meiner ehemaligen Therapeutin stelle ich mir jedes Jahr bewusst die Frage nach dem Kinderwunsch. Ob ich meinen Entscheid irgendwann einmal bereuen werde, weiss ich nicht. Das wird die Zukunft zeigen. Doch jetzt fühlt sich mein Weg richtig an. Ich geniesse mein freies, selbstbestimmtes Leben und es passt zu mir, so wie es heute ist.
Ja. Und sie ist in diesen vier Jahren, wie du vorhin gesagt hast, schon wahnsinnig schnell "älter" geworden.
Ja. In meinen Meditationen, ich mache sie nicht mehr jeden Abend, aber immer dann, wenn ich spüre, dass ich sie brauche, begegnet sie mir als erwachsene Person. Und es geht ihr gut. Sie ist frei, wo auch immer sie jetzt ist.
Also … sie ist auf die Welt gekommen, sie ist gestorben, und sie lebt jetzt mit dir, in dir weiter. Du hast vorhin gesagt, man vergleicht ja seine eigene Geschichte mit denen anderer, auch wenn man es nicht sollte. Und du sagst, du seist sehr stolz auf dich und deinen Umgang. Wenn ich das jetzt so höre, ist es für mich, wie wenn Jaël in diesen vergangenen vier Jahren wie erwachsen geworden ist. Mit dem Erwachsenwerden lässt man sein Kind ja auch wieder los. Sie wird selbstständig und lebt ihr eigenes Leben. Und dadurch, dass das bei dir – wenn ich das so beurteilen darf – auch so schnell gegangen ist, diese ganze Verarbeitung dieses Verlusts, hast du sie verhältnismässig schnell, innerhalb von vier Jahren, wieder losgelassen. Jetzt darf sie erwachsen sein, auch in deinen Meditationen. Stimmt das so?
Ja, nichtsdestotrotz, die Wunde heilt, doch die Narbe bleibt.
Ja. Ich meine, sie war ja da.
Ja, Jaël ist da. Mein Motto war immer: Der Weg hinaus führt hindurch. Ich habe die Trauer nicht aktiv herbeigerufen; aber ich habe mich entschieden, ihr nicht auszuweichen. Indem ich ganz bewusst in die schmerzhaften Situationen hineingegangen bin und mich, vor allem in den ersten zwei Jahren, immer wieder aktiv mit dieser Trauer konfrontiert habe, konnte ich diesen herausfordernden Weg nach dem Verlust meines Kindes überhaupt gehen. Das bewusste Hinschauen war mein Weg, nicht das Heraufbeschwören. Ein Beispiel dafür ist, dass ich den Mitarbeitenden der Frauenklinik, mit denen wir damals direkten Kontakt hatten, eine Dankeskarte geschrieben und sie persönlich vorbeigebracht habe. Das war ein unglaublich schwieriger Gang, aber ich bin ihn bewusst gegangen, weil er ein Teil meines Heilungsprozesses war. Solche Schritte mache ich immer wieder ganz bewusst. Auch als ich für dieses Interview angefragt wurde, war mein erster Impuls: Dann muss ich mich wieder intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Ich muss erneut eintauchen in die Geschichte, in die Trauer, in all den Schmerz, der dann wieder sehr präsent wird. Mein erster Gedanke war deshalb auch: Will ich mir das wirklich zumuten?
Doch – ich erzähle gerne von meiner Tochter und von dem, was sie mir hinterlassen hat. Ich bin dankbar und auch stolz auf meinen Weg und auf den Umgang, den ich damit gefunden habe. Die Vorbereitung auf dieses Gespräch war sehr intensiv. Es kam so vieles wieder hoch, Erinnerungen aus der Partnerschaft, aus der Schwangerschaft, aus der Zeit danach. Eine geballte Ladung an Emotionen. Ganz ehrlich: Letzte Woche war ich bei der Arbeit nicht besonders leistungsfähig. Ich habe mich bewusst wieder in diesen Prozess hineingegeben. Und ich weiss auch, dass ich danach wieder bewusst Abstand nehmen werde. Mir fällt da ein Bild ein von einer Kuh, welche einen Magen mit vier Abteilungen hat; die Nahrung wird immer weiter verdaut. Mit jeder bewussten Auseinandersetzung wird meine Trauer weiter verdaut und geheilt. Es wird leichter und anders. Nur, dass es bei mir nicht nur vier Abteilungen sind, sondern vermutlich ein lebenslanger Prozess. In meiner Vorstellung ist die Trauer irgendwann so gut integriert, fast unsichtbar. So wie Jaël unsichtbar mit mir lebt. Darum mache ich dieses Gespräch. Wenn mein Umgang andere Betroffene inspirieren kann, dann haben Jaël und ich schon kleine Spuren hinterlassen. Sei es, dass es ihnen hilft, Standardsätze vor dem Spiegel zu üben, Rituale zuzulegen, die für sie stimmig sind, einen Kraftort oder Kraftobjekt mit sich zu tragen. Oder auch verschiedene Therapieansätze auszuprobieren wie Psychotherapie, Hebammengespräche, Selbsthilfegruppen, Polarity, Traditionelle Chinesische Medizin, Malen, Musizieren, Schreiben. Sich aktiv erlauben, Freude zu empfinden, und der Trauer Raum zu schenken, wenn sie kommt, und sie wieder ziehen zu lassen. Emotionen zuzulassen und bei sich zu bleiben. Akzeptieren, dass Trauer Arbeit ist und viel Gehirnkapazität braucht, was zu weniger kognitiver Leistungsfähigkeit führen kann, oder wie bei mir zu Gehirnnebel.
Was hat dir sonst noch geholfen? Was mir wirklich geholfen hat, und vielleicht auch anderen helfen kann, die in einer ähnlichen Situation wie ich sind, ist, Erinnerungen zu sammeln. Schon während der Schwangerschaft, wenn man weiss, dass etwas nicht gut ist. Je nachdem, ob man sie später braucht oder nicht. Dieses Jaël-Album führe ich auch heute noch weiter. Es ist nicht mehr so detailliert, aber jedes Jahr kommt ein Foto vom Jahrestag hinein. Von mir und dem Papa von Jaël. Und ein paar Worte dazu, wie es uns in diesem Jahr ergangen ist. So habe ich immer etwas, das bleibt. Und dieses Jahr, also 2025, habe ich gemerkt: Oh, ich habe das Album gar nicht mehr richtig weitergeführt. Und ich habe kurz gedacht: Bin ich jetzt eine schlechte Mutter? Ich habe mich auch kurz dafür geschämt, dass ich dem weniger Priorität geschenkt habe. Aber das zeigt auch, das ist der Fluss des Lebens. Meiner Erfahrung nach finde ich es wichtig, dass sich beide Partner Unterstützung holen. Gemeinsam und/oder in Einzeltherapie. Rückblickend sagt das auch der Vater von Jaël, unabhängig davon, ob das bei uns als Paar etwas geändert hätte. Der Fokus sollte auch beim Mann liegen und nicht nur auf der Frau. Denn sie werden oder sind gemeinsam Eltern. Und Männer betrauern den Verlust auch. Da kommt mir ein Moment in den Sinn, als Jaël verstorben war. In dieser Ausnahmesituation wurde dem Vater von Jaël durch das anwesende Pflegepersonal nicht aktiv angeboten, ob er sie ebenfalls noch halten möchte. Wir waren in einem solchen Schockzustand, dass gerade deshalb ein behutsames Angebot in diesem Moment beispielsweise wertvoll gewesen wäre.
Du sagst, du bist sehr stolz, wenn du dich mit anderen Betroffenen vergleichst. Aber damit sagst du ja indirekt auch: Wenn es bei anderen Betroffenen nicht so läuft wie bei dir, darf man nicht stolz sein.
Das ist nicht meine Absicht, diesen Gedanken auszulösen. Für mich bedeutet stolz sein, die eigenen Anstrengungen anzuerkennen, auch dann, wenn der Weg nicht gradlinig war. Ich sehe Stolz als Fähigkeit, zu sagen: Das habe ich geschafft, trotz Zweifel, Angst oder Herausforderungen. Ein wichtiger Teil meiner Identität ist, dass ich Mutter bin. Auch wenn ich diese Rolle heute nicht so leben kann, wie ich es mir wünschen würde, empfinde ich tiefen Stolz und Selbstachtung dafür, wie ich meinen Weg gehe. Mein Weg war bei Weitem nicht perfekt. Ich habe mit meinem Bewältigungsmechanismus dazu beigetragen, dass die Beziehungsdynamik irgendwann gegen uns als Paar war. Wir sind als Paar gescheitert. Gleichzeitig bin ich dankbar, dass ich meine Positivität, mein Lachen und meine Freude am Leben behalten konnte. Diese Erfahrung hat mich gestärkt und geprägt, und zeigt sich auch heute in meinem Umgang mit anderen Menschen.
Was würdest du denn denen sagen, die auch vergleichen, so wie du das gemacht hast, und einfach merken: Ich bin nicht dort. Und ich bin auch nach zwei Jahren noch völlig nicht funktionsfähig. Ohne, dass man das jetzt als Depression pathologisiert, sondern einfach als eine so langanhaltende tiefe Trauer. Was würdest du ihnen sagen?
Lasst Erwartungen los. Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo. Und manchmal sind es die ganz kleinen Veränderungen, die zählen. Vielleicht ein kurzer Moment der Freude, wenn die Sonne scheint. Erlaubt euch zu fühlen. Haltet euch an kleine Routinen fest, die Stabilität geben. Sprecht mit einer vertrauten Person oder schreibt eure Gedanken auf. Das kann Ordnung schaffen und entlasten. Findet euren eigenen Weg. Einen, der zu euch passt und sich für euch stimmig anfühlt. Und wenn die tiefe Trauer auch nach zwei oder zehn Jahren noch da ist, dann gehört sie eben zu euch. Gleichzeitig können immer mehr Momente von Freude und Genuss auftauchen, und das ist bereits ein Gewinn. Auch wenn sich manches festgefahren anfühlt - nichts bleibt, wie es ist. Veränderung arbeitet oft leise im Hintergrund. Und plötzlich, irgendwann, macht sie sich bemerkbar.
Du hast ja auch schön formuliert, dass du durch deine Eltern, durch deine Familie, durch das, was du mitbekommen hast, etwas hattest, das dir erlaubt hat, so eine Kraft zu entwickeln, damit umzugehen. Hingegen bei anderen, die vielleicht nicht so optimale Rahmenbedingungen hatten, ist es unter Umständen einfach viel schwieriger.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass meine persönlichen Voraussetzungen mir in diesem Prozess sehr geholfen haben. Ich hatte und habe vermutlich optimale Rahmenbedingungen. Von meinen Eltern habe ich ein starkes Urvertrauen und viel Liebe mitbekommen. Und ich mag mich mit all meinen Ecken und Kanten. Ich habe viel Selbstliebe, einen starken Willen und das Vertrauen, auch schwierige Wege zu bewältigen. Dieses innere Vertrauen hat mir enorm geholfen. Natürlich war ich auch ungeduldig mit mir selbst, und mein Motto "Der Weg hinaus führt hindurch" war manchmal sehr fordernd. Aber es war gleichzeitig mein Antrieb, um mit dem Verlust umzugehen. Dazu kommt, dass ich die Fähigkeit habe, kleine Dinge wertzuschätzen und dankbar zu sein für all das Schöne im Leben. Ich habe schon früh gesagt: In der Traurigkeit liegt eine unglaubliche Schönheit. Die enorme Anteilnahme, die wir erfahren durften, hat mich tief berührt. Diese Menschlichkeit zu erleben, war etwas sehr Schönes. Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch seinen eigenen Fahrplan hat. Und ein Verlust, egal welcher, ist ein Verlust. Ob ein Kind wie Jaël nur acht Stunden auf der Erde ist, ob eine Schwangerschaft früh endet, ob ein Kind nach einer Krankheit mit vier Jahren verstirbt oder ein Jugendlicher durch einen Unfall, jeder dieser Wege ist einzigartig. Und jeder dieser Verluste bringt Trauer mit sich. Die Phasen der Trauer mögen ähnlich sein, aber jede Person erlebt sie auf ihre ganz eigene Art und in ihrer eigenen Intensität. Darum ist es meiner Meinung nach so wichtig, sich Zeit zu geben und die Erwartungen von anderen oder auch die eigenen loszulassen. Dieses "Du musst schnell wieder funktionieren" oder "Was, nach zwei Jahren bist du immer noch traurig?" ist leicht gesagt, besonders von Menschen, die selbst nicht betroffen sind. Ich sage in solchen Momenten manchmal: Zieh meine Schuhe an, geh ein Stück meinen Weg und dann reden wir wieder. Erst dann kannst du dir ein Urteil erlauben.
Menschen, die meinen Weg, meine Emotionen oder meinen Umgang damit nicht verstehen oder nicht respektieren können, tun mir nicht gut. Dann darf man sich auch von einem Umfeld lösen, selbst wenn es nicht einfach ist. Manchmal ist das ein stiller, aber wichtiger Schritt, um sich selbst treu zu bleiben.
Hat sich das bei dir auch verändert? Die Freundschaften von vorher zu nachher?
Die engen Freundschaften hat es noch vertieft. Und dann habe ich den Kontakt zu wenigen Personen losgelassen oder loslassen müssen. Einerseits, weil es für mich nicht mehr stimmig war, oder dann konnten die Personen mit dem Tod und Verlust nicht umgehen.
Vielleicht noch ein Aspekt. Ein Teil deiner Familie hat Jaël kennengelernt, aber sonst ja niemand. Das ist ja eine spezielle Eigenheit bei dieser Art von Kindsverlust. Diese Kinder, die für die meisten unsichtbar bleiben. Die anderen Menschen haben sie nicht gekannt. Gibt es dazu noch etwas, das du sagen möchtest?
Ich glaube, für die Menschen, meine Freunde, die sie nicht kennenlernen durften, war die Gedenkkarte mit dem Foto darauf, sehr hilfreich. So haben sie ein Bild, wenn von Jaël gesprochen wird.
Und sie sehen: Das ist ein Mensch, der tatsächlich da war.
Sie war ein Mensch mit zehn Fingern, zehn Zehen. Ein richtiger Mensch. Sie ist da gewesen. Und bei engen Freundinnen hängt diese Gedenkkarte bis heute in der Wohnung, wie auch bei meiner Gynäkologin hängt sie an der Wand mit allen anderen Kindern.
Und es darf auch ein Foto sein mit Schläuchen.
Meiner Meinung nach ja. Auf dem Foto sieht man einen Schlauch und den Ansatz des Bauchbeutels.
Auch wenn das das einzige Foto wäre, das es gibt?
Die wichtigste Frage ist für mich: Was stimmt für euch als Eltern? In dieser sensiblen Zeit sollte man wirklich nur das tun, was sich für einen selbst und als Paar richtig anfühlt – unabhängig davon, was die Gesellschaft erwartet oder was andere Menschen darüber denken. Wenn jemand eine Gedenkkarte erhält und damit nicht umgehen kann, dann ist das ihr Thema, nicht eures. Jede Person reagiert anders auf Verlust und Trauer, und das darf so sein. Für uns war es stimmig, auf der Gedenkkarte ein Foto von Jaël zu zeigen und zusätzlich ein Bild von uns dreien. Man sieht den Vater von Jaël und mich, beide mit geschlossenen Augen, und in meinen Armen liegt Jaël, kurz bevor sie verstorben ist. Das war unser Familienmoment. Ein sehr intimer, kostbarer Augenblick, den wir teilen wollten, weil er für uns voller Liebe war.
Damit wolltest du zeigen, sie war da?
Ja. Für mich ist sie real. Sie ist unser Kind. Sie war da und sie hat in dieser kurzen Zeit ihre Spuren auf dieser Erde hinterlassen. Die Menschen, die unsere Gedenkkarte erhalten haben, haben sie damit auch gesehen. Und für mich war sie wunderschön. Wenn ich mit jemandem über unsere Geschichte gesprochen habe, habe ich die Karte oft gezeigt. Nicht, um jemanden zu konfrontieren, sondern weil ich stolz bin, Mama von Jaël zu sein. Sie ist real und ich möchte ihre Existenz sichtbar machen. Das Erbe, das sie mir hinterlassen hat, ist unglaublich und das in dieser so kurzen gemeinsamen Zeit. Ich durfte eine Schwangerschaft erleben. Sie hat mich zur Mutter gemacht. Sie hat mir einen neuen Zugang zu mir selbst geschenkt. Und sie hat mein Leben bereichert, auf eine Weise, die sich schwer in Worte fassen lässt. Andri: Das wollte ich dich auch noch fragen. Du warst selbst nie als Teilnehmerin in einer Trauergruppe. Franziska: Nein. Für mich persönlich hat sich das nie stimmig angefühlt. Andri: Und jetzt… ich meine, unser Gespräch ist ja auch ein bisschen so etwas in diese Richtung. Franziska: Da hast du natürlich recht. Ich bin immer offen für ein Zweiergespräch. Man darf mich alles fragen. Wenn ich eine Antwort habe, gebe ich sie gerne und wenn ich etwas nicht beantworten möchte, sage ich das auch klar. Und wenn ich angefragt werde, zum Beispiel von einer Mutter, die gerne mit mir sprechen würde, dann bin ich bereit, in diesen intensiven Kontakt zu gehen. Aber das sind Gespräche, in denen ich ganz individuell auf die andere Person eingehen kann und genau das entspricht mir.
Aber wenn es jetzt so ein Angebot für deine Eltern gäbe, würdest du ihnen das empfehlen?
Ich würde es ihnen ans Herz legen. Ich würde es ihnen zeigen, davon erzählen. Aber ich würde sie nicht drängen. Sie müssen sich selbst dazu entscheiden, daran teilzunehmen.
Wir kommen langsam zum Schluss unseres Gesprächs. Gibt es etwas, das dir wichtig wäre und das wir noch nicht angesprochen haben? Möchtest du etwas ergänzen?
Danke, dass ich die Geschichte von Jaël teilen durfte. Ich wünsche mir, dass meine Erfahrung anderen Betroffenen Mut macht – und dass ihre Wunde heilen darf, sodass sie mit der entstandenen Narbe einen für sich stimmigen Umgang finden können. Jaël lebt in unseren Erinnerungen und Gedanken weiter, und ich bin sicher, dass sie uns von irgendwoher liebevoll zulächelt. Danke dir für dieses Gespräch.
Danke dir für diene Offenheit und den Austausch.
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